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Wie Patienten völlig den Faden verlieren

Serag-Wiessner ist ein traditionsreicher Hersteller von Nahtmaterial. Man fertigt auch selbstauflösende Fäden. Die haben nicht nur Vorteile.

F.A.Z.

22.06.2018

Thu Nguyen

Max-Planck-Gymnasium Lahr, Lahr

Immer wieder hört man, dass nach einer Operation Fäden in der Wunde vergessen wurden. Dann kann sich das Gewebe entzünden. Bei selbstauflösendem Material muss man sich darüber keine Sorgen machen. Die Serag-Wiessner GmbH & Co. KG befindet sich im oberfränkischen Naila. Nach eigenen Angaben ist das 1866 gegründete Unternehmen der älteste deutsche Hersteller von chirurgischem Nahtmaterial. Man fertigt auch selbstauflösende Fäden, die besonders gut für einen sicheren Wundverschluss von inneren Organen und für schwer zugängliche Körperregionen geeignet sind. Das Nahtmaterial stellt Serag-Wiessner in einer Verbindung von Handarbeit und industriellen Methoden her; man beschäftigt 200 Mitarbeiter.

Die Hauptkunden sind Kliniken. Das Inlandsgeschäft macht 75 Prozent aus. Ungewöhnliche Kunden, wenn auch nur in geringem Umfang, sind Restauratoren. Der Vertriebsleiter für chirurgisches Nahtmaterial, Björn Bauer, erklärt: „Die Fäden, deren Ende schon mit einer Nadel verpresst sind, ermöglichen einen sehr kleinen Einstich in löchrige Leinwände oder beschädigte Kunstwerke.“

Nach Bauers Angaben ist die Nachfrage nach Nahtmaterial seit Jahrzehnten stabil. „In Deutschland liegt der Gesamtbedarf bei geschätzten 160 Millionen Euro, wobei der Anteil der resorbierbaren Nahtmaterialien etwa 60 bis 65 Prozent beträgt. Unser Marktanteil daran liegt etwa bei 10 Prozent.“ Es gebe kein inhabergeführtes Familienunternehmen für chirurgisches Nahtmaterial mit exklusivem Produktionsstandort Deutschland, das einen größeren Marktanteil habe. „Der Jahresumsatz liegt bei rund 35 Millionen Euro“, berichtet Bauer. Für die Zukunft ist man optimistisch, „auch wenn sich Marktsituation, Wettbewerbs- und Preisdruck, insbesondere aus Fernost, sowie die behördlichen Auflagen deutlich verschärfen“. Relevante Konkurrenten seien Großkonzerne, deren Fokus auf dem Weltmarkt liege.

Das Sortiment umfasst rund 3500 Artikel. Unter den Nahtmaterialien sind die mittelfristig resorbierbaren Fäden am meisten gefragt. Alle resorbierbaren Fäden sind synthetischen Ursprungs. Die Preise für resorbierbares Nahtmaterial liegen deutlich höher als für nicht resorbierbares Material. „Je nach Anwendungsbereich werden unterschiedliche Fadenmaterialien und Nadel-Faden-Kombinationen verwendet. Dementsprechend können die Preise zwischen 1 und 100 Euro variieren“, erläutert der Vertriebsleiter.

Die Resorbierbarkeit wird von einer Vielzahl von Faktoren wie Fadenstärke, Gewebeart und Infektionsstatus der Wunde beeinflusst. Unfallchirurgin Verena Hundt erklärt, dass resorbierbares Nahtmaterial viele Vorteile habe und gerne bei Kindern verwendet werde. „Bei Kindern ist es ein ganz großer Vorteil, dass die Fäden nicht mehr gezogen werden müssen.“

Ein Nachteil des Materials sei, dass die Ärzte die Resorption nicht beeinflussen könnten. „Im Durchschnitt lösen sich die Fäden nach vierzehn Tagen auf. Hat man aber eine infektionsgefährdete Wunde, einen sehr langsamen Stoffwechsel oder eine Störung, die dazu führt, dass die Wunde nicht schnell genug heilen kann, könnten die Fäden schon resorbieren, bevor die Wunde überhaupt komplett verheilt ist.“Bei Wunden an den Füßen werde zum Beispiel nie mit resorbierbaren Materialien gearbeitet, da der Fuß grundsätzlich schlecht heile.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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