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Des Jägers Wolllust

Mehler, die älteste Tuchfabrik Deutschlands, stellt Loden her. Viele Kunden seien sehr umweltbewusst.

F.A.Z.

5.08.2021

Charline Sachau

Gymnasium Ohmoor, Hamburg

Jäger kleiden sich gern in Loden, denn der Wollstoff schützt  gegen Wind und Wetter. Doch der Traditionsstoff wird auch von Menschen  verwendet, denen Nachhaltigkeit und Wertigkeit wichtig sind. „Loden isoliert extrem gut und ist nach ökologischen Aspekten sehr nachhaltig“, sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband. Inzwischen griffen allerdings viele Jäger auf synthetische Stoffe zurück. „Der Loden eignet sich aber immer noch gut für Unterwäsche und für die typische Jägeruniform, den Janker.“

Loden ist ein typisch europäischer Stoff, der oft in der Landhausmode und in der historischen Tracht zu finden ist. „In den Alpenregionen hat der Loden seine Ursprünge. Vor ein paar hundert Jahren fand dort die Weiterverarbeitung der Wolle von Bergschafen erstmals statt“, berichtet Paulus Mehler, einer der beiden Geschäftsführer der Tuchfabrik Gebrüder Mehler GmbH. Der Stoff biete viele praktische Eigenschaften auch im Bereich der Freizeit- und Sportbekleidung. Im Interieurbereich findet man ebenfalls Loden, zum Beispiel Sitzbezüge, Vorhänge und Bettüberwürfe.

Loden hat eine enge Gewebestruktur, die wärmende Wolle ist sehr winddicht. Außerdem wirkt der  stark verfilzte Wollstoff wasserabweisend gegen leichten Regen und ist schmutzresistent. Laut  Reinwald ist das Naturprodukt atmungsaktiv und nimmt anders als Kunstfasern die Feuchtigkeit, die beim Schwitzen entsteht, auf. Ein Vorteil für Jäger ist auch, dass Loden geräuscharm ist; er schreckt keine Tiere auf. Laut Mehler lockt der fast chemiefreie Stoff  viele umweltbewusste Kunden an. Sie seien bereit, einen höheren Preis für  langlebige Kleidung zu zahlen. Das gelte auch für junge Leute. 

Die Tuchfabrik Gebrüder Mehler aus Tirschenreuth in Bayern ist ein wichtiger Lodenproduzent in Deutschland. „Mitbewerber im Lodenbereich haben wir nur noch aus dem Ausland, zum Beispiel aus Italien. In Deutschland heben wir uns durch unsere eigene Spinnerei, Weberei, Färberei und Ausrüstung von anderen Unternehmen ab“, betont Mehler. Nach eigenen Angaben kostet der Stoff 15 bis 25 Euro je Laufmeter, wobei ein Laufmeter 1,5 Qua­dratmeter sind. Eine Tonne Loden hat den Preis von 40 000 Euro. Die Bestellungen der Kunden liegen zwischen 20 und 100 000 Euro. Im Fachhandel kostet ein klassischer Lodenmantel 300 bis 600 Euro. In der Ausrüstung und der Haptik ist der Loden vielfältig: vom gerauten Stoff über Strichloden mit dachziegelartig angelegten Fasern bis zum Flauschloden.   

Das Unternehmen gibt es seit fast 400 Jahren. „Die Gebrüder Mehler GmbH ist der älteste Stoffhersteller in Deutschland“, sagt Mehler.  Heute beschäftigt man 90 Mitarbeiter. Das Unternehmen ist nicht nur auf Loden spezialisiert. „Wir sind in Deutschland auch Marktführer bei der Stoffbelieferung für Uniformen von bestimmten Vereinen. Das sind zum Beispiel Karnevals-, Schützen- und Gesangsvereine, welche alle eine spezielle Uniform haben, und diese kleinen Serien stellen wir ganz individuell her“, berichtet Mehler. Besonders gefragt ist  Loden im Vereinsbereich in Österreich, vor allem in Blaskapellen. Der Anteil der Uniformen am Umsatz liege bei knapp 20 Prozent. 

