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Ökos fairpulvern ihr Geld

Kann man Kaffee zu moralisch vertretbaren Bedingungen kaufen? Genau das bietet Teikei Coffee aus Hamburg seinen Kunden an.

F.A.Z.

22.03.2021

Liam Schäpers

Hans-Böckler-Berufskolleg, Münster

Rund vier Fünftel des Kaffees auf der Welt werden von 25 Millionen Kleinbauernfamilien produziert, die weniger als 10 Hektar Land besitzen. Das schreibt der Verein Fairtrade, der sich für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen auf Plantagen in Entwicklungs- und Schwellenländern einsetzt. Viele Kaffeebauern lebten von weniger als 2 Dollar am Tag. Sie müssen zudem mit einem schwankenden Weltmarktpreis zurechtkommen; derzeit beträgt er umgerechnet rund 1,20 Euro je Pfund Kaffee. Unter all dem leidet auch die Umwelt; ein umweltfreundlicher Kaffeeanbau ohne Pestizide ist schier unmöglich.

Nachhaltigkeit und Luxus müssen kein Widerspruch sein, sagt Marlon Rommel, Projektmanager von Teikei Coffee aus Hamburg. Teikei kommt aus dem Japanischen und steht in der wörtlichen Übersetzung für Zusammenarbeit und solidarische Landwirtschaft. "Genau das sind unsere Leitthemen", erläutert Rommel. Sollte eine Ernte schlechter ausfallen, muss nicht allein der Landwirt die Kosten tragen, denn Teikeis Kunden zahlen ihren Teil der Ernte im Voraus.

Zu Beginn wird der Kaffeekonsum des Kunden in einem Jahr analysiert. Teikei schlägt diesem dann eine Jahresmenge vor, die der Kunde vorab bezahlt. Laut Rommel hat diese Form des Wirtschaftens große Vorteile: Die Produktion wird transparenter; mit dem Landwirt können direkte Absprachen getroffen werden; der Bauer hat die finanziellen Mittel, Kaffee umweltfreundlich anzubauen.

Normalerweise erhalten Landwirte nur einmal die Chance, ihren Kaffee zu verkaufen. "Da kommt dann ein großer Lastwagen angefahren und sagt: Heute ist der Weltmarktpreis so und so", erklärt Rommel. Teikei bespreche hingegen mit den Landwirten, was sie für eine gute Landwirtschaft und für ein gutes Leben brauchten; das sei Wirtschaften auf Augenhöhe.

"Wir sprechen mit allen Beteiligten über den Preis so transparent, wie es nur eben geht", bekräftigt Teikeis Gründer Hermann Pohlmann. "Einer unserer Partner hat das einmal so formuliert: ,Ich baue nicht für irgendjemanden den Kaffee an, sondern habe das Gefühl, ,ich baue den Kaffee für Freunde an'", sagt Rommel. Um den Gemeinschaftsgedanken weiter zu stärken, sei man dabei, eine eingetragene Genossenschaft zu gründen.

Das Unternehmen verschiffe den Kaffee nicht wie üblich mit schwerölbetriebenen Containerschiffen, sondern setze mit der Avontuur der Reederei Timbercoast auf eine altbewährte Methode zum Überseetransport - das Segelschiff. Das Schiff besitzt nur einen kleinen Dieselmotor für Gewässer, in denen Segeln nicht erlaubt oder nicht möglich ist. Ein Containerschiff emittiere zudem durch den Klang der Motoren Hintergrundschall, der einige Meeresbewohner, die auf Schall zum Navigieren angewiesen seien, verwirre. Immer öfter landeten desorientierte Tiere an Stränden. Um den Einfluss auf die Umwelt weiter zu senken, verkauft das Unternehmen seine Produkte in rund zehn Unverpackt-Läden in Deutschland und der Schweiz. Die Kaffeebohnen kommen im Hamburger Hafen an, in der Stadt, in der das Unternehmen seinen Sitz hat.

