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Sie geben uns ständig Rätsel auf

Denksportaufgaben in Zeitungen und Heften denken sich Profis aus. Eine große Rätselagentur ist Kanzlit. So arbeitet sie.

F.A.Z.

5.09.2019

Helen Lehnau

Johanneum zu Lübeck, Lübeck

Plüschige Gardinen, eine Tasse Tee, die Wanduhr tickt leise, im Lehnsessel sinniert eine alte Dame über einem Kreuzworträtsel. Das Klischee von der älteren Rätselfreundin stimmt so nicht. Nach Angaben von Statista.com haben 2018 rund 40 Millionen Bundesbürger ab 14 Jahren in ihrer Freizeit ab und zu oder sogar oft Rätsel gelöst. Doch woher kommen diese eigentlich? Denken sich zum Beispiel die Zeitungsschaffenden die Denksportaufgaben selbst aus? Nein, dafür gibt es Rätselagenturen. Eine ist die Kanzlit Pressebüro KG, ein in der dritten Generation inhabergeführtes Unternehmen mit Sitz in Lübeck. Es feiert in diesem Jahr sein neunzigjähriges Jubiläum.

„Betrachtet man die Anzahl unserer täglich veröffentlichten Rätsel, könnte man durchaus sagen, dass wir Marktführer sind“, sagt der Geschäftsführer Peer-Gunnar Timm. Kanzlit beliefere Zeitungen und Wochenblätter in Deutschland, Österreich und der Schweiz, zum Beispiel den Springer Verlag mit der „Welt am Sonntag“ und der „Bild“-Zeitung, das Redaktionsnetzwerk Deutschland, die Funke Mediengruppe und die Rätsel Krone aus Österreich. Die in Lübeck produzierten Rätsel sind oftmals an dem in der rechten unteren Ecke des Rätsels plazierten Unternehmenswappen zu erkennen. Dieses entwarf Uwe-Hans Timm, der frühere Geschäftsführer, vor rund achtzig Jahren.

Die Produktion habe sich durch die zunehmende Digitalisierung stark gewandelt, sagt der heutige Geschäftsführer, auch wenn schon vor rund vierzig Jahren Lichtsatzgeräte und Reprokameras zum Einsatz kamen. „Die Arbeit des Rätselautors bestand damals darin, das Diagramm im ersten Schritt mit den Begriffen zu füllen, damit im zweiten Schritt die dazu passenden Definitionen geschrieben werden konnten“, erklärt Annette Timm, Teilhaberin von Kanzlit. Dann wurden die kurzen Abfragungen mit einer Schreibmaschine auf Papier getippt, ausgeschnitten und auf die entsprechende Stelle des Diagramms geklebt. „Handarbeit war angesagt“, sagt Timm.

Seit Ende der siebziger Jahre wird der Computer genutzt, um die Rätsel zu entwerfen. Eine spezielle Software ermöglicht den Rätselaufbau, bei dem es diverse Parameter zu berücksichtigen gilt, beispielsweise die Breite und die Höhe sowie die gewünschten Freiflächen, Farbanpassungen der Felder und die Rahmenstärke. „Es dauerte fünf Jahre, bis der Computer autonom eine solche Hülse für ein komplettes Rätsel erstellen konnte“, berichtet Timm.

Sind alle Parameter durch die Software festgelegt, entscheidet Kanzlit, mit welchen Begriffen das Diagramm gefüllt werden soll, wobei der Computer eine Vorauswahl getroffen hat. Dazu müssen die Adressaten bekannt sein. Es mache einen Unterschied, ob Kanzlit für eine Fernsehzeitschrift, eine Tageszeitung oder ein Rätselheft produziere, sagt Timm. In einem Motorradmagazin erschienen andere Lösungswörter als in einer Frauenzeitschrift.

Darüber hinaus seien die Rätsel, die etwa in einem Magazin erschienen, in der Regel verhältnismäßig leicht zu lösen, ganz im Gegensatz zu denen in Rätselheften, die als die schwierigsten gälten. Oft wünschten sich auch die Verlage einen bestimmten Schwierigkeitsgrad. „Ein zu leichtes Rätsel kann genauso Verstimmungen der Rater nach sich ziehen wie ein zu schweres“, sagt Timm.