Seit rund 15 Jahren ist das Unternehmen auch im Interieurbereich aktiv. Nach eigenen Angaben bringt der Stoffverkauf für die Innenausstattung von Wohnräumen 25 Prozent des Umsatzes. Die Tuchfabrik arbeitet seit fast 20 Jahren mit dem österreichischen Öko-Pionier-Unternehmen Grüne Erde GmbH zusammen, das auf ökologische, nachhaltige und sozial faire Produkte in den Bereichen Wohnen und Mode spezialisiert ist. „Gemeinsam werden hochwertige Mode- und Möbelstoffe entwickelt und hergestellt – von der ersten Idee bis zum fertigen Stoff“, sagt  Wolfgang Viehböck, Leiter Produktmanagement Möbel von Grüne Erde. 19 GOTS-zertifizierte Streichgarn-Möbelstoffe aus 100 Prozent Naturfasern sind in der dreijährigen Kooperation entstanden. Die in Deutschland gewebten Bezugsstoffe erfüllen die strengen ökologischen und sozialen Anforderungen des auf der Welt führenden Regelwerks zur Produktion ökologischer Textilien, des Global Organic Textile Standard (GOTS).

Die gute Qualität der Mehler-Stoffe  beweist auch der Oscar für die beste Ausstattung, den der Film „Grand Budapest Hotel“ 2015 gewann. Die Tuchfabrik lieferte die Stoffe für die Kostüme. Ein Drittel der Ware wird ins Ausland verkauft. Größtenteils in osteuropäischen Ländern wie Litauen und Belarus wird der Stoff konfektioniert, das heißt, ein Bekleidungsteil wird aus ihm hergestellt. „Der Stoff Loden ist fest in Deutschland und Österreich zu Hause. Im Ausland ist der Loden immer eher ein Nischenprodukt“, sagt Mehler. „Durch unsere Fertigungstiefe können wir viele Nischenprodukte machen, die andere gar nicht mehr machen wollen.“ 

Das Unternehmen gehört in der 11. Generation den  Cousins Paulus und Ludwig Mehler. Corona ist ein neuer Abschnitt in der Unternehmensgeschichte. Paulus Mehler rechnet für 2020 mit einem Umsatzrückgang von 25 bis 30 Prozent. Durch die Kontaktbeschränkungen sind Feste wie das Oktoberfest ausgefallen. „Die Bekleidungsindustrie musste in den Lockdown-Monaten im Frühjahr existenzbedrohende Umsatzverluste von bis zu 45 Prozent verkraften“, sagt Uwe Mazura vom Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie. Vor der Pandemie hatte sich der Umsatz der Tuchfabrik zwischen 2002 und 2019 verfünffacht. Ab 2006 war jedes Jahr ein Rekordjahr. 2019 war der Erlös mit 15 Millionen Euro in Tirschenreuth und 6,5 Millionen Euro in der Spinnerei in Forst rekordhoch. Das Unternehmen hat viele Stammkunden. Alles, was im Unternehmen verdient wurde und wird, blieb und bleibt im Unternehmen. „Ich habe selber kein Haus, sondern wohne im oberen Bereich unseres riesigen Bürogebäudes, weil es sonst leer stehen würde. Wir sind sehr sparsam“, sagt Mehler.

Er konnte in seiner Generation einen neueren Loden entwickeln, der feiner und leichter ist. Da bedurfte es einiger Kniffe in der Spinnerei. Der leichteste Loden wiegt 170 Gramm je Quadratmeter, ein gröberer zwischen 600 und 800 Gramm. „Der klassische Loden von vor 30 Jahren war immer grau, kratzig und schwer. Wenn ich Ihnen heutzutage einen Leichtloden zeige, fasst sich dieser an wie Kaschmir und ist sehr leicht“, sagt Mehler.

Charline Sachau

Gymnasium Ohmoor, Hamburg

 

 

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