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Wo man echte Rampensäue findet

Die Models der Filmtierzentrale haben Fell und Knopfaugen – und manche sogar mehr als vier Beine

F.A.Z.

2.04.2015

Jannika Baars

Johann-Rist-Gymnasium, Wedel

Spinni, Polly, Flauschi und Cosima haben einen anstrengenden Job: Die Vogelspinnen schauspielerten schon in Sendungen wie Tatort, Das Großstadtrevier und Notruf Hafenkante, sie waren bereits in den Shows von Thomas Gottschalk und Heidi Klum zu sehen; auch standen sie für verschiedene Werbekampagnen Modell. Nebenbei sorgen sie in Anti-Spinnenangst-Seminaren dafür, dass die Teilnehmer ihre Spinnenphobie überwinden. Angestellt sind die kleinen Allroundtalente in der Filmtierzentrale Deutschland GmbH; das Hamburger Unternehmen vermittelt und trainiert Tiere für Foto- und Filmproduktionen. „Durch die Entstehung des Privatfernsehens und den Boom in der Printmedienlandschaft Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre nahm der Bedarf an Filmtieren sprunghaft zu“, erzählt Diplombiologe Holger Kirk, der das Unternehmen leitet.

Damals kam Gerd Kunstmann, dessen zahme Kreuzottern und Auswilderungsprojekte im Fernsehen zu sehen gewesen waren, auf die Idee, die Filmtierzentrale zu gründen. Damit habe er die bis dahin kaum bekannte Branche der Tieragentur etabliert. Heute gibt es in vielen größeren deutschen Städten wie Hamburg, München und Berlin Tieragenturen. Einen Marktführer zu identifizieren ist schwierig.

Die Filmtierzentrale erwirtschaftet einen Jahresumsatz von unter einer halben Million Euro, vor allem mit jährlich 150 bis 250 Aufträgen. Ein Fotoshooting mit einem Hund kostet 200 bis 1500 Euro. Auch der Trainingsaufwand müsse eingerechnet werden, sagt Kirk. Dies betreffe vor allem Tiere, die in Werbespots oder Spielfilmen drehbuchgenau agieren sollen. „Für die Kampagne ,Saubillig‘ von Media Markt hatten wir vier Wochen lang Ferkel aufgezogen und trainiert. Das kostet mehr als ein einfacher Drehtag mit einem Hund, der seine Rolle ohne Vortraining im Repertoire hat.“ Die Filmtierzentrale verfügt über rund 7500 tierische Models und Schauspieler; sie kommen in Shows, Ausstellungen, Werbespots und Fernsehsendungen aller Art zum Einsatz. Am häufigsten vor der Kamera steht der bekanntlich beste Freund des Menschen, der Hund.

Aber woher kommen die Tiere? Zum einen werden Castingtermine vereinbart, bei denen stolze Besitzer ihre Tiere präsentieren. Doch nur ein flauschiges Fell oder große Knopfaugen überzeugen dort nicht. Wichtiger sind Gehorsam, Geduld und Disziplin. Die Tiere werden vor allem auf Umgänglichkeit und ihr Verhalten vor der Kamera getestet. Zum anderen gehört ein Großteil der pelzigen, gefiederten und geschuppten Hauptdarsteller den Tiertrainern selbst, die mit der Filmtierzentrale zusammenarbeiten.

Die Agentur bietet auch „Fotoshootings für Tierfreunde“ an; in diesem Bereich gebe es genauso wie bei den Anti-Angst-Seminaren kaum Konkurrenz. Man kann sich Seite an Seite mit einem Elefanten, einer Riesenschlange oder einer Eule ablichten lassen. „Für unsere Fotoshootings setzen wir rund fünfzig Tiere ein: vom kleinen Krabbeltier bis zum Elefanten“, sagt Tiertrainerin Daniela Roock. Im Angebot hat man Vogelspinnen und Skorpione, zahme Echsen, Alligatoren und Riesenschlangen, trainierte Greifvögel und Eulen. „Außerdem Wolfshunde, Pferde und sogar Elefanten und Raubkatzen.“ Ein Fotoshooting dauert ein bis drei Stunden; am Anfang steht das Kennenlernen von Kunde und Tier. Je nach Tier kosten die Shootings 200 bis 750 Euro. Etwa zwanzig solcher Fototermine werden im Jahr abgehalten.

Gefährlich seien die Termine nicht. Laut Daniela Roock ist es „gefährlicher, in der Großstadt über die Straße zu gehen, als an einem unserer Fotoshootings teilzunehmen“. Dafür sorgten Einfühlungsvermögen und fachkundiges Training. Die Tiertrainer verfügten über staatliche Zulassungen und träten ihren tierischen Kollegen stets mit Respekt und achtsam gegenüber. Tier-Fotoshooting-Model Inga Kühn ergänzt: „Angst habe ich nicht, aber ich verliere nie den Respekt vor einem Tier. Man sollte immer bedenken, dass auch Tiere einmal einen schlechten Tag haben können und dann aus Instinkt oder Reflex handeln.“Es gebe gute gesetzliche Regeln zur Haltung von Filmtieren, sagt Daniela Roock. „Tiertrainer müssen ihre Tiere gut halten, ansonsten wird ihnen die Lizenz entzogen.“ Die Lizenz, das ist eine Sondergenehmigung der Veterinärbehörde gemäß Paragraph 11 Tierschutzgesetz.

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