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Kleine Jungs kriegen große Augen

Mangas sind beliebt. Die Leser schmücken mit ihnen auch ihre Regale – weshalb Marktführer Carlsen kaum E-Books verkauft.

F.A.Z.

5.05.2022

Luzie Klaffschenkel

Berufliches Schulzentrum, Hechingen

„Ich  spreche leider kein Japanisch“, sagt Kai-Steffen Schwarz, der Programmleiter von Carlsen Manga in Hamburg, und fügt hinzu: „Ich bin froh, dass der japanische Markt so groß ist.“  Schwarz versorgt die Manga-Fans, auch Otakus  genannt, regelmäßig mit neuen Manga-Ausgaben. „Otaku“ kommt aus dem Japanischen und kann mit „Haus“ übersetzt werden; der Begriff bezeichnet  eine Person, die in etwas so vernarrt ist, dass sie  kaum noch das Haus verlässt. International wird  er   für eine Person verwendet, die eine große Leidenschaft für Manga und Anime besitzt. Schwarz erfreut sich selbst am  Lesen von Mangas; er  hat  sein Hobby zum Beruf gemacht.

Manga ist japanisch und steht für den Begriff Comic. Nur Comics, die aus Japan stammen, werden als Mangas bezeichnet. Man liest die schwarz-weiß gezeichneten Handlungen von rechts nach links. Mangas richten sich an eine große Leserschaft verschiedenen Alters:  Von Schulromanzen über den Aufbruch in eine Abenteuerwelt bis hin zu grusligen Horrorgeschichten ist alles dabei. Sie ziehen weibliche und männliche Leser an. Beliebt bei Mädchen und Frauen sind  Themen wie Sport und  Liebe, aber auch  „Boys Love“, die Liebe zwischen jungen Männern.  Mangas sind auf eine endlose Fortsetzung ausgelegt; dadurch unterscheiden sie sich von  westlichen Comics. Außerdem wird in ihnen die  „Kunst des Weglassens“ praktiziert: Der  Fokus liegt stark auf der wesentlichen Handlung.

Der erste Manga „Barfuß durch Hiroshima“ hatte 1982 seinen Auftritt  in Deutschland, allerdings  erfolglos. Mittlerweile sind Mangas hierzulande angesagt. Der   Gesamtumsatz des Hamburger Carlsen Verlags GmbH hat 2021  rund 100 Millionen Euro betragen.   Die Manga-Abteilung habe einen  Nettoumsatz von 19,5 Millionen Euro erwirtschaftet, berichtet Schwarz. „Dies ist ein Rekordjahr für uns.“ Der Schwerpunkt der Mangas liege  auf Shonen. Dies ist eine  Manga-Kategorie, die sich an ein  jüngeres, männliches Publikum richtet, und die meistverkaufte Gattung.

Aus diesem Genre stammen bei  Carlsen die Reihen  „Dragon Ball“ mit 8 Millionen und „One Piece“ mit 6 Millionen verkauften Exemplaren. Zu einem Stückpreis zwischen 6 und 8 Euro werden die Bände als gedruckte oder elektronische Bücher  verkauft. Print liegt dabei klar vorne.   „Die Leser sammeln die Bände oder benutzen sie, um ihr Regal zu dekorieren“, sagt  Schwarz. Der Anteil der digitalen Ausgaben am Manga-Umsatz beträgt nur 2,5 Prozent.   

Carlsen hat  laut Schwarz einen Anteil  am deutschen Manga-Markt  von 35 Prozent und  sei  eindeutiger Marktführer. „Wir glauben nicht, dass uns jemand in den nächsten Jahren einholt, doch so genau kann man das nie sagen.“ Schließlich ist der Wettbewerb stark; die   größten Konkurrenten  sind Kazé, Egmont Manga und Tokyopop.  

Inzwischen gibt es viele Läden, die ausschließlich Mangas verkaufen,  und in den Buchläden wird die  Auswahl größer.   Auch in der Corona-Pandemie wurden Mangas viel gekauft.  Schwarz vermutet, dass die Leute mehr Zeit hatten, sich mit Mangas zu beschäftigen, und in den  sozialen Netzwerken davon lasen.  „Die Pandemie fördert den Verkauf von bestimmten Ausgaben“, berichtet Schwarz. Titel wie „Attack on Titan“ und  „The Promised Neverland“ erzielten den höchsten  Umsatz, da sie in dieser Zeit veröffentlicht wurden.  Schwarz war selbst  überrascht darüber, wie viele neue Manga-Kunden sie hinzugewannen. Es tauchten jedoch auch Schwierigkeiten auf, etwa in den Bereichen Logistik und Druck. 

Eine Lizenz zu erwerben sei  ein bisschen wie die Katze im  Sack zu kaufen, erzählt Schwarz. Manchmal kauften sie Titel, von denen sie dächten, sie würden ein  Hit – und dann trete das Gegenteil ein.    Oder sie lehnten einen Titel ab, weil er  zu diesem Zeitpunkt nicht ins Programm passe, und genau dieser Titel entpuppe  sich als absoluter Schlager. 

Als Glücksgriff sollte    sich die Manga-Reihe „Tokyo Revengers“ erweisen. In Japan erscheint sie  seit 2017.  Für Carlsen war es  nicht so einfach, die Lizenz dafür  zu bekommen. „Wir erhoffen uns eine Hit-Serie“, sagt Schwarz. In anderen Ländern wie Spanien belegte sie  nach Erscheinen für einige Tage den ersten Platz auf dem Buchmarkt. Im September vergangenen Jahres gab der japanische Manga-Verlag Kodansha bekannt, dass sich zu diesem Zeitpunkt  die stattliche Zahl von 40 Millionen „Tokyo Revengers“-Exemplaren im Umlauf befänden.    In der Handlung  taucht ein Manji-Zeichen auf,  ein Glückszeichen im Buddhismus. Es  hat   Ähnlichkeit mit dem rechtsextremistischen Hakenkreuz.  Carlsen Manga ist es wichtig, dass  Leser das Zeichen nicht falsch interpretieren und man keine rechtlichen Probleme bekommt. 

Nicht immer benötigt Carlsen eine Lizenz. Der Verlag  arbeitet mit einigen selbständigen Manga-Zeichnern zusammen. „Wir wollen nicht nur eine Abspielstation für ausländische Verlage sein“, betont Schwarz. Es gebe auch hierzulande   viele großartige Geschichten.   Die geographische Nähe zu den Zeichnern erleichtere zudem die Zusammenarbeit. 

Natürlich darf man die Verkaufszahlen der deutschen Produkte  nicht mit den bekannten internationalen Titeln vergleichen. Doch es gibt deutsche Ausgaben, die fünfstellige Verkaufszahlen erreicht haben.  Christina Plaka, eine der bekanntesten Mangaka (Manga-Zeichner) in Deutschland, die ihren Titel „Go for it“ bei Carlsen veröffentlicht hat, hat sogar eine Manga-Schule in Offenbach eröffnet. Weitere Titel von deutschen Mangakas  wie „Schattenarie“ und  „Skull Party“ erregten ebenfalls  Aufmerksamkeit. „Für die Künstler selbst bleibt nicht viel hängen“, räumt  Schwarz ein. Die meisten deutschen Zeichner  können nicht von den Mangas  allein leben. Manche erhalten über die Crowdfunding-Plattform Patreon eine finanzielle Unterstützung  ihrer Fans.

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