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Sie fühlen sich wie im falschen Film

Deutschlands älteste Programmvideothek gibt trotz Netflix & Co. nicht auf. Für Filmfans hat sie viel zu bieten.

F.A.Z.

2.01.2020

Noah Akuscheska

Eichsfeld-Gymnasium, Duderstadt

Die Videotheken in Deutschland sterben langsam aus. Nach Angaben des Interessenverbands des Video- und Medienfachhandels in Deutschland gab es 2018 noch 440 Videotheken. Zehn Jahre zuvor waren es noch 3508 gewesen. Auch der Videodrom Verleih in Berlin, Deutschlands „größte und älteste Programmvideothek“ mit einem Umsatz von rund 75000 Euro im Jahr, hat nach Angaben des Geschäftsführers und Inhabers Karsten Rodemann mit Schulden und weniger Kunden zu kämpfen. Für Rodemann ist das Videodrom ein „Hort filmischer Geschichte“. Von Anfang an ist das 1984 gegründete Videodrom in Berlin-Kreuzberg beheimatet gewesen. Schon damals waren anspruchsvolle Filme ein Schwerpunkt sowie Horrorfilme und englische Originalfassungen. Exklusiv gibt es einige unveröffentlichte Filme von Filmemachern, die Kunden des Videodroms waren oder noch sind. Zu den Evergreens zählt Rodemann Filme wie „Titanic“, „Fight Club“ und „Der Pate“. Außerdem laufen Thriller wie „The Guilty“ und Komödien wie „Bad Spies“ sehr gut. Das Videodrom führt 1000 Bluerays, 35000 DVDs und noch einige wenige VHS.

Die Videothek wird von Rodemann und zwei Festangestellten betrieben. Die Mitarbeiter seien mit „ganz viel Herzblut“ und schon lange dabei; sie seien selbst große Filmfans. Gerne geben sie persönliche Empfehlungen weiter. Für sie sei die Arbeit nicht bloß ein Job, sagt Rodemann. So sei es gelungen, die Arbeit im Videodrom trotz des schwierigen Um-felds durch Netflix & Co. fortzusetzen.

Das Videodrom startete 2018 einen Hilferuf über Facebook, in dem es auf seine Schulden von 20000 Euro aufmerksam machte. So konnten kurzfristig Löcher gestopft und der lange Sommer überwunden werden. Doch die Schulden stiegen wieder trotz Sparmaßnahmen wie Lohneinsparungen, verkürzten Öffnungszeiten und genau überlegtem Einkauf von Filmen. Durch die Sparmaßnahmen schaffen es Rodemann und seine Mitarbeiter aber, weiterhin wirtschaftlich zu überleben. Rodemann sieht sein Geschäft als „Filmarchiv“, ein Aussterben wäre seiner Auffassung nach ein Verlust für die kulturelle Landschaft. Eine staatliche Förderung hielte er deshalb für sinnvoll.

Währenddessen wachsen Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon Prime immer weiter. Rodemann diagnostiziert ein verändertes Sozial- und Sehverhalten der Bevölkerung, gerade der jungen Generation. Es würden ewig lang laufende Serien und kurze Clips geschaut. Filme, wie das Videodrom sie biete, fänden weniger Beachtung. Es gehe nicht mehr um das Entdecken der Filmgeschichte, wie in den achtziger Jahren, sondern um schnelle Unterhaltung. Rodemann und seine Mitarbeiter hoffen, dass „nach und nach das Verständnis einsetzt, was alles verlorengeht“. Die Videotheken seien aber noch lange nicht ausgestorben und ihr System noch nicht überholt, glaubt der Inhaber. In Berlin gibt es noch weitere spezialisierte Videotheken, allerdings verdienen diese ihr Geld auch durch andere Angebote wie Wohnzimmerkino mit DVD-Verleih.

Im Gegensatz zu Streaming-Diensten biete man die gesamte Filmgeschichte an. Man habe auch Stummfilmklassiker wie „Metropolis“ und „Der Golem“ im Sortiment. Ausleihen kann die Filme jeder, der nachweisbar in Berlin wohnhaft und älter als 18 Jahre ist. Aber auch für Nicht-Berliner ist das Ausleihen durch eine Fernleihe im Abonnement zum gleichen Preis von 3,60 Euro möglich. Es gibt auch eine Zehnerkarte für 29,90 Euro und die langfristige Clubmitgliedschaft. Dabei kann der Kunde für 25 Euro im Monat täglich einen Film leihen und am nächsten Tag durch einen anderen ersetzen oder, als zweite Variante, drei Filme für eine Woche leihen. Für Rodemann ist klar: Ohne Videotheken wären einige Raritäten in Deutschland nicht mehr vorhanden. Zudem könne man sich bei Streaming-Diensten nie sicher sein, ob es den Lieblingsfilm auch in zwei bis drei Jahren noch gebe.

Der Umsatz ist gesunken. In guten Jahren konnten jeden Monat 3000 bis 5000 Euro für Neuanschaffungen ausgegeben werden, heute schmerzen nach Angaben des Videodroms schon 1000 Euro. Einen letzten Boom gab es Ende des vergangenen Jahrhunderts durch die DVD. Durch den Hilferuf auf Facebook konnten wieder Kunden angelockt werden.

Sie schätzten vor allem die persönliche Beratung, sagt Rodemann. So hätten schon viele ratlose Kunden den perfekten Film für den Abend ausgeliehen. Auch die Anschaffung neuer Filme werde auf die Wünsche der Kunden abgestimmt. Das Videodrom markiert Filme als Empfehlung und erleichtert so die Entscheidung. Am besten laufen die Monate Dezember und Januar. In der dunkleren Jahreszeit und in der Weihnachtszeit leihen mehr Menschen Filme aus. Auch der Umsatz ist dann höher und liegt bei gut 7000 Euro im Monat.

Deutschlands älteste und größte Pro-grammvideothek gibt nicht auf. Das klare Ziel sei durchzuhalten, solange es noch finanzierbar sei. Rodemann sagt: „Wer einen Plan B hat, hat seinen Plan A mental schon beerdigt.“ So wird es zumindest in Berlin weiter ein breites Angebot an Filmen und Raritäten geben, zum Beispiel Stummfilme wie Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ aus dem Jahr 1931, die man nicht auf jedem Streaming- Dienst abrufen kann. Auch Filme des japanischen Zeichentrickstudios Ghibli wie „Chihiros Reise ins Zauberland“ gebe es nicht als Stream, aber im Videodrom, sagt Rodemann. Wie lange das noch möglich sei, liege an den Kunden.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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