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Musiker wollen instrumentalisiert werden

Bässe für Rammstein und in Axtform: Sandberg ist eine Größe in der Musikbranche. Manche Instrumente werden auch zerdeppert.

F.A.Z.

22.03.2019

Joshua Zettelmeier

Bayernkolleg Schweinfurt, Schweinfurt

Musik ist das beste Hobby“, sagt Holger Stonjek. In seinem Büro steht vor zwei Palmen eine Ledercouch. An der Wand hängen Zeitschriftencover, die ihn mit anderen Künstlern zeigen. Abgerundet wird das gemütliche Ambiente durch einen Retro-Kronleuchter, der unter anderem ein kleines Regal mit einer Weihnachtskarte von Iron Maiden erleuchtet. Die bestimmenden Elemente sind jedoch etwa zwanzig Bässe und Gitarren, stehend oder hängend. Stonjek ist Inhaber des Braunschweiger Unternehmens Sandberg Guitars, dessen Mitarbeiter hochwertige E-Bässe und E-Gitarren fertigen. „Ich habe das Unternehmen im Jahr 1986 zusammen mit einem Freund gegründet“, berichtet der 55-Jährige. „Meinen Partner hat die Elektronik begeistert. Ich bin Holzfreak. Es war die optimale Verbindung.“

Im Alter von 11 Jahren lernte Stonjek Gitarre zu spielen. Acht Jahre später verlegte er sich auf die tieferen Klänge des Basses. Nun tritt er in Musikläden, die seine Bässe und Gitarren anbieten, auf, bei sogenannten Clinics, kleinen Konzerten mit anderen Musikern. „Da bin ich viel mit Ida Nielsen, der ehemaligen Bassistin von Prince, unterwegs – eine hervorragende Musikerin!“ Im vergangenen Jahr gab es mehr als zwanzig Clinics, von Australien über Singapur und Korea bis England, Frankreich und Amerika. „Oft ist auch Reggie Worthy mit von der Partie, Tina Turners Ex-Bassist. Mit Reggie machen wir viel Impro“, erzählt Stonjek.

In den meisten der rund 300 Geschäfte, die seine Produkte anbieten, war er schon. Oft sitzt er auch mit Künstlern, die eine Sandberg spielen, auf seiner Ledercouch. „Und wir diskutieren zum Beispiel über eine Halsform oder einen neuen Pick-Up.“ Zum Beispiel mit Oliver Riedel von Rammstein. Die Zusammenarbeit mit Profis kann die Qualität der Produkte stark verbessern. „Bei einem Profi, der achtzig Konzerte im Jahr spielt und auf der Bühne rumhüpft, bei dem der Bass auch mal nass wird und Temperaturunterschiede aushalten muss, wird das Material sehr stark beansprucht.“

Nach Warwick, der Nummer eins, sei man der zweitgrößte deutsche Bassbauer. Nebenan in Hannover sitze noch Duesenberg Guitars. „Die sind größer als wir, produzieren aber hauptsächlich E-Gitarren. Die größten internationalen Konkurrenten sind Fender und Ibanez.“ Bei Sandberg arbeiten zwanzig Festangestellte und fünf Minijobber. Man beschäftigt unter anderem Lackierer, Radio-, Fernseh- und Elektrotechniker, Klavierbauer und Schreiner. Holger Stonjek lacht. „Erst vor drei Jahren haben wir gelernte Gitarrenbauer eingestellt.“ Mit dem Wachsen des Unternehmens wurden die Arbeitsplätze spezialisierter und beinhalten nur noch fünf oder sechs Arbeitsgänge.

Als Beispiel nennt Stonjek den Bundierbereich; dort bekommen alle Griffbretter ihre Bünde eingedrückt. „Hier werden auch Block-Inlays und Dots eingelassen und Sonderanfertigungen wie Schriftzüge oder Grafiken ins Holz eingelegt. Neben den Intarsienarbeiten bekommen Instrumente hier auch Finishs wie Versilbern oder mit Blattgold. Man produziert zwei Linien von Bässen; von der einen, 100 Prozent made in Germany, verkauft man rund 1200 Bassgitarren im Jahr. Die andere Linie wird in Korea vorgefertigt und in Deutschland zusammengebaut; das sind etwa 600 Bestellungen im Jahr. Gitarren machen nur 5 Prozent aus.

