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Das bewegt alle Chinesen

Während des Frühlingsfests sind Millionen von Chinesen unterwegs. Die Reisebranche steht unter hohem Druck.

F.A.Z.

2.05.2019

Wenxuan Yang

Technische Universität Jiangsu Provinz, Changzhou

Das Frühlingsfest, das in diesem Jahr am 5. Februar gefeiert wurde, ist für Chinesen das wichtigste Familienfest des Jahres. In vielen auswärts arbeitenden Chinesen wird dann die Sehnsucht nach ihrer Heimat wach – sie reisen nach Hause, um mit den Familienangehörigen zu feiern. „Chunyun“, so nennt man das erhöhte Verkehrsaufkommen während des Frühlingsfests; dann steht die Reiseverkehrsbranche unter einem hohen Druck. Vor und nach dem Fest ist Hochsaison; Flughäfen, Bahnhöfe und Busstationen sind vollgepackt mit Passagieren, Millionen sind unterwegs.

Früher musste man sich die ganze Nacht und den ganzen Tag hindurch an der Kasse anstellen, um eine Zugfahrkarte zu erwerben. Mit Glück ergatterte man noch ein teures Erste-Klasse-Ticket oder eine Stehkarte. Schwierig war das vor allem auf den klassischen Strecken, zum Beispiel von Peking nach Schanghai. Doch es gibt Erleichterungen, immer öfter ist eine Online-Buchung möglich. Nach einer repräsentativen Untersuchung von China Railway, dem staatlichen Eisenbahnunternehmen, werden während des „Chunyun“ mehr als 80 Prozent der Zugfahrkarten im Internet gekauft, wie die chinesische Zeitung „The Paper“ berichtete.

Viele Reisende nehmen Züge. In einer Sendung von CCTV (China Central Television) wurde berichtet, dass im Zeitraum von vierzig Tagen während des Fests etwa 413 Millionen Zugreisen unternommen wurden, ein Anstieg von 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. An erster Stelle stehe aber der Straßenverkehr: 2,46 von 2,99 Milliarden Reisen würden über die Straße abgewickelt. Die Anzahl der Flugreisen sei auf 73 Millionen gestiegen. Immer üblicher ist es, dass Eltern zu ihren Kindern fahren, wenn diese in den achtziger oder neunziger Jahren geboren wurden. Wegen der Ein-Kind-Politik brauchen sie nur ein Kind zu besuchen. Die größten chinesischen Reiseplattformen zeigen, dass die wichtigsten Zielorte in diesem Jahr die vier Metropolen Schanghai, Peking, Guangzhou und Shenzhen waren.

Xinhong Ni, die in der Bekleidungsindustrie arbeitet, kommt aus Yancheng und lebt jetzt in Suzhou nahe Schanghai. Obwohl die zwei Städte in derselben Provinz liegen, braucht man mit dem Bus etwa dreieinhalb Stunden, um von der einen in die andere zu kommen. „Anfangs wollte ich nur vor allem fliehen, was mit dem Fest zu tun hatte. Fast alle meine Verwandten treiben mich an, einen Freund zu finden und so schnell wie möglich zu heiraten“, erzählt die 25 Jahre alte Frau. Sie meint, auch die Eltern könnten eine Reise unternehmen, um ihre Kinder zu besuchen. „Im Internet habe ich gelesen, dass eine Mutter, die nur Chinesisch spricht, für drei Tage allein in ein ganz fremdes Land flog, um ihre Tochter, die in Venezuela lebt, zu besuchen.“

Chinesen fliegen jedes Jahr wie Zugvögel nach Hause. Die Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe sollen den reibungslosen Betrieb der „größten jährlichen menschlichen Migration der Erde“ gewährleisten und müssen während der Feiertage arbeiten. Der Kurzfilm „Drei Minuten“ des chinesischen Regisseurs Peter Chan von 2018 setzt sich damit auseinander. Die Mutter ist Zugbegleiterin; sie konnte drei Jahre lang am Frühlingsfest nicht zu Hause sein, weil sie Dienst hatte. Ihren noch in den Kindergarten gehenden Sohn trifft sie auf dem Bahnsteig ihres Heimatorts. Der Zug hat drei Minuten Aufenthalt, sie sehen sich nur drei Minuten.

In der Provinz Shaanxi gibt es ein Liebespaar: den Lokführer Hao Kang und die Zugbegleiterin Lei Jie, die am letzten Abend des Jahres wegen der Arbeit nicht zusammen sein konnten. 2018 haben sie nur eine Woche miteinander verbracht. Jedes Mal, wenn ihre Züge in den Yulin-Bahnhof einfahren, versucht Hao Kang vom Fenster der Lokomotive aus die Rückansicht seiner Freundin zu verfolgen.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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