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Das ist ganz schön vermessen

Viele online bestellte Kleidungsstücke gehen zurück. Ein Start-up will die Retourenquote deutlich verringern und hat eine intelligente Software entwickelt.

F.A.Z.

2.04.2020

Amelie Müller

Parler Gymnasium, Schwäbisch Gmünd

Am Abend gemütlich im Internet shoppen, doch wenn die Bestellung eintrifft, merkt man, dass das Kleidungsstück nicht passt oder gefällt. Nach einer Studie der Universität Bamberg wurden 2018 in Deutschland 490 Millionen Artikel retourniert, das sind etwa 280 Millionen Paketen. Somit gehe jede sechste Bestellung zurück. „Ein retournierter Artikel verursacht im Durchschnitt Kosten in Höhe von 11 Euro und 550 Gramm CO2-Ausstoß“, erklärt Björn Asdecker, Leiter der Forschungsgruppe Retourenmanagement der Hochschule. „Vielen Verbrauchern ist nicht klar, dass dieses Geld im Verkaufspreis einkalkuliert ist und der Käufer somit die Retouren der anderen zahlt.“

Nach der Studie ist die Retourenquote im Modebereich besonders hoch. Es geht fast jedes zweite Paket zurück. Zum typischen Kundenverhalten zählt, dass Kleidung in mehreren Größen bestellt wird, um dann die passende auszuwählen. Genau dort setzt die Geschäftsidee von Presize.ai an; das Unternehmen wurde 2019 in München gegründet. Der Name lässt erkennen, womit man sich beschäftigt: mit Größe („size“) und vorbestimmen („pre“) – und das möglichst genau („precisely“).

Nach Angaben von Leon Szeli, einem der drei Gründer, hat das Start-up eine Software entwickelt, mit der Käufer zu Hause ihre Kleidergröße ermitteln können. Im Internetshop muss man den Button „Video-Scan“ betätigen. Anschließend legt der Nutzer sein Smartphone an die Wand gelehnt auf den Boden und dreht sich einmal um die eigene Achse, während ein Video aufgenommen wird. Das Programm erstellt ein 3D-Modell und berechnet die Maße des Kunden. Dann muss man noch die Körpergröße, das Geschlecht und die bevorzugte Passform eintragen, und ein Algorithmus sucht die passende Textilie heraus. Die Technik ermögliche die Verringerung größenbedingter Retouren um 52 Prozent, sagt Szeli.

Er ist der kaufmännische Kopf des Unternehmens und hat Awais Shafique und Tomislav Tomov am Center for Digital Technology and Management, einem Forschungsinstitut der Technischen Universität München und der Ludwig-Maximilians-Universität, kennengelernt. „Während Awais und Tomislav den ersten Prototypen entwickelt haben, habe ich bemerkt, dass das Retourenproblem beim Online-Shopping außer Kontrolle gerät. Eine Freundin wurde von einem großen Internetshop gesperrt, weil sie zu viel retourniert hatte“, erzählt Szeli. Inzwischen arbeiten noch acht Vollzeit-Mitarbeiter im Unternehmen.

Nach Auskunft von Szeli geht das Programm demnächst in zwei großen deutschen Internetshops live. In kleineren Shops und bei Anbietern von Berufsbekleidung sowie bei Online-Schneidern sei das schon passiert. Insgesamt hat die Presize UG 15 Kunden, die sich in die Bereiche E-Commerce und Berufskleidung aufsplitten. Darunter befinden sich Eterna, Shape me im Unterwäschebereich, die Herrenausstatter Carl Gross und Club of Gents sowie die Arbeitsbekleidungshersteller Kübler, Hoffmann, Alsco und Texport.

Die patentierte Technologie könne den Körper sehr genau vermessen, sagt Szeli, so genau wie ein Schneider. Trage der Nutzer jedoch weite Kleidung wie einen Hoodie, dann werden die Messergebnisse verfälscht. Eine weitere Herausforderung bestehe darin, die genauen Produktdaten zu bekommen, denn die Größen seien nicht genormt und nur bedingt aussagekräftig. Die Hersteller seien aber zunehmend kooperativ, da sie erkennten, dass die Technik eine gute Möglichkeit sein könnte, die Retourenquote zu verringern. Die Algorithmen lernten dazu, mit jeder Bestellung werde das Programm besser.

„Die Online-Größenberatung hat künftig das größtmögliche Potential, um Rücksendungen zu vermeiden; es könnte bei ungefähr 22 Prozent liegen“, sagt Asdecker von der Uni Bamberg. Das seien aber Annahmen der Händler für die Zukunft. „Ich teile diese Einschätzung zu einem gewissen Grad, doch ich würde eine Kombination von Körpervermessung und einer Einführung von Rücksendegebühren in Höhe von 2 bis 3 Euro je Paket für am erfolgreichsten halten.“ Bisher sei der Anreiz, ein Vermessungstool anzuwenden, gering, weil Retouren meist kostenfrei seien.

„Als Konkurrenz sehen wir App-basierte Fotolösungen wie meepl/Fision aus Zürich, die zur Lösung des Retourenproblems neben einigen persönlichen Daten zwei Bilder des Users benutzen, um über eine App ein 3D-Körpermodell zu erstellen“, sagt Szeli. Fit Analytics mit Sitz in Berlin und Chicago setze auf einen Bogen mit zehn Fragen, zum Beispiel zur Breite der Schultern. Erhalte man eine Kundenanfrage, würden zuerst Kennzahlen angeschaut: Wie groß ist der Shop, wie viele Nutzer und wie viele Produkte sind vorhanden, welche Funktionalität wird gewünscht? Danach richteten sich die Integrationsgebühr und der Preis je Nutzung durch den Endverbraucher. Letzterer liegt nach Szelis Aussage im einstelligen Cent-Bereich. Man könne sich eine andere Abrechnung vorstellen: Sorge das Tool für höhere Umsätze oder geringere Retourenquoten, würde Presize.ai daran beteiligt.

Der erste Investor war Saeed Amidi, Gründer des Plug and Play Tech Centers aus dem Silicon Valley und einer der früheren Finanziers von Paypal, Dropbox und der Internetbank N26. „Die erste Finanzierungsrunde über 500 000 Euro ist fast ein Jahr her. Im Moment laufen die Verhandlungen über die zweite Finanzierungsrunde, die mehrere Millionen Euro betragen wird“, sagt Szeli. Außerdem konnte Presize.ai Chris Brenninkmeyer, der zur Eigentümerfamilie der Modekette C&A gehört, als Investor gewinnen. Christina Rosenberg, frühere Vorstandschefin der Hermès GmbH, ist die dritte Geldgeberin aus der Modebranche. Nach Angaben des Gründers wurden für 2020 Verträge mit einem sechsstelligen Umsatz unterschrieben.

Mit der Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes hat das Bundeskabinett im Februar beschlossen, dass Online-Händler keine Retouren mehr vernichten dürfen. Nach der Bamberger Studie werden jährlich etwa 20 Millionen retournierter Artikel vernichtet. Bei über der Hälfte ist eine Wiederaufbereitung nicht möglich, weil sie etwa defekt sind. Aber eine Million Artikel werden entsorgt, weil Marken- und Patentinhaber dies den Händlern vorgeben. Artikel könnten auch gespendet werden. Doch dies geschieht aus steuerlichen Gründen nicht, denn die Umsatzsteuer von 19 Prozent bei Sachspenden übersteigt die Entsorgungskosten.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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