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Ach, wie flüchtig ist die Mode

Boote zu Taschen: Junge Gründer aus Berlin haben eine ungewöhnliche Produktidee, als sie auf einer griechischen Insel Flüchtlinge in Empfang nehmen.

F.A.Z.

4.07.2019

Monika Pöhm

Lise-Meitner-Gymnasium, Grenzach-Wyhlen

Das junge Berliner Unternehmen Mimycri e.V. verkauft ungewöhnliche Taschen und Rucksäcke – man stellt sie aus kaputten Flüchtlingsbooten her. Die Idee entstand im Winter 2015, als zwei der sieben Gründer, Vera Günther und Nora Azzaoui, als Freiwillige auf der griechischen Insel Chios mithalfen, die Geflüchteten in Empfang zu nehmen und mit trockener Kleidung sowie Essen und Trinken zu versorgen. Außerdem reinigten sie die Strände und entsorgten die kaputten Boote und Rettungswesten. Zurück in Deutschland fertigte ein befreundeter Modedesigner aus einem Stück mitgenommenem Bootsmaterial eine kleine Tasche.

Im Winter 2016 wurde das Upcycling- Unternehmen für den Deutschen Integrationspreis der Hertie-Stiftung nominiert und aufgefordert, eine Crowdfunding-Kampagne durchzuführen. In deren Rahmen nahm man 43000 Euro ein. 2017 kündigten die beiden Gründerinnen ihre Stellen, um sich in Vollzeit auf ihr Unternehmen konzentrieren zu können.

Auch die Zusammenarbeit mit Menschen mit Fluchterfahrung sei dem gemeinnützigen Non-Profit-Verein wichtig. „Wir wollen zeigen, dass die Menschen, die zu uns kommen, Menschen mit Talenten sind und genauso sind wie wir.“ Das Mimycri-Team besteht aus vier festangestellten Mitarbeitern: Günther, Azzaoui und zwei Schneidern mit Fluchterfahrung. „Allerdings arbeiten wir mit noch ganz vielen anderen Leuten zusammen, die wir unter anderem für die Designentwicklung, Websiten-Aufbau oder gewisse Eventformate mit dazuholen. Das erweiterte Mimycri-Team besteht aus etwa zehn Leuten“, sagt Günther.

Die Produkte entstehen in einem Atelier in Treptow in Berlin. Die Hauptprodukte des Unternehmens sind Taschen und Rucksäcke, doch auch Laptoptaschen und Sneaker finden sich im Sortiment. Die Produkte sind in dem Online-Shop auf der Internetseite erhältlich und in Läden in München und Berlin und bald auch in Hamburg. In einigen Museen finden sich die Produkte ebenfalls, als Ausstellungsobjekt und in den Shops, unter anderem in Süddeutschland, Australien und Kanada. Die Kundschaft stammt vor allem aus Deutschland. Es gibt auch ausländische Kunden. Berichte über Mimycri erschienen beispielsweise in thailändischen und australischen Zeitungen. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz etwa 50000 Euro.

Man bietet zehn verschiedene Taschenprodukte an. Besonders gut läuft laut Günther der große Rucksack für 170 Euro. Im Sommer 2018 verkauften sich die Bauchtaschen sehr gut, sie kosten je nach Größe 85 oder 125 Euro. Das Material kommt nach wie vor hauptsächlich von der griechischen Insel Chios und wird von dort aus in Zusammenarbeit mit der Organisation Offene Arme e.V. alle paar Monate nach Berlin gesendet. „Es gibt zwei Möglichkeiten, wie die Menschen die Insel erreichen“, sagt Julia Boving, Koordinatorin und Administratorin der Organisation. Man unterscheidet zwischen dem „Port Landing“ und dem „Beach Landing“. Beim Port Landing werden die Menschen, sobald sie europäische Gewässer erreichen, von der griechischen Küstenwache zum Hafen gebracht und dort von den Mitgliedern der Organisation in Empfang genommen. Beim Beach Landing kommt das Schlauchboot unbemerkt an den Stränden der Insel an. „Die Polizei konfisziert dann den Motor und schneidet Löcher in das Schlauchboot, damit es unbrauchbar wird. Es soll ausgeschlossen werden, dass die Boote von den Schmugglern zurück in die Türkei geführt und wiederverwendet werden“, erklärt Boving.

Die Überreste des Bootes sowie „falsche“ Rettungswesten und Gummiringe, die Sicherheit für die Menschen suggerieren sollten, blieben dann an den Stränden zurück. „Niemand auf Chios fühlt sich verantwortlich dafür, diese zu entsorgen.“ Damit die Boote nicht zurück ins Meer gespült werden und die Umwelt verschmutzen, werden die Strände regelmäßig von Freiwilligen der Organisation gereinigt. Sie säubern und zerkleinern das Material und schicken es nach Berlin.

„Durch Mimycri wird der Müll auf der Insel reduziert“, sagt Günther. Mimycri zahlt den Transport des Materials und gibt einen kleinen Teil des Erlöses an die Organisationen vor Ort ab. Auf der griechischen Insel Lesbos wurde ebenfalls eine Partnerschaft aufgebaut. Die dortige Organisation „Lighthouse Relief“, die die Strände reinigt, lagerte das gesammelte Material auf einem Feld, bis Mimycri mit ihr in Kontakt trat.

Das Material wird in Deutschland ökologisch gereinigt. Es wird sortiert, zugeschnitten, gewaschen, genäht, eingepackt, und so entsteht innerhalb von etwa drei Tagen ein Rucksack. „Die Boote, die man so sieht, sind meistens grau und schwarz, das sind auch unsere Hauptfarben“, sagt Günther. „Aber die Luftkammern der Boote haben alle Farben, die man sich vorstellen kann. Von Neongrün bis zu Pink und Rot ist alles mit dabei.“

Das Material ist sehr robust und wasserabweisend. „Jedes unserer Produkte sieht etwas anders aus, weil das Material als Boot schon eine Geschichte erlebt hat. Es gibt kleine Spuren, Verfärbungen oder Kratzer. Es erzählt eine Geschichte von Flucht, aber auch von Mut, Hoffnung und Neuanfang“, sagt Günther. Abid Ali, Schneider in dem Unternehmen, erklärt, das stärkere Nähmaschinen nötig seien, um das Material zu bearbeiten. „Aber das ist nicht so schwer für mich, weil ich auch schon in Pakistan mit Lederjacken gearbeitet habe“, erzählt er. Ali kam selbst mit dem Schlauchboot nach Europa; vorher hatte er in Pakistan in einer Textilfabrik gearbeitet.

„Andere haben das Plastikmaterial an den Stränden in Griechenland als Müll gesehen, und nur weil wir beschlossen haben, unsere Perspektive darauf zu ändern, haben wir Material gesehen, aus dem sich etwas Tolles und Neues schaffen lässt“, sagt Günther. Genauso sei das mit den Geflüchteten. „Man kann sagen, das sind Geflüchtete, und hat dann gewisse Assoziationen, wer diese Menschen sind. Man kann aber auch sagen, das sind unsere neuen Kollegen und Kolleginnen, die super nähen oder toll kochen können.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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