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Die Armut ins Auge fassen

Ein Verein hilft bedürftigen Menschen - mit einer Brille, deren Materialkosten einen Dollar betragen.

F.A.Z.

11.10.2019

Daniel Struppek

Gymnasium Ohmoor, Hamburg

 

In seinem Buch „Out of Poverty“ schreibt der kanadische Sozialunternehmer Paul Polak, dass eine große Erfindung eine Brille wäre, die sich Menschen leisten könnten, die von einem Dollar oder weniger am Tag leben müssen. Als der damalige Erlanger Mathematik- und Physiklehrer Martin Aufmuth das Buch 2010 las, dachte er: „Schade, dass es so etwas nicht gibt, darum müsste sich mal der Optikerverband kümmern.“ Als er in einem Ein-Euro-Laden eine billige chinesische Fertiglesebrille entdeckte, wunderte er sich, dass in Afrika Millionen von Menschen aus Armut auf eine Sehhilfe verzichten müssen. Er begann zu forschen: „Das Ziel war eine Brille, die robust, sehr günstig in der Produktion und hübsch anzuschauen ist.“ Im Jahr 2012 gründete Aufmuth Ein-Dollar-Brille e.V. in Erlangen.

Ohne Brille können Kinder nicht lernen und Erwachsene nicht arbeiten. „Wir versuchen, ein globales Problem zu lösen: durch den Aufbau eigenständiger sozialer Strukturen“, sagt Anke Hoffmann von Ein-Dollar-Brille. Die Materialkosten belaufen sich auf rund einen Dollar je Brille. Verkauft wird sie für zwei bis drei ortsübliche Tageslöhne. So kostet sie in Malawi 5 und in Bolivien 8 Euro. „Den Preis von zwei bis drei Tageslöhnen kann sich dort jeder leisten oder ersparen“, sagt Hoffmann. Die Brille, die aus stabilem Federstahl, Polycarbonatgläsern und Schrumpfschlauch besteht, wird mit Hilfe einer von Aufmuth entwickelten Biegemaschine hergestellt.

Die Gläser, die es in 25 Stärken gibt, sind eine Spezialanfertigung aus bruchfestem Polycarbonat mit kratzfester Oberfläche. Sie brauchen keine Nachbearbeitung, so dass keine teuren Maschinen zum Schleifen und Fräsen der Gläser benötigt werden. Nach einem Sehtest werden die Gläser einfach in den Brillenrahmen eingesetzt. Das Unternehmen lehrt Einheimische die Herstellung und schafft so Arbeitsplätze. „In den Projektländern arbeiten fast 200 Menschen für die Ziele unserer Organisation“, berichtet Hoffmann. „Die besten Mitarbeiter schaffen eine Brille in 15 Minuten. Der Durchschnitt ist aber eine halbe Stunde.“

Das erste Projektland war Burkina Faso, mittlerweile ist man auch in Äthiopien, Kenia, Malawi, Brasilien, Bolivien, Mexiko und Indien ansässig. Bis Ende 2018 hat Ein-Dollar-Brille gut 170 000 Menschen mit Brillen versorgt. Die Einnahmen des Vereins stiegen im vergangenen Jahr auf 3,6 Millionen Euro, 95 Prozent stammten aus Spenden.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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