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Sie wissen, wie man abkratzt

Mit Abrazo kann man auch Zähne putzen – im Prinzip

F.A.Z.

5.11.2015

Julia Mollo

Lise-Meitner-Gymnasium, Grenzach-Wyhlen

Kann man sich mit Abrazo auch die Zähne putzen? „Solche Verbraucherfragen erreichen uns nicht selten“, erzählt Stefan Gräther, Geschäftsleiter der Oscar Weil GmbH in Lahr, die die Abrazo-Reinigungskissen aus feinster Stahlwolle herstellt. Im Prinzip ja, lautet die Antwort, denn weder die Stahlwolle noch die verwendete Seife seien giftig für den Körper. Dennoch sei eher abzuraten, da die Stahlwolle den Zahnschmelz bei häufigerem Gebrauch abtragen würde. „Aber entgegen der landläufigen Annahme hinterlässt Abrazo weder auf Porzellan noch auf Glas Kratzspuren“, sagt Gräther. Mit Abrazo ist die Oscar Weil GmbH nach eigenen Angaben Marktführer mit einem Marktanteil von etwa 60 Prozent. „Der größte Konkurrent ist Ako-Pads mit einem Marktanteil von rund 25 Prozent, 15 Prozent machen No-Name-Produkte aus“, berichtet Stefan Grüb, der das Unternehmen von 1980 bis 2002 führte.

Produziert werden die Abrazo-Produkte ausschließlich in Lahr. Dorthin werden die 1,2 Tonnen schweren Rollen Stahldraht geliefert. Der 3,5 Millimeter dicke Draht wird dann mit Messern abgeschabt. So entstehen unzählige dünne Fäden, die dünner sind als menschliches Haar und damit ein relativ weiches Material ergeben. Grüb erklärt, dass sie „reinigen und abtragen, wie Rasierklingen“. Daher komme auch der 1925 kreierte Name, der abgeleitet sei von abrasiv; das bedeute reinigend oder abnutzend und stamme vom Lateinischen abradere.

Die Stahlwolle-Stränge werden von einer Maschine in Stücke gerissen und zu einem handlichen Päckchen gerollt. Dann folgt ein Bad in pflanzlicher Bio-Seife. Anschließend wird geföhnt. Kommt das Produkt mit Wasser in Berührung, nimmt es wieder die ursprüngliche Form an. Die Päckchen kommen in eine Verpackung, deren Deckel nicht verklebt wird, weil der Kunde die Qualität der Ware sehen soll. Denn Abrazo „kauft man vielleicht zweimal im Jahr“, erklärt Grüb. Etwa 20 Millionen Abrazo-Kissen werden jährlich produziert.

1901 gründete Oscar Weil das Unternehmen. Es war der erste Stahlspäne-Produzent Deutschlands. Anfangs war nur die Herstellung grober Späne für Holzböden oder Tische möglich. Erst nach dem Ersten Weltkrieg konnten feinere Späne produziert werden, Oscar Weil hatte dafür Maschinen entwickelt. Man lege Wert auf Qualität, weshalb die Produktion etwas kostenintensiver sei, sagt Grüb. „Selbst bei der billigsten Produktion wären die chinesischen Produkte immer noch ein Stück günstiger.“ 2014 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 5,5 Millionen Euro.

Seit 1962 ist Oscar Weil nach eigenen Angaben mit reiner Stahlwolle für Handwerker Marktführer in Deutschland. Sie wird unter dem Namen Rakso vertrieben, „das ist Oskar rückwärts gelesen“, wie Grüb erläutert. Die vollverseiften Abrazo-Kissen gibt es schon seit 1955. „50 Prozent des Umsatzes machen wir mit den technischen Stahlwollen, die übrigen 50 Prozent mit Abrazo-Produkten.“ Zu Letzteren gehören auch Grill- und Backofenreiniger sowie Cera Glanz für das Ceranfeld, mit dem man im Abrazo-Bereich inzwischen rund 20 Prozent des Umsatzes erzielt. Cera Glanz besteht aus einer dünnen Stahlwolle-Schicht und einem daran geklebten Schwamm. Das Unternehmen verkauft seine Produkte auch in den Niederlanden, England, Skandinavien und im arabischen Raum. Die Kundenwünsche seien verschieden, so bevorzuge die Hausfrau im Libanon die nicht verseifte Stahlwolle, sagt Grüb. Der Exportanteil liegt bei rund 40 Prozent.

Für den Gebrauch von Abrazo gilt grundsätzlich: Härteres kratzt Weicheres. Da Stahlwolle ein eher weiches Material sei, bedeute dies, dass nur wenige Materialien verkratzten, erläutert Grüb. Die Abrazo-Kissen werden normalerweise im regulären Hausmüll entsorgt. Man könne sie aber auch in den Kompost werfen, denn Stahlwolle verroste und verrotte, auch die pflanzliche Seife sei kompostierbar, sagt Gräther. „Man kann das Abrazo-Kissen auch unbedenklich zusammen mit Spaghetti kochen“, erklärt er, „dass die Spaghetti aber dann noch gut schmecken, wage ich zu bezweifeln.“

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