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Die Schwaben ziehen andere Saiten auf

Gitarren- und Bassspieler, die den Rock ’n’ Roll lieben, sollen bei dem schwäbischen Händler Station Music auf ihre Kosten kommen.

F.A.Z.

11.10.2019

Gabriel Mertens

Parler Gymnasium, Schwäbisch Gmünd

Wohin ginge Jimi Hendrix, wenn er noch lebte und sich eine neue Gitarre zulegen wollte? Womöglich würde er einen Flug nach Deutschland auf sich nehmen und dann auf die Schwäbische Alb fahren. Sucht man zum Beispiel auf Google eine Gitarre von Atkin Guitars, etwa eine Atkin D-37 Aged Dreadnought, findet man nur einen Händler: Station Music. Atkin ist ein „Boutique-Hersteller“ aus England, der nur rund 80 Gitarren im Jahr herstellt. Die handgemachten Instrumente können schon mal fast 4000 Euro kosten.

Im 7000-Einwohner-Städtchen Jettingen-Scheppach befindet sich im Gewerbegebiet Station Music. Im Laden reihen sich an den Wänden rund 3000 Gitarren und 1200 Bässe. Die Bässe sind von 37 Herstellern, bei den akustischen Gitarren sind es 26. Darunter befinden sich weitverbreitete Marken wie Yamaha und Edelhersteller wie Trussart Steelreso, der E-Gitarren aus Stahl produziert. Auch ein linkshändiger Gitarrengott wie Jimi Hendrix hätte viel Auswahl. Neben Saiteninstrumenten werden 200 Schlagzeugsätze und Keyboards angeboten. Station Music hat sich auf den Rock ’n’ Roll spezialisiert, mit einer Auswahl an Herstellern, wie man sie sonst nur selten findet.

Man beschäftigt zehn Mitarbeiter. Lothar Walter ist einer der beiden Geschäftsführer. Sein Partner Hans-Peter Bentheimer hat den Laden 1987 gegründet, um Instrumente, die nur in den Vereinigten Staaten verfügbar waren, nach Deutschland zu bringen. Walter stieg nach seinem Jurastudium ein. „Ich war schon immer ein leidenschaftlicher Musiker und habe eine klassische Musikausbildung, über 15 Jahre Trompete, absolviert. Als 13-Jähriger habe ich mit dem Bassspielen angefangen und letztendlich auf meine innere Stimme und nicht auf den Kopf gehört. Ich machte mein Hobby zum Beruf, denn Musik, Klänge und Hölzer für Instrumente haben mich schon immer fasziniert“, erzählt Walter. Es gehe ihm nicht nur ums Geld. „Solch einen Laden kann man im Hinblick auf die Online-Konkurrenz nur mit Herzblut betreiben.“

Der Branche sagt Walter keine rosige Zukunft voraus. „Es kommen zu wenig Kinder auf die Welt, und diese hören andere Musik. Mein Sohn zum Beispiel, der hört Techno, da spielt kein Mensch ein Instrument, also was soll ich dem verkaufen? Ein Computerprogramm?“ Außerdem sei der Markt gesättigt. „Die Generation in meinem Alter hat schon alles.“

Die Politik lasse „den Handel im Stich“, sagt Walter und schlägt einen „minimum advertised price“ wie in Amerika vor. „Dort gibt der Gesetzgeber vor, dass eine gewisse Handelsmarge verdient werden muss.“ Das würde den kleinen und mittelgroßen Händlern helfen, die sich einer starken Konkurrenz durch die großen Internethändler gegenübersähen. „Das Problem ist, dass die Handelsmargen immer geringer werden.“

Teure Instrumente sollte man aber nicht im Internet bestellen. Walter nennt als Beispiel Bässe von Alembic, einem kalifornischen Basshersteller, der viele Kundenwünsche erfüllt, zum Beispiel LED-Lichter an allen erdenklichen Stellen eines Instruments. „Alembic ist ein Edelhersteller für Bässe, vergleichbar mit Rolls-Royce bei Autos. So ein Bass kostet zwischen 15000 und 20000 Euro. Wenn man nun ,Alembic‘ bei Google eingibt, kommen wir an erster Stelle und müssen nichts an Google bezahlen. Warum? Weil nur wir Alembic-Bässe haben.“ Drei Fünftel der Instrumente verkauft Station Music im Laden, den Rest über das Internet. „Jeder Kunde, der online bestellt, wird angerufen, ob er nicht vorbeikommen will“, sagt Walter. Man kann ihn dann noch mal persönlich beraten.

Das Unternehmen setzt nach Walter konstant rund 3 Millionen Euro im Jahr um. Erfolgreich sei man, weil man sich auf Rock ’n’ Roll spezialisiert habe. „Mit der zunehmenden Anzahl von Mitarbeitern haben wir Spezialisten eingestellt, jemand für die Schlagzeuge, jemand für Beschallung und so weiter.“ So könne man im jeweiligen Bereich eine größere Auswahl bieten. Man bediene alle Käuferschichten, den Einsteiger, der sich zu Weihnachten eine Gitarre kaufe, genauso wie den Profi. Den Einsteigerbereich zu bedienen sei wichtig. „Man muss bedenken, der Amateur von heute ist der High-End-Kunde von morgen. Wenn ein Student, der mit dem Gitarrenspielen beginnt, sich ein Einstiegsinstrument kauft, kommt er zehn Jahre später, hat seine eigene Praxis und kann sich dann das bessere Instrument leisten.“ Der Hauptbereich der Kundschaft sei „der solvente Amateurbereich, also Akademiker, Zahnärzte und Rechtsanwälte, die eine Leidenschaft für Musik haben und das nötige Kleingeld“. Auch viele prominente Musiker, die mit Verweis auf die Privatsphäre nicht genannt werden wollen, kaufen bei Station Music.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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