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Sie schicken den Schlitten in die Wüste

KHW hat einen speziellen Rodel entwickelt

F.A.Z.

18.09.2015

Kira Knauer

Arnold-Gymnasium, Neustadt bei Coburg

Dem zehn Jahre alten Paul gefällt sein Schlitten. „Er ist sehr leicht, und man kann ihn zusammenklappen.“ Sein Bruder Oskar, fünf Jahre alt, fügt hinzu: „Er sieht cool aus, und man kann damit superschnell die Berge hinunterdüsen.“ Die Jungen sprechen von einem Rodel der KHW Kunststoff- und Holzverarbeitungswerk GmbH, die ein Schlittenprogramm aus Kunststoff mit mehr als vierzig Modellen entwickelt hat. Neben Schlitten stellt sie Gartenartikel und Produkte für Kinder im Sommer her.

Das Unternehmen, das knapp neunzig Mitarbeiter beschäftigt, hat seinen Hauptsitz im thüringischen Geschwenda. Auf dem Markt für Kunststoffschlitten sei man führend auf der Welt, betont Geschäftsführer Ralf Groteloh. Der Umsatz belaufe sich auf 8 bis 10 Millionen Euro im Jahr, der Anteil der Schlitten betrage nur noch rund 30 Prozent. „Der Markt für Schlitten ist in den vergangenen Jahren deutlich kleiner geworden“, sagt Heiko Selbach, Einkäufer der Händlergemeinschaft Intersport Deutschland. Das liege vor allem an den milden Wintern. „Für ein oder zwei Schneetage kaufen sich Kunden kaum noch einen Schlitten.“ Sie seien aber eher bereit, einen Kunststoffschlitten zu kaufen als einen Holzrodel. Erstere böten auch bei wenig Schnee Fahrvergnügen.

Wichtige Konkurrenten von KHW sind der norwegische Produzent Hamax und die deutsche IPV Hungen GmbH mit Schlitten der Marke Alpengaudi. „Unser Unternehmen hat auf dem deutschen Markt mit Alpengaudi und der Einführung von trendigen Lenkschlitten für Kinder von fünf bis zehn Jahren in nur vier Jahren eine führende Stellung eingenommen“, sagt Christian Zorn, Verkaufsleiter der IPV Hungen GmbH. „Unter Berücksichtigung der Breite des angebotenen Sortiments und der abgesetzten Stückzahlen bei den Kunststoffrodeln sehen wir uns im deutschsprachigen Raum als Marktführer.“ Den Marktanteil in dieser Region schätzt Zorn auf 35 Prozent.

KHW arbeite in der Produktentwicklung mit den Fraunhofer-Instituten und den Technischen Universitäten in Ilmenau und Chemnitz zusammen, berichtet Groteloh. Eine große Rolle spiele der Einsatz von Kunststoffen aus natürlichen Rohstoffen wie Zuckerrohr. „Die Werkstoffe müssen Temperaturen von minus 25 bis mehr als null Grad standhalten.“ Wie viele Schlitten hergestellt werden, ist abhängig von der Nachfrage. „Bei kostenintensiven Produkten kann die Seriengröße 5000 Stück und bei preiswerten Schlitten auch schon mal 25000 Stück im Jahr betragen.“ KHW produziert ausschließlich in Geschwenda. Holzschlitten stellt man aber nicht mehr selbst her, sondern kauft sie von spezialisierten Produzenten. Nach Angaben von Zorn von IPV ersetzt der leichte Lenkschlitten immer mehr den Holzschlitten. Man verkaufe 700000 bis 800000 Kunststoffschlitten der Marke Alpengaudi im Jahr, in Jahren mit guten Wintern auch mal mehr als eine Million. Für die Rodel werden bei KHW hochwertige Kunststoffe verwendet, die mit der Spritzgusstechnik verarbeitet werden: Kunststoffgranulat wird aufgeschmolzen und in eine geschlossene Werkzeugform gegossen. „Bis zur Marktreife einschließlich der Vorstellung und Listung im Handel vergehen etwa 2,5 Jahre“, sagt Groteloh.

„Die meisten unserer Händler führen nur etwa vier bis fünf Schlittenmodelle“, sagt Selbach von Intersport. Die Rodel kosten zwischen 3 Euro für einen einfachen Gleiter und 400 Euro für Luxusmodelle. Bei Kindern seien Kunststoffschlitten stärker angesagt als Holzrodel. Sie bestächen durch ihr geringes Gewicht, bunte Farben und Design. KHW versuche, jedes Jahr ein neues oder ein verändertes Produkt auf den Markt zu bringen, berichtet Groteloh. „Beispiele sind eine Beleuchtung zum Nachtrodeln, integrierte Geräusche wie eine Hupe oder möglicherweise in Zukunft ein eingebautes GPS-System zum Feststellen der Geschwindigkeit.“ KHW verkauft in 34 Länder. Der Anteil der Ausfuhr am Umsatz betrage im Bereich der Rodel etwa 65 Prozent.

Das neueste Modell ist für den Schnee freilich unbrauchbar. Angesichts von Sandskiing und Sandboarding hat KHW seit 2012 den ersten Sandrodel der Welt entwickelt und zu Jahresbeginn auf der Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg und der Münchner Sportartikel-Messe ISPO präsentiert. Der ehemalige Leistungssportler in der Nordischen Kombination, Henrik May aus Zella-Mehlis, der die erste Skischule auf Sand in Namibia betreibt, testete den Schlitten. „Wie Schnee kann Wüstensand hart wie Beton sein oder fließend wie Pulverschnee“, erklärt May. „Die größte Hürde beim Sandrodeln sind die Reibungskräfte, die die Fahrt verlangsamen und das Material abscheuern.“ Der Sandrodel ist aus Biokunststoff und hat besonders abriebarme Kufen. Durch die flache Liegeauflage und die Lenkung über den Kufen ähnelt er einem Rodel für den Eiskanal. Der neue Schlitten soll das Unternehmen unabhängiger vom Klima machen. Nun plant man, den arabischen Markt zu erschließen und dann für Mitteleuropa eventuell einen Strandschlitten zu entwickeln. Ein mögliches Folgemodell könnte auch ein Rodel für nasses Gras sein.

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