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Wer aus der Flasche trinkt, hat keinen Stiel

Die oft kunterbunten Gläser von Ritzenhoff kennen viele. Doch wer weiß schon, dass das Unternehmen die Stielgläser herstellt, die man aus Kneipen und Restaurants kennt?

F.A.Z.

8.01.2015

Kira Knauer

Arnold-Gymnasium, Neustadt bei Coburg

Krombacher, Veltins und Warsteiner – sucht man nach Gemeinsamkeiten dieser bekannten Biere, fällt einem zuerst dasselbe Herkunftsgebiet, das Sauerland, auf. Doch es gibt noch eine andere, weniger bekannte Übereinstimmung: Alle drei Brauereien arbeiten mit der Ritzenhoff AG aus Marsberg nordwestlich von Kassel in der individuellen Produktion von markeneigenen Gläsern zusammen. Das Familienunternehmen ist ebenfalls im Sauerland ansässig. Bekannt ist es vor allem für sein breites Sortiment an von Künstlern exklusiv gestalteten Trinkgläsern. Diese locken Sammler an und werden auch oft verschenkt.

Die Geschichte des Unternehmens beginnt vor mehr als hundert Jahren mit einer kleinen Glashütte in Marsberg, die sich nach dem Einstieg der Familie Ritzenhoff 1935 zu einem international tätigen Glasproduzenten entwickelte. Schon früh begann man damit, Stielgläser für Brauereien und die Mineralbrunnenindustrie herzustellen und zu veredeln. In diesem Segment sei man Marktführer in Deutschland, sagt Finanzvorstand Detlef Eßbach. 2014 verbuchte die Aktiengesellschaft einschließlich ihrer Tochtergesellschaft in den Niederlanden mit gut 430 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 80Millionen Euro.

Ritzenhoff verkauft seine Produkte in sechzig Ländern auf allen fünf Kontinenten. In einem ersten Schritt werden die Gläser nach den Wünschen der Kunden individuell entwickelt. „Wir sind durch unsere Mustermanufaktur in der Lage, nach wenigen Tagen erste Muster zu liefern, und eine Serienproduktion kann meist nach etwa drei Monaten nach der ersten Zeichnung des Kunden beginnen“, berichtet der Finanzvorstand.

Anschließend wird die Ware am Hauptsitz in Marsberg produziert. Sie sei eine der modernsten Glasproduktionsstätten in Europa, behauptet Eßbach. Neue und traditionelle Verfahren würden kombiniert, und es werde hochwertiges Kristallglas hergestellt. Die unternehmenseigene Entwicklung spiele eine essentielle Rolle, weil es für die Glasindustrie keine standardisierten Maschinen gebe. Die Qualität werde außerdem durch viele Messungen und ein rigoroses Aussortieren von Gläsern gewährleistet.

Dann werden die Gläser nach Wunsch des Kunden dekoriert. Es gibt verschiedene Verfahren, die in der hauseigenen Druckerei eingesetzt werden, beispielsweise der automatische Direktdruck mit mehreren Farben gleichzeitig. Oder es werden selbstproduzierte Abziehbilder per Hand aufgeklebt, was zeitintensiv ist. Die goldenen Mundränder der Biergläser entstehen auf diese Weise. Das Unternehmen hat intensiv über Kolorierung geforscht. Deshalb bestehen die Dekore heute nicht nur aus keramischen Bemalungen. Entwickelt wurde ein System mit organischen Farben, wodurch nicht nur das Farbspektrum erweitert wurde, sondern auch die Spülmaschinentauglichkeit garantiert wird. Motive mit metallischen Nuancen können hingegen nicht auf diese Weise hergestellt werden, Gläser mit solchen Dekoren müssen noch mit der Hand gewaschen werden. Wenn die Gläser fertig sind, dann liefert Ritzenhoff die Ware zum Beispiel an die Brauereien, die die Gläser an die Gastronomie verkaufen. In diesem Bereich, dem „Ritzenhoff Cristal“, werden nach Angaben des Unternehmens ungefähr 48 Millionen Gläser im Jahr verkauft.