Er habe die Idee hinter Teikei 2014 entwickelt, als er noch in Brasilien lebte und dort ein solidarisch-landwirtschaftliches Projekt unterstützte, berichtet Pohlmann. Seine Idee stellte er 2016 am Rande eines Kongresses für biodynamische Landwirtschaft vor. Er sei schnell von einem Duo aus Mexiko angesprochen worden - man gründete gemeinsam Teikei Coffee und entschied sich für Mexiko als Anbaugebiet. Zurzeit arbeitet Teikei mit zehn Bauern in Mexikos Tälern zusammen und hofft, dass im kommenden Jahr zehn bis zwanzig Bauern hinzukommen.

Das Unternehmen beschäftigt vier Mitarbeiter im Kernteam. Dazu kommen drei Mitarbeiter in Mexiko und ein Verein in der Schweiz mit fünf Ehrenamtlichen. Die Kunden kaufen den Kaffee im Abonnement. Dabei kann man sich den Kaffee auch in die Teikei-Gemeinschaft in seiner Stadt liefern lassen. Es gibt rund 70 Gemeinschaften in Europa und etwa 700 Mitglieder, die ein Abonnement haben. Das Einzelabonnement kostet 31 Euro je Kilogramm. Für ein Kilogramm Kaffee erhielten die Landwirtschaft und die Abwicklung in Mexiko zusammen 7 Euro, also etwa fast das Dreifache des normalen Marktpreises, sagt Rommel. Für den Transport mit dem Segelschiff gingen 4 Euro ab. Das sei viel, mit einem Containerschiff wäre es wesentlich günstiger. Die Verschiffung per Segelboot kann sich je nach Wetterlage um Tage oder Wochen verzögern. Das Unternehmen setzt rund 350 000 Euro im Jahr um. Man habe im vergangenen Jahr rund 10 Tonnen Kaffee an den Endkunden verkauft. Aktuell erziele man noch keinen Gewinn.

In Deutschland gebe es zwar einige andere Unternehmen, die ein ähnliches Abomodell anböten, aber kein anderer Betrieb arbeite so an einer solidarisierten Produktion des Kaffees und gestalte das Produkt von vorne bis hinten so nachhaltig wie Teikei Coffee, sagt Rommel. Angeboten werden ganze oder gemahlene Espressobohnen sowie Filterkaffeebohnen der Sorte Arabica. Am beliebtesten sei die ganze Espressobohne. Der Kaffee erfüllt die Normen eines "Specialty Coffee"; dieser wird mit dem "Cupping-Score" bewertet, der laut Rommel international anerkannt ist. "Wenn du dabei über 80 Punkte bist, bist du ein Spezialitäten-Kaffee; das haben wir mit im Durchschnitt 83 bis 84 Punkten erreicht." Im Vergleich zu großen Kaffeeherstellern röste Teikei in verhältnismäßig kleinen Chargen von 25 Kilogramm. "Wir wollen in die Nuancen gehen können", sagt Rommel.

Für den Kunden Christof Liesegang bietet Teikei eine Lösung für sein Dilemma: Da Kaffee nicht im lokalen Raum hergestellt werden könne, er aber trotzdem nicht auf ihn verzichten wolle, sei Teikei die einzige Möglichkeit, dieses Nahrungsmittel zu moralisch vertretbaren Bedingungen zu beziehen. "Es ist doch auch wirklich faszinierend, da bauen Landwirte in Mexiko für mich persönlich Kaffee an", sagt Liesegang. Er sei gerne bereit, einen höheren Preis zu bezahlen. Trotzdem sei eine Mitgliedschaft bei Teikei ohne ein wenig Idealismus nicht möglich.

Laut Pohlmann kauft der durchschnittliche Kunde seine anderen Lebensmittel zumindest bio oder fair ein. Hinzu kämen einige "radikale Ökos", die die Unternehmensführung konsequent hinterfragten. Zu den Kunden gehörten auch ältere Menschen, die noch nichts mit Bio- oder fair gehandelten Lebensmitteln zu tun gehabt hätten. "Die schätzen die Qualität des Kaffees." Denn durch ein überhastetes Pflücken der Kaffeebohne komme es wegen unreifer grüner Bohnen zu für den Magen unverträglichen Stoffen, ähnlich wie bei einer faulen Banane, erklärt Pohlmann.

 

Liam Schäpers.

Hans-Böckler-Berufskolleg, Münster

 

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