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Eine gute Figur hält über Wasser

Galionsfiguren soll ein guter Geist innewohnen. Hartmann Design ist der einzige Betrieb in Europa, der sich auf ihre Herstellung spezialisiert hat.

F.A.Z.

20.03.2020

Paula Sophie Medlin

Johanneum zu Lübeck, Lübeck

Wer schützt Schiffe vor dem Sinken und sorgt für gutes Wetter auf See? Der Legende nach übernehmen Galionsfiguren diese Aufgaben. Da man annahm, dass die Galionsfigur die Seele des Schiffes verkörperte, galt eine Beschädigung der Figur als böses Omen und erschwerte es, eine Crew zu finden. Man glaubte, dass den Galionsfiguren der Klabautermann innewohnte, ein guter Geist, der dem Schiff den richtigen Kurs wies und es vor Krankheit und Stürmen behütete. Das Ehepaar Claus und Birgit Hartmann stellt diese Figuren seit 1994 in seinem Atelierbetrieb Hartmann Design auf der Weserinsel Harriersand her. In ganz Europa sind sie nach eigenen Angaben die einzigen, die sich auf das professionelle Schnitzen von Galionsfiguren spezialisiert haben. Es gebe immer mal wieder Bildhauer, die für ein einzelnes Schiff eine Figur oder ein Ornament anfertigten. Sie selbst bearbeiteten drei bis fünf Projekte im Jahr und erzielten einen Umsatz zwischen 40000 und 80000 Euro.

Das Herstellen von Galionsfiguren war für Claus Hartmann ursprünglich nur ein Weg, um sein Medizinstudium zu finanzieren. Er habe schon vorher Skulpturen geschnitzt und sei dann auf die Idee gekommen, dies für Segelschiffe zu versuchen. Seine ersten Aufträge erhielt er für die „Großherzogin Elisabeth“, deren Eigner er kannte, und die „Lili Marleen“ aus der holsteinischen Reederei Peter Deilmann. Nach weiteren Arbeiten entschied er sich 1997, noch während seines Studiums, die Arbeit als Schiffsbildhauer zu intensivieren. Der Markt sei groß gewesen, mit einer hohen Anzahl von Segelschiffen und geplanten Neubauten. „Und es gab kaum jemanden, der dort etwas anzubieten hatte“, erzählt Hartmann, der aus einer Seefahrerfamilie stammt. Den Anspruch stinkreich zu werden, habe man nie gehabt. „Birgit und Claus waren uns auf Anhieb sehr sympathisch. Es geht den Hartmanns eindeutig nicht um Kommerz“, sagt Anja Cabral, Kundin von Hartmann Design. Da stecke eine andere Philosophie dahinter. „Es ist ein ganz persönliches Kunstwerk entstanden.“

Seit 1997 schnitzt man auch Figuren für Megayachten. Mittlerweile sind die Galionsfiguren der Hartmanns durch 13 Nationen auf allen Weltmeeren vertreten. Oft stehen die Motive im Zusammenhang mit dem Namen des Schiffes. Die Auftraggeber sind meistens europäische Werften. Gelegentlich werden auch kleinere Figuren, Schnitzereien und Reliefs für Privatkunden hergestellt.

Eine ihrer wohl bekanntesten Figuren ist Claus Hartmann zufolge der fünfte Albatros für das Segelschulschiff „Gorch Fock“ der Deutschen Marine, der 2003 angefertigt wurde, nachdem der vorherige Albatros 2002 während eines Sturms im Ärmelkanal verlorenging. Hartmann Design stellte ein weiteres Replikat des ursprünglichen Entwurfs für den Albatros her. Doch auch dieser kam 2003 in einem Sturm in der Biskaya abhanden. Der neueste Albatros, der nicht mehr von den Hartmanns stammt, besteht aus einem carbonfaserverstärkten Kunststoff, für den laut Hartmann der Wartungsaufwand zwar niedriger ist als bei Holz, der aber schneller brüchig werden kann.

Die Galionsfigur wird am Bugspriet, eine mit dem Rumpf fest verbundene und über den Bug des Segelschiffs ragende Spiere, befestigt. Dieser wird vermessen, damit man berechnen kann, in welchem Winkel die Figur befestigt wird. Anschließend werden eine Zeichnung und ein Prototyp entworfen. Dann wird über das Material entschieden. Eine Galionsfigur aus Holz sei günstiger als eine Figur aus Bronze, sagt Hartmann.

Die Phase, in der aus der Zeichnung die Galionsfigur entsteht, ist laut Hartmann unterschiedlich lang. „Mitunter dauert es nur einige Wochen, es gibt aber auch Projekte, die ein bis zwei Jahre Vorbereitungszeit, Verhandlungen und so weiter benötigen.“ Die Hartmanns übernehmen auch die Montage. „Besonders beeindruckend fand ich, dass Claus die Figur auch noch gesegnet und ihr liebevoll zugeredet hat, dass sie gut auf die ,Robusta‘ aufpassen solle“, erzählt Kundin Anja Cabral, die die Galionsfigur als Glücksbringer für ihre Weltreise bekam.

Die Preise der Galionsfiguren für große Segelschiffe beginnen bei rund 10000 Euro. Das Material spielt für den Preis eine wichtige Rolle. Manchmal benötigen die Hartmanns maschinelle Hilfe bei Materialien wie Bronze, Edelstahl und speziellen Kunststoffen für den Bau von Modellen. Das machen dann andere Unternehmen oder Handwerker. Hartmann Design kooperiert außerdem immer mal wieder mit größeren Farbunternehmen, „die spezielle Farbmischungen wie einen Farbton, der perlmuttartig schimmert, oder flüssige Goldfarben aus Thailand zur Verfügung stellen“, berichtet Hartmann.

Das Holz für die Figuren lässt sich das Unternehmen liefern. Manchmal nutzt man auch umgestürzte Baumstämme aus der Nachbarschaft. Die Galionsfigur für das Schweizer Segelschiff „Robusta“ sei beispielsweise aus Schwemmholz aus der Weser hergestellt worden und dadurch sogar nachhaltig, sagt Besitzerin Cabral. Die 40 Zentimeter große Figur ist nach Hartmanns Angaben die bisher kleinste menschliche Galionsfigur. Die größte Figur habe man 1998 für das italienische Segelschiff „Signora del Vento“ angefertigt, sie misst 4,5 Meter.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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