Als Designmarke hat sich Ritzenhoff 1992 etabliert – mit Milchgläsern. Auf diesen befinden sich die verschiedensten bunten Motive, und die eingefüllte Milch dient ihnen als eine Art Leinwand. Inzwischen existiert ein breites Sortiment an Glasformen mit vielen unterschiedlichen Motiven. Es gibt unter anderem Biergläser, Seidel, Wein-, Schnaps-, Champagner- und Wassergläser, und der Dekoration sind wenig Grenzen gesetzt. Mehr als 300 Designer haben bisher für Ritzenhoff entworfen. Entstanden sind bislang rund fünfzig Kollektionen.

Die Künstler werden auf verschiedene Weise gefunden. Zum Beispiel nimmt man auf Messen wie der Ambiente in Frankfurt mit potentiellen Designern, die derzeit angesagt sind, Kontakt auf. Es bewerben sich auch viele Künstler, Maler, Architekten und Comic-Zeichner. Ihre Entwürfe werden dann von einer Jury, die aus in- und externen Mitgliedern besteht, begutachtet. Die Jurymitglieder müssen sich gut auf dem Markt auskennen und in der Lage sein, aktuelle Trends zu erkennen, wie Unternehmenssprecherin Kerstin Hülsmann erklärt.

Unter den Künstlern befinden sich auch bekannte Persönlichkeiten wie Otto Waalkes, dessen Porzellan- und Glasserie „Die Ottifanten AG“ im Herbst 2013 herausgekommen ist. Die kreativen Köpfe von Ritzenhoff haben auch mit dem bekannten italienischen Getränkehersteller Pallini (zum Beispiel Limoncello) zusammengearbeitet und exklusive Gläser mit Dekoren versehen. Verkaufsschlager unter den Designwaren sei nach wie vor das Champagnerglas, sagt Eßbach. Aber auch das Milchglas, mit dem alles begann, habe noch viele Anhänger. Ein Design-Trinkglas kostet den Kunden im Einzelhandel rund 20Euro.

Ritzenhoff verkauft nicht nur Gläser, sondern auch Geschirr und Accessoires aus Porzellan. Dabei ist man bestrebt, zum Beispiel Salz-, Pfeffer- und Zuckerstreuer zu entwerfen, die zu dem Erscheinungsbild des Raumes, in dem sie verwendet werden, passen. Auch sie werden mit unterschiedlichen Motiven versehen. So soll profanen Gebrauchsgegenständen wie der Espressotasse, aber auch Porzellansparschweinen und Futternäpfen eine Persönlichkeit verpasst werden.

Mit der Hilfe von mehr als siebzig Vertriebspartnern vermarktet Ritzenhoff seine Produkte auf der ganzen Welt. Der Anteil des Exports am Gesamtumsatz betrage etwa 50 Prozent. „Das Unternehmen hat mehrere Standbeine, aber der Kernmarkt, also das Brauereigeschäft, hat in den vergangenen Jahren eher im Ausland Auftrieb erfahren. Hier ändern sich Trinkkulturen, und der Trend zu einem hochwertigen Glas ist unverkennbar“, erklärt Eßbach.

In einer Branche mit einer Konkurrenz, die sich im „überschaubaren Rahmen“ hält, wie Eßbach sagt, lohne es sich zu investieren. So wurden in den vergangenen acht Jahren 55 Millionen Euro unter anderem für die Gestaltung eines neuen, futuristischen Showrooms und eines Logistikzentrums in Marsberg ausgegeben. Etwa 16 Millionen Euro investiert das Unternehmen in eine vierte Produktionslinie im Bereich Gläser für die Getränkeindustrie. Durch sie steigt die jährliche Produktion auf rund 50 Millionen Gläser.

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