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Opas letztes Hemd

Merz b. Schwanen fertigt mit alten Strick- und Wirkmaschinen angesagte Arbeiterhemden für Großstädter.

F.A.Z.

12.09.2019

Elisabeth Habeck

Lise-Meitner-Gymnasium, Grenzach-Wyhlen

Manchmal bestimmen Zufälle über ein neues Unternehmen. So erzählt Rudolf Loder aus Albstadt, einem Städtchen auf der Schwäbischen Alb, vom Jahr 2011, das ihn und Peter Plotnicki aus Berlin zusammenführte. Loder, ehemals Metzger von Beruf, ist Inhaber von Gota-Wäsche. Weil sein Herz für uralte Strick- und Wirkmaschinen und hochwertige Stoffe aus Lagerräumungen von Textilunternehmen schlägt, wurde er 2010 von dem ursprünglichen Unternehmen Balthasar Merz b. Schwanen angefragt, ob er Strickmaschinen kaufen wolle.

Das 1911 von der Familie Merz gegründete Unternehmen musste, wie viele andere Strickereien in seiner Region, 2008 mangels Aufträgen die Produktion aufgeben und schließen. Dort entdeckt Loder nicht nur die vielen historischen Rundwirkmaschinen, sondern auch 40 Tonnen alte Arbeiterhemden mit stoffüberzogenen Wäscheknöpfen. Von diesen erzählt er einem Freund, der in Berlin ein Reisebüro leitet, hobbymäßig jedoch Kleidungsstücke auf dem Mauerparkflohmarkt verkauft. Der ist begeistert und transportiert die Altkleidung in vielen Lkw-Fuhren nach Berlin.

Rudolf Loder selbst konnte mit diesen Hemden nichts anfangen, da sie in seiner Region aus der Mode gekommen waren und ihr Anblick nichts Besonderes war. Ganz anderer Meinung war jedoch Plotnicki, Schneider und Modedesigner von Beruf, der mit Begeisterung über Flohmärkte geht, um sich inspirieren zu lassen. Beim Stöbern wurde er auf die alten, verwaschenen, naturfarbenen Knopfleistenhemden ohne Seitennähte aus Baumwolle aufmerksam und machte damit, wie er schwärmt, „die Entdeckung seines Lebens“. Vor allem fiel ihm das feingewebte Etikett mit der Abbildung des Schwans auf. Auch seine Frau Gitta Plotnicki war von dem textilen Fundstück überwältigt, und beide waren der Meinung, dass man genau mit solchen Hemden im Stil der 1920er Jahre in Berlin und anderen Metropolen auf große Resonanz stoßen würde.

Unbedingt wollten die bis dahin freiberuflichen Designer die Herkunft der Hemden ergründen. Der hilfsbereite Flohmarkthändler, Loders Freund, stellte die Verbindung zwischen Berlin und der Schwäbischen Alb her. Die Idee des Ehepaares, Hemden im traditionellen Stil auf althergebrachte Weise zu produzieren und damit seine mechanischen Rundwirkmaschinen wiederaufleben zu lassen, war Loders großer Traum. Auch die ursprünglichen Unternehmensinhaber waren von der Idee so berührt, dass sie den Berlinern ihren Markennamen Merz b. Schwanen zur Verfügung stellten.

Zunächst mussten jedoch viele Hürden genommen werden. Man musste jemanden finden, der die museumsreifen Maschinen bedienen und warten konnte – und fand Bernhard Bosch, der für die Tüftelarbeit aus dem Ruhestand geholt wurde. Schwierig war auch, die für die damalige Zeit typischen Decknähte zu rekonstruieren, denn moderne Nähmaschinen sind darauf nicht programmiert. Auch die Art zu nähen erforderte viel Können und einen langen Atem. „Das, was meine Musternäherinnen leisten, ist Nähkunst und nicht nur Nähen“, sagt Loder.

2011, 100 Jahre nach der Gründung von Merz b. Schwanen, wurde die erste Kollektion mit Erfolg auf der internationalen Textilmesse „Bread & Butter“ in Berlin vorgestellt. Der Schnitt wurde so angepasst, dass er der heutigen Zeit entspricht. „War Kleidung vor 100 Jahren noch pragmatisch und zweckmäßig, stehen heute Ästhetik und Komfort mehr im Vordergrund“, erklären Gitta und Peter Plotnicki. „Gitta ist die kreative Direktorin und bringt die Kollektion zu Papier und organisiert das Gesamtkonzept der Kollektion, während ich mich viel um die Bemusterung und die Produktionsentwicklung kümmere“, sagt Peter Plotnicki.

