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Lokalpatriotismus

Die Ständige Vertretung ist inzwischen ein Restaurant – und eine Marke.

F.A.Z.

5.12.2019

Anna Roggenbuck

Katholische Schule Liebfrauen, Berlin

Am Ende kommen alle Gäste auf Politik zu sprechen, weil die Umgebung einfach dazu inspiriert“, erzählt Jörn Brinkmann, einer der beiden neuen Betreiber der Ständigen Vertretung (Stäv), ein Restaurant in Berlin-Mitte. Hinter dem Namen des Lokals steckt Geschichte. Er kommt von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR. Als Ständige Vertretung bezeichnet man eine Institution, die die Funktion einer Botschaft übernimmt, wenn die Einrichtung einer offiziellen Botschaft nicht möglich ist.

Brinkmann und Jan Philipp Bubinger haben das Lokal 2017 übernommen, 20 Jahre nachdem es von Friedhelm Drautzburg und Harald Grunert eröffnet worden war. In ihm gibt es viel zur deutschen Geschichte, zur Wende und zum Umzug des Bundestags von Bonn nach Berlin zu sehen. Das Logo hat man dem Wappen der einstigen politischen Institution nachgebildet, jedoch den Bundesadler durch eine Eule ersetzt, die dem Betrachter den Vogel zeigt.

Man sieht sich als die Vertretung der rheinischen Kultur in der Hauptstadt. Kölsch darf da nicht fehlen, wovon laut Brinkmann bei 1000 bis 1500 Besuchern am Tag rund 500 Liter verkauft werden, den Viertelliter für 2,40 Euro. Die Wände hängen voll von gerahmten Fotos von Prominenten und Politikern, die in der Ständigen Vertretung zu Gast waren.

Als Gerhard Schröder mit Günter Gaus, dem ersten Ständigen Vertreter in der DDR, im Herbst 1998 in die Stäv kam, machte der Bonner Fotograf Frank Ossenbrink Fotos. Diese hängen dort nun seit mehr als 20 Jahren. Auch auf der Toilette hängen Bilder, Spezialanfertigungen von Bildkacheln mit DDR-Szenarien von 1945 bis 1989 und wichtigen Ereignissen aus der deutschen Geschichte.

Wichtig ist der Karneval. Den richtet das Polit-Kult-Lokal, wie es sich nennt, wegen der 1500 bis 2000 Besucher in der Kulturbrauerei aus. „Anfangs wurde Karneval noch in der Stäv ausgerichtet“, erzählt Brinkmann. „Als sich die Nachbarn beschwerten, organisierte man eilig Headsets, und jeder hörte die Musik über Kopfhörer. Daraufhin berichteten Fernsehteams aus ganz Europa über den ersten lautlosen Karneval.“

Drautzburg und Grunert wollten 1997 im Rahmen des Umzugs von Regierung und Bundestag von Bonn nach Berlin ein Stück Heimat für die Rheinländer schaffen. Die Stäv wurde zum Beispiel zum Schwarzen Brett, wo man Wohnungen fand. In Berlin hat sie 60 festangestellte Mitarbeiter. Unter den Gästen sind nicht nur Touristen, sondern, wie Brinkmann sagt, auch Stammkunden, die sieben Tage die Woche kämen. Serviert werden vor allem rheinische Spezialitäten wie Sauerbraten und „Himmel un Ääd“. „Die asiatischen Touristen bestellen aber immer Haxe mit einem großen Bier, da sie sich so Deutschland vorstellen“, sagt Brinkmann. Man kann auch ein „Alt-Kanzlerfilet“ für 9,50 Euro essen: Currywurst, das Leibgericht von Gerhard Schröder.

Weil sich die Marke Ständige Vertretung als Erfolg erwies, gibt es nun Lokale in Bremen, Hannover und im Flughafen Köln/Bonn; sie haben von Drautzburg und Grunert die Lizenz erhalten. Die Lizenzgebühr beläuft sich laut Brinkmann auf 2,5 Prozent des Nettoumsatzes. Der Plan, im Flughafen Berlin Brandenburg zu eröffnen, ist seit 2013 immer wieder verschoben worden. Aus bekannten Gründen. Da kann Artikel 7 des Rheinischen Grundgesetzes helfen: „Wat wellste maache? Füge dich in dein Schicksal.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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