Spannende Inhalte finden

Maßgeblich an der Suchthilfe beteiligt

Die Messsysteme des Weltmarktführers Compware helfen Abhängigen, ihre Krankheit in den Griff zu bekommen.

F.A.Z.

2.06.2022

Lia Klinke

Tannenbusch-Gymnasium, Bonn

„Sucht ist eine anerkannte Krankheit“, sagt Gerd Meyer-Philippi, Geschäftsführer der Compware Medical GmbH aus Pfungstadt.  Um Menschen im Umgang mit ihrer Sucht zu helfen, spezialisierten sich Meyer-Philippi und Günther Kalka mit ihrem Unternehmen auf Dokumentations- und Dosiersysteme in der Substitution: Betroffene  erhalten einen Ersatz für die eigentliche Droge, zum Beispiel Methadon statt  Heroin.  Methadon ist ein synthetisch hergestelltes Opioid mit  schmerzlindernder Wirkung. Seit 35 Jahren ist das Unternehmen in diesem Bereich tätig und  nach eigenen Angaben Weltmarktführer für Dokumentations- und Dosiersysteme in der Substitution; es  beschäftigt 45 Mitarbeiter. Die Systeme wirken auch dem Ärztemangel entgegen, denn sie übernehmen die technischen Aufgaben.

Als   sich Meyer-Philippi und sein bester Freund Günther Kalka entschlossen, ein Unternehmen zu gründen, boten nur wenige Länder die medizinische Versorgung Drogensüchtiger an;  Sucht wurde noch nicht als Krankheit angesehen.  Seit Anfang 2000 änderte  sich laut Meyer-Philippi auch die Einstellung der deutschen Politik.   Die Stadt Frankfurt gab bei  Compware die Entwicklung von Dosiersystemen in Auftrag. Immer wieder stieß man jedoch auf Kritik. So waren manche  weiterhin der Meinung, Drogensüchtige hätten kein Anrecht auf  Behandlung, weil sie ihre Sucht  selbst verschuldet hätten.  Darauf erwidert Meyer-Philippi: „Jeder Mensch hat den Anspruch auf eine Behandlung seiner Krankheit. Durch Methadon kann man sein Leben weiterführen und ist von seinem Suchtdruck befreit.“   Das Unternehmen versorge  rund 25 000 Menschen in Deutschland, berichtet  Meyer-Philippi. Nach Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte waren 2020 gut 81 000 Substitutionspatienten gemeldet.

Ein Kunde  ist die Substicare GmbH in Düsseldorf; sie ist im Bereich Beratung, Dienstleistung und Forschung der Substitutionsmedizin tätig. Das Unternehmen unterstützt Praxen und verwendet die Produkte von Compware  nach eigenen Angaben seit   2017. Man verwende auch Konkurrenzprodukte, sagt der Geschäftsführer Jan Preuss,  doch seien die Produkte von Compware  am „benutzerfreundlichsten und fehlerunanfälligsten“ gewesen. „Der Automat von Compware ist der beste auf dem Markt, aber nicht komplett frei von Fehlern. Diese müssen konstant beseitigt werden, und die Bugs müssen reduziert werden“, sagt Preuss. Mit Fehlern seien Computerabstürze und  Probleme bei der Speicherung von Daten gemeint, nicht aber  sicherheitsrelevante Aspekte.

Die Geräte sind nicht größer als eine Kaffeemaschine;   sie werden in Arztpraxen, Apotheken, Kliniken, JVAs und anderen Institutionen verwendet. Nach eigenen Angaben werden sie  in Deutschland in 300 Institutionen eingesetzt,  darunter sind  60 JVAs und  30 Apotheken. Auf der  Welt werden die Dosiersysteme in 100 bis 150 Institutionen genutzt. Hierzulande werden die  sogenannten MeDoSys-Systeme  zu 90 Prozent gemietet.       Die Basispreise für die Miete liegen monatlich zwischen 500 und 620 Euro. Ein  Dosiersystem zu kaufen  kostet rund  35 000 Euro. Im Ausland werden die  Geräte  fast immer gekauft.

 Um zu verhindern, dass das Methadon auf dem Schwarzmarkt verkauft wird oder die Vorgänge in einer anderen Weise manipuliert werden, dokumentieren alle Systeme die Abläufe, kontrollieren Waagen den Inhalt, und auch die Verdunstung des Methadons wird überprüft.  Das ermöglicht einen lückenlosen Nachweis über die Verwendung des Medikaments.  

Bei der Dosierung wird  auch auf die  Menge  geachtet, an die der Betroffene gewöhnt ist. Sie werde so dosiert, dass Entzugserscheinungen kurzfristig verhindert werden, erklärt  Meyer-Philippi. „Methadon heilt nicht die Suchterkrankung, aber es nimmt den Suchtdruck und insbesondere die Entzugserscheinungen für rund 24 Stunden“, sagt er. So müsse der Patient nicht mehr spritzen.  Durch die Behandlung kann außerdem Beschaffungskriminalität verhindert werden.

Der Umsatz habe 2020 bei  3 Millionen Euro gelegen, sagt Meyer-Philippi.  Auch 2021 habe er    mindestens 3 Millionen Euro betragen.    Der Marktanteil in Deutschland belaufe sich auf   ungefähr 80 Prozent. Es gebe   Konkurrenten, allerdings seien sie meistens  „Billiganbieter“.  Insbesondere in Deutschland müsse man aber  das komplexe Gesundheitssystem verstehen und außerdem die  strengen Betäubungsmittel-Richtlinien der Vereinten Nationen, die den Gebrauch von Methadon regelten.

Das Unternehmen baut gerade einen weiteren Bereich auf:  Dosiersysteme für Personen,  die mehrere Medikamente parallel einnehmen müssen. Dies sei ein riesiger Markt mit rund 15 Millionen Menschen, sagt Meyer-Philippi.

Weiterlesen

Weitere Artikel von Lia Klinke

Cookie Einstellungen