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Man(n) will Großes hinterlassen

So groß wie vier Tennisplätze ist die größte Kinoleinwand der Welt – sie steht in der schwäbischen Provinz

F.A.Z.

3.03.2022

Ferdinand Brenner

Parler Gymnasium, Schwäbisch Gmünd

Wo erwartet man die größte Kinoleinwand der Welt? In New York? In Schanghai? In Tokio? Alles weit gefehlt, sie steht bei uns im Ländle, in Leonberg“, sagt  der  Filmtheaterbetreiber Heinz Lochmann,   Inhaber und Geschäftsführer der Heinz Lochmann Filmtheater-Betriebe GmbH aus Rudersberg. Statt es  in der Pandemie vorsichtig angehen zu lassen, präsentierte  er der Öffentlichkeit am 30. September 2021 sein neuestes Vorzeigeobjekt,  den „Traumpalast“ in Leonberg. Die umfangreiche Erweiterung des Kinokomplexes, der nun  auch drei Restaurants und ein Bowling-Center beinhaltet, verschlang laut Lochmann rund 20 Millionen Euro –  davon entfielen etwa 1,5 Millionen  auf die Leinwand und die dazugehörige Technik wie das 12-Kanal-Soundsystem Dolby Atmos.

„Doch das ist gut investiertes Geld“, sagt Lochmann. „Denn die Leinwand bringt die Vorteile des Laser-Kinosystems der kanadischen IMAX Corporation  für die 600 Zuschauer besonders eindrucksvoll zur Geltung.“ Diese bestehen darin, dass durch zwei parallel laufende Projektoren besonders brillante, scharfe und farbintensive Bilder produziert werden. „Und je größer die Leinwand, desto eindrucksvoller das Kinoerlebnis“, ist Lochmann überzeugt.

„Als sich zeigte, dass mein Sohn und  meine Tochter in das Familiengeschäft einsteigen möchten, hat mich das natürlich wie jeden Vater ungemein stolz gemacht“, erzählt Lochmann. „Das gab mir den Anreiz, ihnen noch etwas Großes zu hinterlassen, und so kam die Idee, die größte IMAX-Leinwand der Welt zu bauen.“  

Die Leinwand wurde in  Kanada gefertigt und ist  mit 38 mal  22 Metern so groß wie vier Tennisplätze.   Voraussetzung für dieses besondere Leinwanderlebnis ist jedoch:  Die Filme müssen  im 3-D-IMAX-Modus produziert worden sein, das heißt mit zwei Kameras gleichzeitig, die den Abstand der menschlichen Augen haben. Das befördert den sogenannten Vektions-Effekt, der den Eindruck vermittelt, der Zuschauer  würde sich selbst bewegen. Viele  Blockbuster der vergangenen  Jahre sind auf diese Weise produziert worden.

Doch schon  der Transport der Leinwand mit einem riesigen Tieflader und ihr  Aufbau stellten Lochmann vor große Herausforderungen. Zum Auftragen von fünf  Silberschichten, die durch mehr Reflexion hellere Bilder bewirken, musste die Leinwand zunächst in einer Hockeyhalle aufgehängt werden. Nach dem Aufbringen des Materials betrug ihr  Gewicht  etwa 770 Kilo. Bei  der  endgültigen Installation der Leinwand in Leonberg waren 60 Männer rund drei Stunden allein mit dem Hochziehen beschäftigt. Und dann der Schock: Als die Leinwand hing, traten überraschend Mängel auf; sie  musste zerschnitten werden,  im Eilverfahren bestellte man eine neue. „Zum Glück konnten wir zum neuen James Bond eröffnen”, sagt Lochmann.

 „Ich wollte ausprobieren, wie die Besucher reagieren, wenn sich das Kino nicht direkt in der Innenstadt befindet, sondern, wie in Leonberg, an einem viel befahrenen Autobahndreieck“, erläutert Lochmann. Bisher sei die Resonanz gut, die Leute kämen teilweise von weit her.  Lochmann benötigt eine  Auslastung von etwa  35 Prozent, damit sich der Betrieb lohnt. Doch selbst in der Pandemie wird diese Quote erreicht.   „Als ich mitbekommen habe, dass so eine Leinwand bei uns im Ländle steht, war klar, da muss ich hin“, sagt  ein Besucher, der  aus Biberach an der Riß angereist ist.  Die Leinwand sei mit keiner zu vergleichen, die er  gesehen habe. „Dafür zahle  ich gerne einen höheren Preis.“

Lochmann begann mit 16 Jahren eine Bäckerausbildung  im väterlichen Betrieb. Als die Tante verstirbt und ihr Kino in Rudersberg an Lochmanns Vater vererbt, entdeckt er seine  Leidenschaft für Kinos.  Mit 30 Jahren konzentriert er sich ganz  aufs Kino. Fünf Jahre später kauft er  ein  Kino in Schorndorf.  Es folgen weitere Filmtheater  in der Region;  aber auch in Hamburg ist Lochmann Betreiber des traditionsreichen Passage Kinos an der Mönckebergstraße. Inzwischen sind es zehn Filmtheater. 

Lochmann beschäftigt  500 bis 700 Mitarbeiter, je nach Jahreszeit und Popularität der Filme. Im Durchschnitt kommen jährlich gut   2 Millionen Besucher in seine Kinos. Vor Corona lag der  Umsatz im nie­drigen zweistelligen Millionenbereich; er stammte  zu rund 70 Prozent aus Ticketverkäufen.  Allerdings sei  der Erlös in der Pandemie um rund 70 Prozent zurückgegangen. Für die Zukunft des Kinos ist Lochmann  zuversichtlich. „Gemeinsam weinen, lachen, mitfiebern, das macht Kino aus. Und darauf wollen wir doch auch in Zukunft nicht verzichten, oder?“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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