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Der lukrative Griff nach einem Strohhalm

Zuerst trinken, dann aufessen: Wisefood setzt auf das Verbot von Einwegprodukten.

F.A.Z.

4.06.2020

Annika Wohlschläger

Johanneum zu Lübeck, Lübeck

Gemessen am Gewicht würde es bis 2050 bei gleichbleibendem Plastikverbrauch mehr Plastikabfall als Fische in den Ozeanen geben. Dies prognostiziert die Ellen MacArthur Foundation. Mit dem von 2021 an in Kraft tretenden Verbot von Einwegplastik wirkt die EU dem entgegen. Doch wie lässt sich der Plastikverbrauch reduzieren, ohne liebgewonnene Gewohnheiten aufzugeben? Helfen könnte ein innovatives Produkt, das die in Garching bei München ansässige, 2017 gegründete Wisefood GmbH anbietet: Philipp Silbernagel, Maximilian Lemke und Patricia Titz haben den nach Unternehmensangaben auf der Welt ersten essbaren Trinkhalm auf Fruchtfaserbasis auf den Markt gebracht. „Der Prototyp des derzeit erhältlichen ,Superhalms‘ konnte bis heute mehrere Millionen Plastikhalme ersetzen“, sagt Silbernagel.

Entstanden sei die Idee im Rahmen eines studentischen Projekts am Karlsruher Institut für Technologie. Bis zum Prototyp habe es ein Jahr gedauert. Laut Titz werden das zur Herstellung benötigte Getreide und der Apfeltrester, Pressrückstände der Apfelsaftproduktion, ausschließlich aus Deutschland bezogen. Reste, die bei der Herstellung anfielen, würden der Produktion direkt wieder zugesetzt. Der Superhalm schmecke leicht süß-säuerlich, ein wenig nach Apfel und Zitrone, berichtet Endverbraucherin Linnea Marxsen.

„Anfangs haben uns drei Business Angels 90 000 Euro zur Verfügung gestellt“, erzählt Silbernagel. Nach Titz’ Angaben hat man 2018 einen Umsatz im sechsstelligen Bereich erwirtschaftet und ihn im vergangenen Jahr verzehnfacht. „Wisefood wird damit nun im siebenstelligen Bereich liegen.“ Die Exportquote betrug gut 50 Prozent. Man beschäftigt 10 Mitarbeiter.

Ende 2017 stellte man die Produktion von einem handbetriebenen Extruder auf eine Matrize um. Die Produktionskapazität stieg von 30 bis 50 Trinkhalmen auf mehrere Millionen am Tag. Nun wird die Getreide-Apfel-Masse unter Druck aus einer formgebenden Öffnung gepresst und anschließend getrocknet. Der Halm hat eine Mindesthaltbarkeit von 24 Monaten. Im Getränk bleibe er rund eine Stunde stabil. Je kälter und alkoholreicher es sei, desto länger halte der Halm. In heißen Getränken sei die Stabilität geringer und könne eine halbe Stunde betragen.

In der Gastronomie sei der Bedarf an umweltfreundlichen Alternativen am größten, sagt Titz. „Unsere Gäste sind super neugierig und fasziniert von dem Produkt“, berichtet ein Sprecher der Le-Burger-Kette, die in Wien fünf Restaurants betreibt. Der Superhalm ist in gut zwanzig Ländern erhältlich, auch in Südkorea, Kanada und Chile. Er ist bei Transgourmet gelistet, dem mit 41000 Kunden deutschen Marktführer im Bereich Großverbraucher-Belieferung. Und er wurde in das Sortiment des in Deutschland führenden Zustellgroßhandels Chefs Culinar aufgenommen. Im deutschen Einzelhandel ist der essbare Trinkhalm laut Silbernagel in Rewe- und Edeka-Filialen erhältlich. In einer zweiwöchigen Aktion im Dezember war er bei Aldi Nord und Aldi Süd in gut 4000 Filialen zu erwerben. „Nachdem wir unsere Einwegtrinkhalme aus dem Sortiment verbannt hatten, waren wir auf der Suche nach einer nachhaltigen Alternative“, berichtet Joachim Wehner von der Aldi Einkauf GmbH & Co. oHG. Die Resonanz der Kunden sei sehr positiv gewesen. Eine Packung mit 30 Trinkhalmen kostet im Einzelhandel 2,99 Euro.

Weil die Gastronomie von Corona besonders hart getroffen sei, spüre man die Auswirkungen der Krise, heißt es vom Unternehmen. Trotz der schwierigen Lage investiert Wisefood. „Wir wollen alles im Bereich essbares Einweggeschirr entwickeln“, sagt Silbernagel. Das EU-Verkaufsverbot von Einwegkunststoffartikeln umfasst unter anderem Besteck und Teller.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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