Kanzlit stehen 400 Wortdateien zur Verfügung. „So gibt es Dateien, in denen Begriffe des allgemeinen Wortschatzes enthalten sind. Bei diesen können wir davon ausgehen, dass sie dem Rater geläufig sind und er sie zumindest schon einmal gehört oder gelesen hat“, erklärt Timm. Andere Dateien beinhalten Begriffe, die der Allgemeinheit weniger bekannt sind. Das können Fachbegriffe aus dem technischen, medizinischen oder musischen Bereich sein, zum Beispiel „Pleuelstange“, „subkutan“ und „ritardando“. Daneben gibt es Spezialdateien, in denen nur Begriffe zu bestimmten Bundesländern, einer Region oder einer einzelnen Stadt gespeichert sind. „Ein bayerischer Rater hat wahrscheinlich wenig Lust auf Rätsel, in denen nur Begriffe aus Norddeutschland erfragt werden.“

Elementar für den Schwierigkeitsgrad ist zudem die Definition des Wortes. Soll beispielsweise das Wort „Hammer“ erraten werden, kann die Definition lauten: „ein Werkzeug“ oder „Gehörknöchelchen“. In besonders kniffligen Rätseln könne „Teil der Klaviermechanik“ stehen. Allein für das Lösungswort „Hammer“ hielten die Kanzlit-Dateien zehn Definitionen bereit.

Wer die Dateien pflege, brauche neben der Liebe zu Wort und Detail ein Verständnis für regionale Besonderheiten der Sprache, sagt Timm. Darüber hinaus sei zu berücksichtigen, dass sich Sprache in einem ständigen Wandel befinde. Manche Wörter verschwänden aus dem alltäglichen Wortschatz, andere würden neu aufgenommen, beispielsweise Modewörter. So sei es gut möglich, dass in ein paar Jahren der Begriff „Telefonzelle“ nicht mehr in Rätseln vorkomme. Andere veraltete Begriffe seien „Advokat“ und „Benzinkutsche“.

Rund 1000 Rätsel verlassen die Agentur jede Woche. Somit werden von den zwölf Mitarbeitern etwa 25 Rätsel in der Stunde erstellt. Für einen Laien mag das sehr viel klingen, doch Peer-Gunnar Timm spricht von einem „ruhigen Bürobetrieb“, denn die meisten Aufträge seien Serien- und Daueraufträge und somit planbar. Die Neuanlage eines Rätsels sei hingegen relativ aufwendig.

Die Zahl der bestellten Rätsel und die Veröffentlichungsfrequenz beeinflussten den Preis. Andere Faktoren seien Abweichungen von den Standardprodukten wie das Verwenden von Definitionen nach Kundenwunsch. In jedem Fall zahle ein Kunde für ein Schweden- beziehungsweise Kreuzworträtsel kästchenweise, wobei der Kästchenpreis im Centbereich liege, sagt der Geschäftsführer. Verlage und Agenturen erhielten ein Schwedenrätsel ab 2,50 Euro. Bei individuellen Wünschen könne eine doppelseitige Rätselseite in einer Zeitung auch bis zu 500 Euro kosten.

Kanzlit produziert auch Geduldsspiele, Rechen- und Logikrätsel, Kinder- und Kleinrätsel, Rätselseiten und -hefte. Somit sind „ungefähr 400 verschiedene Rätseltypen erhältlich, aber die Schwedenrätsel sind die beliebtesten“, sagt Timm. In einem Schwedenrätsel stehen die Fragen innerhalb des Rätsels. Das ist bei den herkömmlichen Kreuzworträtseln nicht unbedingt der Fall. „Wir haben die Hochphase der analogen Rätsel hinter uns“, räumt Timm ein. Zudem leide man unter den Sparprogrammen der Printverlage. Von 1990 bis 2015 ist der Umsatz Kanzlits deutlich zurückgegangen und liegt nun bei mehr als einer Million Euro.

„Die Kreuzworträtsel werden es ins Digitale schaffen“, ist Timm überzeugt. In einer Online-Community kann beispielsweise gegeneinander und miteinander gerätselt werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, sofort eine Rückmeldung zu der eingetippten Antwort zu erhalten. Diese interaktiven Rätsel können auf der Internetseite der jeweiligen Zeitungen als „Pay Content“ veröffentlicht werden. Die Verbraucher müssen dann zum Beispiel ein Abonnement abschließen, um die Rätsel lösen zu können. Diesen Schritt in Richtung Digitalisierung sind manche Kunden Kanzlits schon gegangen. Peer-Gunnar Timm ist zuversichtlich: „Wir gehen davon aus, dass es auch in Zukunft begeisterte Rätselrater geben wird. Denn Raten macht Spaß, ist unterhaltsam und verschafft bei richtiger Lösung Glücksgefühle.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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