Vom Biobaumwollgarn bis zum schicken Knopfleistenhemd bedarf es mehrerer Arbeitsgänge. Nach der Produktion des Textilschlauchs bei Gota wird das Gewirke zum Unternehmen Conta in Tailfingen transportiert, um dort gewaschen, gebleicht, gefärbt und getafelt zu werden. Von dort geht der Stoff zur Lohnschneiderei Mazzarella, einem Familienbetrieb in Burladingen, wo fünf Näherinnen und das Ehepaar Mazzarella die Modelle nähen. Ohne diese Aufträge von Merz b. Schwanen hätte vermutlich auch dieser Betrieb nicht weiterexistieren können. Die Feinarbeit, das Anbringen der Knopfleiste, das Annähen der Knöpfe, die Ziernähte und das Einnähen des Labels, leisten schließlich die vier Näherinnen in Loders Unternehmen Gota. Seine Frau übernimmt die Qualitätskontrolle. Dabei wird Stück für Stück, das sind ungefähr 4000 Exemplare im Monat, auf Mängel überprüft.

Mit den dreißig komplizierten, alten Rundwirkmaschinen, die Strickschläuche in verschiedenen Durchmessern für die unterschiedlichen Konfektionsgrößen fertigen, haben sich außer Rudolf Loder zwei Stricker vertraut gemacht. Hinzu kommt ein Rentner, der bei Engpässen aushilft. Wie fasziniert Loder von den Maschinen ist, zeigt eine Sammlung von weiteren sechzig bis siebzig Strickmaschinen, die derzeit nicht in Betrieb sind. „Jede von ihnen tickt ein bisschen anders“, sagt Loder.

Der Unternehmenssitz ist in Berlin, wo Gitta und Peter Plotnicki die Marke aufbauen und die Kollektionen entwerfen. Sie sind die Geschäftsführer; man beschäftigt sieben Angestellte. Von Berlin aus wird das Sortiment aus Arbeiterhemden, T-Shirts und Sweatshirts, aber auch Hosen, Unterwäsche, Socken und Strickware der neueren „Good Basics“-Linie in alle Welt verkauft. Inzwischen gibt es die Hemden in Geschäften in dreißig Ländern – in Deutschland unter anderem bei Manufactum – und im Online-Shop. In den Vereinigten Staaten ist New York der Hauptmarkt, wo der „Made in Germany“-Vintage-Stil beliebt ist. „Hollywood-Filmproduktionen, vor allem solche, die in den zwanziger bis fünfziger Jahren spielen, schätzen die authentische Optik der ,Good Originals‘“, sagt Mona Weber, Marketingleiterin von Merz b. Schwanen. Verkauft wird auch nach Frankreich, Großbritannien, in die Schweiz, nach China, Italien, Kanada, Schweden, Südkorea und Japan.

Dass man gut in China verkaufe, sei verwunderlich, sagt Loder. Denn dort würden Textilien billig produziert. Als die Textilindustrie Mitte der neunziger Jahre wegen der Globalisierung auf der Schwäbischen Alb einzuschlafen drohte, versuchte er sein Glück drei Jahre lang in Bangladesch, wo er für Aldi und Lidl Wäsche produzierte. Das gefiel ihm nicht, so dass er sich entschied, unter schwierigeren Bedingungen in Albstadt weiterzuproduzieren.

Vielerorts finde ein Umdenken statt, es werde wieder mehr Wert auf Qualität und Langlebigkeit gelegt, sagt Loder. Das macht die Ware nicht billig. Für den Stoff eines T-Shirts benötigt eine alte Rundwirkmaschine etwa 45 Minuten. Während eine moderne Strickmaschine am Tag 600 Kilogramm Gewirke erzeugt, produziert eine alte Maschine ein Hundertstel davon. So kommt es, dass das Endprodukt zwischen 70 und 200 Euro kostet. Die im Design etwas modernere „Good Basics“-Linie wird auch in Portugal produziert, aus Biobaumwolle mit gleichem Qualitätsanspruch unter guten Arbeitsbedingungen.

Merz b. Schwanen erzielt nach eigenen Angaben einen Umsatz im mittleren einstelligen Millionenbereich, mit Tendenz nach oben. Die Produkte sind in Großstädten beliebt, aber auch im Herrenmodengeschäft „Stammhalter“ in Lörrach. Aufmerksam auf die Knopfleisten- und Kurzarmshirts wurde der Inhaber Tobias Bollig 2015 durch einen Artikel in „The Heritage Post“, einem Magazin für Herrenkultur. Die Mode entspricht genau seinen Ansprüchen. „Sie hat eine tolle Qualität, wird in Deutschland produziert und hat ein zeitloses Design; sie ist außerdem gut zu kombinieren“, sagt er. Die Hauptkundengruppe sind Herren zwischen 30 und 60 Jahren.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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