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Ein Lehrer bleibt höflich

Viele Landwirte haben noch einen anderen Beruf

F.A.Z.

7.04.2022

Martin Herbner

Collegium Josephinum, Bonn

Landwirtschaft und Ernährung“ heißt ein  Unterkapitel im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP. Der Begriff Nebenerwerbslandwirtschaft taucht dort  nicht auf.  Dabei sorgen gemäß einer Studie  des Fachbereichsleiters  Agrarwissenschaft der Hochschule Neubrandenburg, Theodor Fock, gerade diese Betriebe  für einen gesellschaftlichen Mehrwert. Sie bieten eine Alternative zur  Massenproduktion,  sie agieren regional, tragen zum Erhalt offener Landschaften bei und fördern  die Artenvielfalt. Und sie bewahren  ursprüngliche Hofstrukturen, getreu dem Motto: „Du gehörst mir und du gehörst mir nicht, geliehen für kurze Zeit, Menschen kommen, Menschen gehen, doch der Hof bleibt stehen.“

So sagt es  Nikolaus König, Berufsschullehrer, Nebenerwerbslandwirt –  seit über 10 Jahren mit biokonformer Jungtieraufzucht –  und bis zum Ausbruch der Corona-Krise Kabarettist im Programm der Theatermacher „Bure zum Alange“ (Bauern zum Anfassen).  König  bewirtschaftet einen der  rund 127 000 deutschen  Nebenerwerbslandwirtschaftsbetriebe;   laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft ist das etwa die Hälfte aller Bauernhöfe. Dass es so viele  Nebenerwerbsbetriebe gibt, hat auch etwas mit dem  Steuerrecht zu tun: Kleinere land- und forstwirtschaftliche Betriebe können ihren steuerlichen Gewinn  nach Durchschnittssätzen ermitteln,  eine aufwendige Einnahmeüberschussrechnung entfällt. 

Daneben zählt   der emotionale Faktor. „Das frisch gemähte Gras im Frühjahr, der erdige Duft bei der Kartoffelernte, der Schweiß kombiniert mit Harz- und Tannenduft im Wald“, schwärmt  König. Damit verbunden sei das Bewusstsein, „für das Stück Land, das von unseren Vorfahren bereitet wurde“, Verantwortung zu übernehmen. All dies habe  er  „mit der Muttermilch aufgenommen“.

Doch sei es  eine Herausforderung,  als Landwirt zu bestehen.   Der Landwirtschaftsmeister, der einen 35 Hektar großen Hof im Hochschwarzwald  auf fast 1000 Metern Höhe bewirtschaftet, weiß, wovon er spricht. Seit 1805 befindet sich der Bartleshof im Familienbesitz; bis 2013 wurde der Hof im Vollerwerb geführt, bis sich  König zum technischen Lehrer weiterbildete.  „Ich erfreue mich am Arbeiten mit den Schülern aus Landwirtschaft und Weinbau“, sagt er.

Seither trägt sein Einkommen als Lehrer rund 60 Prozent zum Familieneinkommen bei. Erträge aus Landwirtschaft und  Forstwirtschaft (auf 9,5 Hektar mit Hofsägewerk)   bringen 20 Prozent. Der Rest kam vor Corona aus dem Tourismus (Ferienwohnung) und der Unterhaltung (Schauspielerei, Kabarett). Enthalten ist  ein Betrag, den König  erhält, weil er  seine historische Sägemühle als Schauplatz in der SWR-Fernsehserie „Die Fallers“ zur Verfügung stellt. In ihr  tritt  er gelegentlich auch als Darsteller auf.  „Manchmal bin ich zu vielseitig“, sagt  König selbstkritisch; ohne die Mithilfe der Familie ginge das alles nicht.

Gut ein Drittel der Nebenerwerbslandwirte betreibt die  arbeitstechnisch weniger aufwendige Mutterkuhhaltung, schreibt Theodor Fock in seinem Agrarbericht 2020. Typisch für  Nebenerwerbsbetriebe ist die  extensive Landwirtschaft. So halten sie nur 0,58 Großvieheinheiten je Hektar.  Gut möglich ist zudem,  dass die Tiere mit Futter von der eigenen Wiese gefüttert und nahe zum Hof geschlachtet werden.

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