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Bewegliche Eiertage

Das Tierwohl ist ein wichtiges Thema für Landwirte und Verbraucher. Farmermobil hat nun einen Stall entwickelt, der die Lebensqualität von Hühnern verbessert. Das neueste Produkt dient der Aufzucht von Bruderhähnen.

F.A.Z.

1.08.2019

Andre Grotpeter

Hans-Böckler-Berufskolleg, Münster

Das Bild von pickenden und scharrenden Hühnern ist nur schön, solange etwas zu picken und scharren übrig ist. Da der Tastsinn der Hühner in der Schnabelspitze sitzt, durchscharren sie ihr Umfeld leider so lange, bis dieses zerstört ist. In der Geflügelhaltung gibt es die Boden- und Freilandhaltung, Käfighaltung ist in Deutschland verboten. Bei der Bodenhaltung lebt das Geflügel in großen Ställen, bei der Freilandhaltung hat es zusätzlich einen Auslauf nach draußen. Die Farmermobil GmbH aus Laer im Münsterland hat nach eigenen Aussagen die Freilandhaltung weiter verbessert: durch den Bau und den Verkauf von mobilen Hühnerställen. Sie steigerten das Wohl der Tiere und schonten die Umwelt.

Der Hühnerstall ist auf ein Fahrgestell montiert. So kann er zu einer neuen Wiese oder einer anderen Stelle auf der Wiese gefahren werden. Die Hühner hätten dann immer auf nährstoffreichen Wiesen Auslauf, erklärt Farmermobil. Nach einigen Tagen sei auf einer Wiese nämlich nur noch wenig Gras vorhanden, denn die Hühner scharrten alles durch. Zudem verbreiteten sich auf dieser Fläche Krankheiten. Wenn man die Fläche wechsele, könne sie sich erholen, und sie müsse nicht gedüngt werden.

Die Ställe bestehen aus einem Mittelteil und je nach Modell aus zwei oder vier Scharrräumen, die am Mittelteil angehängt werden. Die Ställe verfügen über zwei Ebenen mit Bodengitter, Futter- und Wasserrinnen und sind mit einem Futtersilo, einem Wassertank und einem Stallcomputer ausgestattet, der die Fütterung, das Kot- und das Eierband, die Türen und die Temperatur steuert. Man müsse nur die Behälter füllen und die Eier aus dem Sammelbehälter nehmen. Der Stall gilt als emissionsfrei, weil er über eine Photovoltaikanlage auf dem Dach verfügt.

Franz-Heinrich Veltrup ist der Geschäftsführende Gesellschafter und Gründer von Farmermobil. Er war früher im Fahrzeugbau selbständig tätig sowie in der Montage und Wartung von stationären Hühnerställen. Dann hatte er die Idee, den großen stationären Stall zu schrumpfen und mobil zu machen, und stellte den ersten Prototyp her. „Das Resultat war ein vollautomatisierter Mobilstall, der ein einzigartiges und neuartiges Fahrzeugbaukonzept beinhaltet.“

Farmermobil beschäftigt rund 80 Mitarbeiter. Laut Jan Veltrup, Vertriebsleiter und Sohn des Unternehmensgründers, konnte der Umsatz in den vergangenen vier Jahren jeweils fast verdoppelt werden. 2018 betrug er 7,5 Millionen Euro. Für 2019 peilt man 12 Millionen Euro an. Monatlich baut man nach Kundenwünschen bis zu zwanzig mobile Ställe. Der Preis variiert je nach Haltungsform, Größe und Ausstattung. Er fängt für die konventionelle Tierhaltung bei 75 Euro je Tierplatz an und geht hinauf bis zu 159 Euro für kleine Ställe nach Biorichtlinie.

Zur Marktstellung sagt Veltrup: „Wir sind der Hersteller, der am meisten Legehennenplätze im Jahr in Deutschland schafft. Außerdem sind wir die Marktführer im Bereich der Stalltechnik im Mobilstallsegment.“ Weitere Anbieter für mobile Hühnerställe seien Stallbau Weiland und Wördekemper. Das Potential sei sehr groß, „weil der Trend zur artgerechten, regionalen und transparenten Haltung schon lange keine kleine Nische mehr ist“. Für das Frühstücksei aus regionaler Vermarktung seien die Verbraucher bereit, ein paar Cent mehr auszugeben.

Die Tierschutzorganisation Provieh e.V. lobt die mobilen Hühnerställe. „Die Hühner können morgens in den Auslauf gehen, finden aber auch unter dem Mobilstall die Möglichkeit, sich vor Feinden aus der Luft zu schützen“, erklärt Provieh-Sprecherin Stefanie Pöpken. „Je nachdem, wie der Auslauf gestaltet ist, können die Tiere alle ihre Verhaltensmuster und Bewegungsbedürfnisse ausüben. Das geht vom Scharren und Picken bis zum Flügelschlagen und Aufbäumen.“

Mobile Hühnerställe werden gerne von Betrieben genutzt, die ein weiteres Standbein haben wollen und ihre Bioeier im Hofladen verkaufen. Daher werden oft die kleineren Modelle gekauft. Die Familie Eggenhaus aus dem Münsterland betreibt ihren landwirtschaftlichen Betrieb in der siebten Generation. Man bewirtschaftet 80Hektar Ackerland, eine Schweinemast und eine Walnussplantage. Außerdem betreibt die Familie eine Plätzchenbäckerei. Seit April 2018 besitzen sie einen mobilen Hühnerstall für 900 Legehennen. Grund dafür sei, sagt Martin Eggenhaus, dass die Kunden auf dem Markt immer neugieriger gefragt hätten, wo die Eier herkämen und wie das Huhn gelebt habe.

Der vollautomatisierte Hühnerstall nehme viel Arbeit ab. Laut Eggenhaus benötige man täglich etwa eine Stunde, um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung sei, und die Eier vom Sammelband zu holen. Einmal in der Woche komme eine Stunde hinzu, um den Stall umzusetzen, die Silos aufzufüllen und das Kotband leerlaufen zu lassen. Die Familie denkt über einen zweiten Stall nach, weil die Nachfrage nach Bioeiern aus der Region sehr hoch sei.

Ein neues Projekt von Farmermobil ist der „hm400“, ein vollmobiler Hähnchenmaststall für 400 Hähnchen. Er wurde auf Anfrage eines Landwirts für „Bruderhähne“ konstruiert. Legehennen wurden so gezüchtet, dass sie mehr Eier legen und dadurch weniger Fleisch ansetzen; bei den Hähnchen dieser Züchtung ist es genauso. Die Aufzucht der Bruderhähne dauert viermal so lange wie die eines Masthähnchens, und sie brauchen viel mehr Futter. Bislang wurden die männlichen Küken aus wirtschaftlichen Gründen getötet. In der Biobranche hat die Bruderhahn-Initiative ein System entwickelt, bei dem man die Bruderhähne mästet. Die Kosten werden von anderen Einnahmen gedeckt.

Farmermobil hat dazu den nach eigenen Angaben ersten Bruderhahnaufzuchtstall der Welt gebaut. Der neu konzipierte Innenraum biete den Masthähnchen den optimalen Lebensraum. In großen und lichtdurchfluteten Scharrräumen fänden sie ausreichend Futter und Wasser, erreichbar über die höhenverstellbaren Futter- und Wasserlinien. Des Weiteren könnten die Masthähne auf einem erstmalig eingesetzten Kunststoffboden scharren. Als Rückzugsort stehe den Bruderhähnen eine Ebene mit Bodengittern und Sitzstangen zur Verfügung. Der Preis je Tierplatz beginnt bei 72 Euro.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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