„Was uns auszeichnet, ist unser Konfigurator“, sagt Stonjek. Damit kann man sich auf der Internetseite sein Instrument selbst zusammenstellen. „Wir haben das mal errechnet: Es gibt fast eine Million Möglichkeiten – ich war selbst erschrocken“, sagt Stonjek schmunzelnd. 80 Prozent der Bässe seien Konfigurationen von Kunden. Ungefähr 80 Prozent der Bilder des Konfigurators sind wirkliche Fotos. „Ich habe in unserem kleinen Studio über 30000 Fotos gemacht“, sagt Stonjek.

Jonas Dorsch, Einzelhandelskaufmann für Musikinstrumente bei Thomann, Europas größtem Musikhaus, sagt über die Sandberg-Bässe: „Etwas Rock’n’Roll gehört in unserer Branche dazu, und das lebt der Chef vor. Eine Prise davon, gepaart mit Sound, Feeling und Design, dazu ein guter Preis und das Wissen, dass das Instrument made in Germany ist, ist für die meisten Kunden das Wichtigste bei einem E-Bass.“

Preislich liegen die in Braunschweig gefertigten Bässe zwischen 1200 und 4000 Euro. Die in Korea vorgefertigten Modelle kosten 700 bis 800 Euro. „Unser Butter-und-Brot-Instrument, der California, liegt bei 1500 Euro. Bei diesem Modell entstehen Materialkosten von rund 400 Euro.“ Sandberg exportiert in knapp 40 Länder. 60 Prozent der Bässe kaufen Musiker im deutschsprachigen Raum und den Benelux-Ländern. Man verwendet viele europäische Hölzer, aber zum Beispiel auch kanadischen Ahorn. Vierzig verschiedene Hölzer befinden sich im Lager. Die Produktion hat sich sehr verändert. Man setzt computergesteuerte CNC-Maschinen ein, um Hals und Korpus zu fräsen. Gefragt nach dem Umsatz, sagt Stonjek: „Er liegt zwischen einer und 4 Millionen Euro im Jahr.“

Ein interessantes Verfahren, das in Sandbergs heiligen Hallen vonstattengeht, ist das Aging von Bässen. Dem Instrument werden nach dem Vorbild alter Bässe mit diversen Werkzeugen verschiedene Macken und Abnutzungsspuren zugefügt, um ihm einen Used-Look zu verschaffen. „Das Ganze war als Gag für eine Messe gedacht“, erinnert sich Stonjek. Über die Jahre wurden vier Stufen entwickelt. Von Soft Aged, was dem Aussehen eines zehn Jahre alten Instruments mit nur leichten Kratzern entspricht, bis hin zu Masterpiece, bei dem das Instrument mehr als zwanzig Stunden bearbeitet wird. Auch der Klang wird verändert, so dass das Instrument auch älter klingt.

Sandberg hat schon ungewöhnliche Wünsche erfüllt, zum Beispiel die Instrumente für Rammstein aus durchsichtigem Acryl. „Spannend, wegen des anderen Materials, außergewöhnlich aufgrund der unter den Bauteilen versteckten LEDs, die das Instrument von innen beleuchten“, sagt Stonjek. Manche Kunden schickten Fotos von ihrer Tochter oder ihrem Mops und wollten dieses auf dem Korpus haben. „Wir haben auch schon einen Bass in Axtform gebaut oder einen als riesigen Stern, der war so groß, dass er unspielbar war.“ Den wohl abgefahrensten Bass orderte jedoch der Bassist der dänischen Rockband D-A-D: „Er schickte uns das in Wachs gegossene Positiv eines Kuhschädels, das Logo der Band. Wir bauten ihn aus Holz nach und fertigten daraus einen zweisaitigen Linkshänderbass mit roten LEDs für die Augen.“ Der renommierte deutsche Bassist Ken Taylor hat mit Sandberg eine eigene Basslinie kreiert. Von Peter Maffay über die Scorpions, Pur und Bruce Springsteen bis zum London Philharmonic Orchestra – Taylor war und ist dabei. „Seit 1994 spiele ich mit einem Instrument von Sandberg“, erzählt er.

Stonjek besucht gerne Konzerte, auf denen seine Bässe gespielt werden. Dass das ein oder andere Instrument im Eifer des Gefechts Schaden nimmt, damit hat er sich abgefunden: „Es hätte mir früher das Herz gebrochen, wenn jemand auf der Bühne seinen Bass zerdeppert, aber jetzt finde ich das super. Musik darf immer eine Überraschung parat haben.“ Der Bassist von Madsen hat ihm kürzlich ein Foto geschickt. Man sieht, wie der Bass gerade drei Meter hoch zu einem Bandkollegen fliegt, der schon die Hände ausstreckt. „Das ist nun mal anders als bei einem Kammerorchester. Ein Hammerfoto! Ob der Bass aufgefangen wurde, weiß ich nicht.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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