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Schau mir in die Augen, Kleines!

Plusoptix ist Weltmarktführer und Pionier für spezielle Augenmessgeräte. Mit ihnen kann man Sehfehler schon im ganz frühen Alter erkennen.

F.A.Z.

2.06.2022

Carla Erb

Max-Planck-Gymnasium Lahr, Lahr

„Im Durchschnitt leidet jedes fünfte Kind in Deutschland an einer angeborenen Sehstörung“, sagt  Johannes Huber, Facharzt für Augenheilkunde aus Oberkirch in Baden-Württemberg. „Das Sehen ist ein Lernprozess und entwickelt sich in den ersten Lebensjahren. Wird diese Sehentwicklung durch einen angeborenen, unbehandelten Sehfehler gestört, entsteht in vielen Fällen eine lebenslange Schwachsichtigkeit (Amblyopie), die sich später nicht mehr beheben lässt.“ Es ist also  wichtig,  Sehstörungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.  Da Babys und Kleinkinder altersbedingt  oft nur schwer zu untersuchen sind, sind  bisher viele Fehlsichtigkeiten  unerkannt geblieben. Für dieses Problem hat  die  Plusoptix GmbH eine Lösung gefunden.

Das Nürnberger Unternehmen, das  30 Mitarbeiter beschäftigt, verkauft  unter der Leitung von Jürgen  und Christian Schmidt seit 2001  handgehaltene, binokulare Photorefraktometer. In diesem Bereich ist man nach eigenen Angaben Weltmarktführer.  Die Geräte vertreibt Plusoptix in mehr als 60 Ländern. Ein binokulares Photorefraktometer misst in Sekundenschnelle die Brechkraft beider Augen gleichzeitig. Am erfolgreichsten sind die  Vision-Screening-Geräte. Sie  ermöglichten, „schnell und ohne Belastung eventuell bestehende Sehschwächen sehr frühzeitig, nämlich schon mit sechs  Monaten, zu erkennen“, sagt  Christian Schmidt.

Das  handliche mobile Gerät ist  für Erstversorger wie Kinderärzte gedacht. Mit seinem lachenden Smiley-Gesicht und seinen lustigen Geräuschen lenkt es die Aufmerksamkeit des  Kindes auf sich. Berührungslos wird aus einem Meter Entfernung in weniger als einer Sekunde eine Messung der Brechkraft beider Augen durchgeführt. Das Baby oder  Kleinkind kann auf dem Schoß eines Elternteils sitzen.  

Speziell für Augenarztpraxen ist das binokulare Autorefraktometer gedacht. Seine Handhabung unterscheidet sich nicht vom Vision Screener, er liefert jedoch ein  differenzierteres Ergebnis.  Autorefraktometer verwenden das Messprinzip des Durchleuchtungstests. Dabei bleiben die Pupillen auch ohne Weittropfen groß. Bei einem Durchleuchtungstest wird ein Lichtstrahl ins Auge projiziert und von der Netzhaut reflektiert. Der Lichtstrahl  beleuchtet den zentralen Teil der Hornhaut, der Linse, des Glaskörpers und der Netzhaut. Durch die Verwendung von Infrarotlicht vermeiden Plusoptix-Geräte im Gegensatz zu anderen Durchleuchtungstests eine Blendung des Patienten, und die Bedienung ist einfach. 

Plusoptix stellt noch weitere Messgeräte her. Die Verkaufspreise  hängen  von den  Leistungsmerkmalen ab und liegen zwischen rund 6350 und gut 8000 Euro.  Kunden in Deutschland können die Geräte auch leihen. Sie bezahlten  für  jede Messung 4 Euro, sagt  Christian Schmidt.

 Kunden sind Augenärzte, Optometristen, Orthoptisten, Kinderärzte, amerikanische Schulkrankenschwestern, Optiker, Gesundheitsämter und gemeinnützige Vereine. Eva Schittek ist  Orthoptistin. Sie beschäftigt sich mit der Diagnostik und Therapie von Augenfehlstellungen und Sehstörungen, vorwiegend bei Kindern, und arbeitet in fünf  Augenarztpraxen im Ortenaukreis in Baden-Württemberg. „Vier der Praxen haben das Autorefraktometer von Plusoptix“, erzählt sie. Viele Kinderärzte nutzten den  Vision Screener.   Das kindgerechte Design des Geräts sorgt nach Schitteks Erfahrungen für gute Laune beim Kind und könne ihm die Angst vor der Untersuchung nehmen. Ein großer Vorteil des Geräts sei  die Schnelligkeit der Messung. „In wenigen Sekunden kann ich mir einen Überblick über die Refraktionsverhältnisse beider Augen des Patienten verschaffen; das ist gerade bei der Untersuchung von sehr kleinen oder unruhigen Kindern sehr hilfreich.“

Nur in Deutschland werden die Geräte direkt an den Endkunden verkauft, denn der Gesundheitsmarkt  ist fragmentiert. Mehr als 80 Prozent der Geräte verkauft das Unternehmen an seine  Händler im Ausland, die diese dann an die Endkunden verkaufen. Von Äthiopien  über Malawi bis nach Kongo werden die Produkte vertrieben.  Der mit Abstand größte Händler ist die Tochtergesellschaft Plusoptix Inc. in den USA. Sie hat  2021 etwas mehr als  50 Prozent aller  Geräte,  gut 1000, an Kunden in den USA weiterverkauft. 2020 hat Plusoptix 1284 Produkte verkauft, 2021  waren es 2052,  fast doppelt so viele.

„Das Geschäftsjahr 2020 war von dem ersten Corona-Lockdown geprägt“, erklärt Schmidt. „Wir und unsere Händler konnten lange Zeit keine Geräte vorführen, um neue Kunden zu gewinnen.“ 2021 habe es  dann Nachholeffekte gegeben und  der Umsatz  bei 7,2 Millionen Euro gelegen. Den Marktanteil in  Deutschland gibt Schmidt mit 100 Prozent an; im Ausland betrage er 36 Prozent. Weiterhin kämpfe  man mit Lieferengpässen,  sagt er. Manche Teile, die man  im Frühjahr 2021 bestellt habe, seien immer noch nicht eingetroffen.

„Als wir 2006 die ersten Geräte verkauft haben, waren wir die Einzigen, und der Absatzmarkt war winzig klein. Jeder hat uns gefragt, wozu unsere Geräte überhaupt gut sein sollen“, erzählt Schmidt. Inzwischen gebe es viele  Wettbewerber,   beispielsweise Welch Allyn in den USA, Adaptica in  Italien und Suoer in China. „Die chinesische Regierung schließt ausländische Anbieter bei öffentlichen Ausschreibungen im Gesundheitswesen aus. Dies bedeutet, dass wir in China wegen der Firma Suoer keine öffentlichen Aufträge erhalten können“, sagt Schmidt.  „Suoer blockiert für uns also den chinesischen Markt und ist somit, obwohl das Unternehmen nirgendwo anders in Erscheinung tritt, ein Wettbewerber.“

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