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In jedem Ort sucht man ein Örtchen

Ein wohlbekanntes Problem: Man ist unterwegs und findet keine öffentliche Toilette. Im Restaurant will man nicht fragen. Dafür gibt es eine Lösung.

F.A.Z.

14.09.2023

Florian Rottenbacher

Kath. Schule Liebfrauen, Berlin-Charlottenburg

„Erfurt ist absolut dankbar für das Konzept ,Die nette Toilette‘. Es ist so zukunftsweisend, dass wir es auch für andere Städte empfehlen“, sagt  Patricia Stepputtis, Citymanagerin der Stadt Erfurt. Als eine von vielen  teilnehmenden Städten und Gemeinden in Deutschland und der Schweiz spart Erfurt durch das im Jahr 2000 von der Stadt Aalen entwickelte Konzept der netten Toilette  viel Geld. Die Idee dahinter: Die Neuanschaffung und Instandhaltung öffentlicher Toiletten ist für Kommunen  mit hohen Kosten verbunden; diese Kosten werden durch die Einbindung der örtlichen Gastronomen deutlich reduziert. Ansprechpartner ist die Studioo GmbH aus  Aalen, die das Konzept über die Bildmarke „nette Toilette“ vermarktet.

„Die Baumaßnahmen für eine öffentliche vollautomatische Toilette sind extrem teuer. Sie liegen im sechsstelligen Bereich. Hinzu kommen jährliche Unterhaltskosten von ungefähr 15.000 bis 20.000 Euro pro Toilette“, berichtet Oliver Machhold, Geschäftsführer der Studioo GmbH. Auch sei Vandalismus ein großes Problem. Das kann Stepputtis bestätigen: „Bei uns in Erfurt müssen wir für den Bau einer öffentlichen Toilette je nach Ausstattung mit 150.000 bis 200.000 Euro zuzüglich der jährlichen Unterhaltskosten rechnen. Hinzu kommen Vandalismusschäden, die sich je nach Grad der Zerstörung auf einen Betrag zwischen 500 und 5000 Euro pro Toilette pro Jahr belaufen.“

Außerdem hätten   viele Ersatzteile eine lange Lieferzeit von bis zu drei Monaten. Während dieser Zeit müssten die Toiletten geschlossen bleiben, wodurch das ohnehin schon zu geringe Angebot an öffentlichen Toiletten weiter reduziert werde. Abgesehen davon, dass sich viele Kommunen ein eigenes  Toilettennetzwerk aufgrund dieser hohen Kosten gar nicht leisten können, fehlt zudem oft der  erforderliche Raum.

In  Gastronomiebetrieben sind hingegen viele  Toiletten vorhanden. „Vielen Menschen ist es aber peinlich, im Restaurant zu fragen, ob sie dort auf die Toilette gehen dürfen, ohne etwas zu verzehren“, erklärt Machhold. Hier setzt das Konzept der netten Toilette an: Der Gastronomiebetreiber stellt seine Toiletten unentgeltlich zur Verfügung und erhält dafür von der Gemeinde einen monatlichen Zuschuss für die Reinigung und Instandhaltung.  „Wie hoch dieser Zuschuss ist, ist Sache zwischen der Gemeinde und dem Gastronomen“, erklärt  Machhold. „Bei uns in Erfurt bekommen Gastronomen einen Zuschuss in Höhe von durchschnittlich 80 Euro im Monat“, sagt Stepputtis. Die  genaue Höhe richte sich  nach der Lage und den Öffnungszeiten des Gastronomiebetriebs sowie der WC-Ausstattung. „Ein Restaurant, das sehr zentral gelegen ist und deshalb häufig besucht wird oder das beispielsweise über eine Behindertentoilette verfügt, bekommt einen höheren Zuschuss als ein Restaurant, das kaum besucht wird oder nur abends geöffnet ist.“

Die Praxis zeige, dass Vandalismus durch die „Nähe“ zum Gastronomen nur sehr selten auftrete. „In einem Jahr gab es genau einen einzigen Fall“, sagt Stepputtis und ergänzt:  „In Erfurt können wir für die Unterhaltskosten einer öffentlichen Toilette 16 nette Toiletten betreiben.“

Erkennbar sind die teilnehmenden Gastronomen an einem roten Aufkleber mit lachendem Gesicht, der  gut sichtbar an der Tür angebracht wird. Je nach Ausstattung der Toilette sind auf dem Aufkleber  Icons abgebildet,  beispielsweise ein Rollstuhlfahrer oder eine Person am Wickeltisch. „Sehr hilfreich, vor allem für Touristen,  ist auch unsere App, die den Nutzern einen Überblick über die in der Gemeinde vorhandenen netten Toiletten verschafft und sie bei Bedarf zur nächstliegenden Toi­lette leitet“, erklärt Katja Machhold-Wahl, die bei  Studioo für die Vermarktung  verantwortlich ist. Die App werde von den Kommunen  gepflegt, wodurch sichergestellt sei, dass Änderungen beispielsweise der Öffnungszeiten schnell kommuniziert würden.

Durch die App und die einheitlichen Aufkleber habe die nette Toilette im deutschsprachigen Raum einen hohen Wiedererkennungswert. Das sei auch ein wichtiger Grund, weshalb viele Städte und Gemeinden mit  Studioo zusammenarbeiteten und nicht ihr eigenes Konzept entwickelten. Außerdem sei die Bildmarke geschützt. „Mittlerweile nehmen rund 380 Städte und Gemeinden an unserem Konzept teil. Alleine im vergangenen Jahr sind 15  hinzugekommen“, sagt Machhold-Wahl. Sie ist auch  in acht Städten in der Schweiz vertreten,  etwa  in Basel und Bern. „Hier in Aalen wenden wir das Konzept bereits seit Beginn, das heißt seit 2000, an. Es hat sich so bewährt, dass die Stadt mittlerweile alle öffentlichen Toiletten schließen konnte.“

Um Mitglied des Netzwerks zu werden und Zugriff auf die App zu erhalten, müssen die Kommunen  eine einmalige Lizenzgebühr an  Studioo bezahlen, die derzeit je nach Einwohnerzahl zwischen 800 und 2685 Euro plus Mehrwertsteuer beträgt. Darüber hinaus haben die Städte und Gemeinden die Möglichkeit, Flyer und Plakate mit integriertem Stadtplan über  Studioo kostenpflichtig drucken zu lassen. „Erfurt hat für knapp 2000 Euro eingekauft“, berichtet Stepputtis.

„Die nette Toilette schafft eine Win-win-win-Situation“, fasst   Machhold-Wahl zusammen. „Die Städte und Gemeinden sparen extrem viel Geld und werden für ihre Besucher attraktiver. Die Gastronomen erhalten finanzielle Unterstützung für den Unterhalt ihrer ohnehin schon vorhandenen Toiletten und können sogar Neukunden gewinnen.“ Die  Stadtbesucher profitierten von    einem Netz an frei zugänglichen und sauberen Toiletten.   Gastronom André Grenzdörffer, der mit zwei Betrieben in Erfurt am Konzept teilnimmt, berichtet: „Vor allem Einheimische, die durch die nette Toilette auf mein Restaurant aufmerksam geworden sind, kommen gerne mal zum Abendessen wieder, da sie gesehen haben, wie schön und sauber es bei uns ist.“

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