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Wo der Stoff immer nur knapp reicht

Cheerleading ist auch in Deutschland in Mode. Die Kostüme kommen meistens aus Amerika. Doch zwei Betriebe fertigen hierzulande, von Hand.

F.A.Z.

6.08.2015

Laura Petry

Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

Überall in Deutschland finden Meisterschaften im Cheerleading statt. Die Kostüme, die dort getragen werden, kommen nicht unbedingt aus den Vereinigten Staaten, es gibt sie auch „made in Germany“. Wer Wert auf ein mit der Hand geschneidertes Kostüm legt, wird bei Cheer Planet aus Altenkirchen im Westerwald und bei der Münchner ICA Cheerleading GmbH fündig. Cheerleading kam in den siebziger und neunziger Jahren durch Basketball und American Football nach Deutschland. „1980 etablierte sich Cheerleading erstmals in Deutschland, und 1988 gab es die erste Deutsche Cheerleading Meisterschaft, bei der die Düsseldorfer Pantherettes gewannen“, erzählt Tanja Straub, Vizepräsidentin des Cheerleading und Cheerdance Verbands Deutschland (CCVD). Heute ist Cheerleading in vielen Sportarten, zum Beispiel auch im Handball, Volleyball und Baseball vertreten. „Bei uns sind zurzeit 11000 Cheerleader aktiv. Den größten Zulauf gab es 2010, drei Jahre nachdem der Verband 2007 gegründet wurde“, berichtet Straub.

Die Verbände haben Regelwerke ausgearbeitet, nach denen die Teams an ihrer Routine für die Meisterschaften arbeiten. Eine Routine ist eine Kombination aus akrobatischen Stunts, Tänzen, Pyramiden, Sprüngen und turnerischen Elementen. Für die einzelnen Elemente braucht man Koordination, Beweglichkeit, Kraft, Kondition und Teamfähigkeit – und somit auch Uniformen, die bestimmten Anforderungen genügen. Sie bestehen aus einem Rock oder Shorts und einem lang- oder kurzärmligen Top. Farben der Uniformen, Schriftzug des Teams und weitere Designelemente werden mit Produktionsunternehmen abgesprochen. Außerdem tragen Cheerleader oft eine Schleife im Haar.

Unter den Unternehmen, die individuell auf Kundenwünsche eingehen, sei Cheer Planet am längsten am Markt und nach ihrer Einschätzung Marktführer, sagt Straub. Das Unternehmen produziert nur in Deutschland. Tanja Hermanns gründete Cheer Planet 1996. Zuvor hatte sie eine Ausbildung zur Schneiderin absolviert. 1992 entwarf Hermanns für ihr eigenes Team, die Canes Cheerleader in Solingen, Kostüme. „Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich auch für andere Teams Entwürfe gemacht habe“, erzählt die Unternehmerin, die vier Festangestellte und eine Auszubildende beschäftigt. Sie entschloss sich zur Gründung des Unternehmens, weil Bestellungen in den Vereinigten Staaten kompliziert und aufwendig waren. Wartezeiten von bis zu sechs Monaten mussten in Kauf genommen werden. Auch heute sind Kostümbestellungen in Amerika umständlich, Absprachen über das Design schwierig.

Ein Kostüm kostet zwischen 80 und 400 Euro. Der Preis hängt davon ab, wie lange es dauert, die Designwünsche des Kunden zu verwirklichen. Im Jahr bekommt Cheer Planet 150 bis 350 Aufträge. Das Unternehmen verkauft jährlich zwischen 600 und 1050 Kostüme; nach eigenen Angaben erzielt man einen Jahresumsatz im unteren sechsstelligen Bereich. Die Stoffe werden aus den Vereinigten Staaten importiert. „Für die Cheerleader ist es sehr wichtig, dass die Sachen original amerikanisch aussehen“, sagt Hermanns. Die Stoffe sollen bi-elastisch sein. Das heißt, sie dehnen sich in alle Richtungen und knittern kaum. Die Auswahl an Stoffen, Drucken und für das „Lettering“ mit Strass, Pailletten oder Ähnlichem ist groß. Vier bis sechs Mitarbeiter stellen die Kostüme her. Für manche brauchen sie vier bis fünf Stunden, für andere zehn bis zwölf. Kunden kommen auch aus Österreich und der Schweiz.

Auch die ICA Cheerleading GmbH produziert hierzulande. Kathi Bruijs hat ICA (Inter Cheer Academy) im Jahr 2001 gegründet. ICA sei das erste deutsche Cheerleadingunternehmen, das sämtliche Bereiche abgedeckt habe, von Uniformen, Poms und Schuhen über Accessoires bis hin zu Camp- und Teamwear. Auch Camps unter der Leitung von deutschen und amerikanischen Lehrern können bei ICA gebucht werden. Stoffe und andere Materialien bezieht das Unternehmen ebenfalls aus den Vereinigten Staaten. „Es gibt in Deutschland keinen vergleichbaren Stoff, der sich so optimal zu geraden College-Uniformen umsetzen lässt“, erklärt Bruijs. Im Jahr bearbeite man mehr als 100 Aufträge, der Umsatz liege im sechsstelligen Bereich. Für die Fertigung einer Team-Bestellung benötigt das Unternehmen in der Regel sechs bis acht Wochen. In der Hauptsaison arbeiten bis zu acht Personen in der Schneiderei.

Möglich sind aufwendige Schnitte, Veredelungen, zum Beispiel mit Strass, und Stoffe mit Mustern und Effekten. „Von einem Einteiler-Kleid für knapp 60 Euro ist bis hin zu einer extrem aufwendigen Uniform nach oben hin viel Spiel“, sagt Bruijs. Kunden hat ICA auch in Österreich, der Schweiz, Schweden und Finnland.

Auf dem deutschen Markt findet man noch andere Unternehmen für den Cheerleadingbedarf, zum Beispiel Jump Jump und Cheercity. Diese beziehen ihre Uniformen allerdings aus England und Amerika. Auch die Elite Brands GmbH, eine Tochtergesellschaft des Weltmarktführers, der Varsity Brands Inc., ist in Deutschland vertreten. Sie bezieht ihre Produkte von der Muttergesellschaft, die ihren Sitz in Memphis, Tennessee, hat.

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