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Man muss dem Kunden ins Auge sehen können

R+H versorgt viele Brillenträger in Deutschland mit innovativen Gleitsichtgläsern.

F.A.Z.

8.11.2019

Joshua Zettelmeier

Bayernkolleg Schweinfurt, Schweinfurt

Knapp zwei Drittel der Bundesbürger ab 16 Jahre benötigen eine Sehhilfe. Nach Angaben des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen wurde 2018 mit knapp 13 Millionen Brillen und etwa 40 Millionen Gläsern ein Umsatz von mehr als 6 Milliarden Euro erwirtschaftet. „Jedes zehnte Brillenglas auf dem deutschen Markt kommt von uns“, sagt Ralf Thiehofe, Gesamtgeschäftsführer der Bamberger Rupp + Hubrach Optik GmbH. Gegründet wurde das Unternehmen 1922. Bis März 2003 war es familiengeführt und ist nun eine Tochtergesellschaft des französischen Essilor-Konzerns, der mit 7,5 Milliarden Euro Umsatz Weltmarktführer im Bereich Brillenglas ist. Die größten Konkurrenten sind Hoya Vision, Zeiss Vision und Rodenstock.

Nur 10 Prozent der R+H-Gläser finden Abnehmer außerhalb des deutschsprachigen Marktes, in Russland, Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten. „Vor allem da, wo einzelne ausgewanderte deutsche Augenoptiker das Produkt vertreiben“, erklärt der Geschäftsführer. Seit 1998 habe man einen Produktionsstandort in Irland, auch wegen der hochattraktiven Steuersätze. „Wir beschäftigen 248 Mitarbeiter in Bamberg und 109 in Blessington.“ Insgesamt erwirtschafte man mit knapp 3 Millionen Gläsern einen Jahresumsatz von rund 60 Millionen Euro.

Die Bamberger fertigen auf Bestellung Premium-Korrekturgläser. Man produziere 10000 bis 17000 Gläser am Tag. „Wir beliefern neben dem klassischen Optikerfachhandel auch Ketten. Insgesamt haben wir etwa 1600 Kunden, von denen 1100 jeden Tag bestellen“, berichtet Frank Lindenlaub, Leiter der PR-Abteilung.

Den Produktionsvorgang erläutert der Mitarbeiter Julian Rabenmüller während eines Rundgangs. Die rohen Kunststoff- oder Mineralscheiben erhalten zunächst einen Folienschutz auf der Vorderseite, da diese schon fertig geschliffen ist. „95 Prozent der Brillengläser bestehen heutzutage aus Kunststoffmaterialien.“ Im nächsten Schritt wird das Glas für die Oberflächenbearbeitung fixiert. Dann werden die Gläser vorgefräst, feingedreht und poliert, wodurch sie ihre Form und Korrekturfähigkeit erhalten. „Die verwendeten Fräswerkzeuge sind mit Naturdiamanten besetzt, kosten knapp über 300 Euro je Stück und haben eine Standzeit von 500 bis 1100 Gläsern, je nach Material. Nur mit Naturdiamanten bekommt man die benötigte feine Struktur hin.“

Sollen die Gläser gefärbt werden, geschieht das mit Hilfe von Farbmustern per Hand: „In diesem Bereich arbeiten hauptsächlich Frauen, da sie ein besseres Farbempfinden besitzen“, sagt Lindenlaub. Der letzte Vorgang ist das Ver- oder Entspiegeln der Gläser im Hochvakuum. „Daneben bieten wir noch weitere Veredelungen an wie Hartschichtungen, um Kratzer zu vermeiden, Beschlagschutz und Abperleffekt gegen die Beeinträchtigung der Sicht durch Nässe sowie UV-absorbierende oder -reflektierende Schichten.“

Das Flaggschiff von R+H im Gleitsichtbereich nennt sich SiiA und ist seit 2018 auf dem Markt. Lindenlaub erklärt: „SiiA verbindet sämtliche Innovationen in einem Glas, alles, was derzeit technisch möglich ist.“ Ein Beispiel sei die Intuitivtechnik, sie berücksichtige die Rechts- oder Linkshändigkeit des Trägers. Auch den Nachtmodus, eines der neuesten Patente, gebe es erstmals im Gleitsichtglas, sagt Thiehofe. „Er verringert Fehlsichtigkeit aufgrund der Veränderung in Dämmerungssituationen.“ Das lasse sich anhand der Fotographie erklären: Je größer die Blende eingestellt werde, desto geringer sei die Tiefenschärfe. „Unsere Pupille funktioniert wie die Blende im Fotoapparat, und nachts wird sie größer, was zu Abbildungsfehlern auf der Netzhaut führt, die mit unserer Technologie teilweise kompensiert werden.“ Gleitsichtgläser haben einen Umsatzanteil von etwa 63 Prozent.

Eine Neuheit ist „Eye Drive“. Dabei handelt es sich um ein Beschichtungspaket, das das Autofahren bei Nacht erleichtern und sicherer gestalten soll. Der Hersteller verspricht 90 Prozent weniger Blendung durch den Gegenverkehr. „Die Scheinwerfertechnologie hat sich deutlich weiterentwickelt. Wo früher die Glühbirne war, strahlen jetzt LED und Xenon – da mussten wir reagieren.“

Zu den Preisen sagt Thiehofe: „Wir bewegen uns zwischen 100 Euro je Glas für einfache Einstärkengläser und 580 Euro je Glas für Top-Marken-Gleitsichtgläser.“ Einfache Einstärkengläser von asiatischen Herstellern kosteten nur 20 Euro, und der Preisunterschied werde noch größer werden. Einerseits kämen mehr Billigstanbieter auf den Markt, andererseits würden Premium-Brillengläser teurer, weil sie mit Blick auf Komfort und Funktion weiterentwickelt würden.

In Zukunft könnte sich Thiehofe optimierte Gläser für spezielle Tätigkeiten und Berufe vorstellen. „Schutzfunktionen für das Auge werden auch immer wichtiger werden, wie das Herausfiltern von Licht einer bestimmten Wellenlänge.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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