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Sie haben die Verschwendung restlos satt

Viel Essen, das noch genießbar ist, landet in der Mülltonne. Zwei Unternehmen tun etwas dagegen. Sie betreiben ungewöhnliche Supermärkte.

F.A.Z.

6.09.2018

Jessica Wrobel

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Rund 88 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel schmeißen Europäer nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) weg. Nach der Studie der Umweltschutzorganisation WWF „Das große Wegschmeißen“ von 2015 waren es 18 Millionen Tonnen noch genießbarer Lebensmittel, die zum Beispiel wegen optischer Makel, Überproduktion oder des Mindesthaltbarkeitsdatums in Deutschland aussortiert wurden. Doch wie können Waren, die noch nicht über die Ladentheke gegangen sind, vor der Verschwendung bewahrt werden? Dieser Aufgabe widmen sich Sirplus und The Good Food, die nach eigenen Angaben einzigen beiden Lebensmittel-Outlets in Deutschland.

Sirplus rettet Lebensmittel vor der vorzeitigen Entsorgung und bietet sie günstig in zwei Geschäften in Berlin an; das erste wurde im September 2017 eröffnet, das zweite im Sommer. Der Resteladen The Good Food wurde im Februar 2017 in Köln eröffnet und ist somit nach Aussage der Gründerin Nicole Klaski Pionier.

Raphael Fellmer hat Sirplus mitgegründet. Von sich reden machte Fellmer auch wegen seiner Konsumverweigerung und seines fünfeinhalb Jahre dauernden Geldstreiks. Er verdiente nichts und gab nichts aus. Sein Essen holte er sich von Biosupermärkten, wo er es vor dem Wurf in die Tonne rettete. Er und seine Familie lebten nur von aussortierten Lebensmitteln und trugen nur die gebrauchten Kleider ihrer Freunde und Verwandten.

Zusammen mit dem Foodsharing-Pionier Martin Schott gründete Fellmer den Restesupermarkt. Die beiden konnten mit ihrer Idee Großhändler und Produzenten wie Metro und Real überzeugen. Unterstützt werden die beiden von rund fünfzig Mitarbeitern, darunter sind auch Flüchtlinge und Praktikanten im Freiwilligen Ökologischen Jahr. Inzwischen kooperieren die Ladenbetreiber auch mit Unternehmen wie Bio Company, mit Bäckereien und mit Snack- und Müsliherstellern. Die stellen überschüssige Ware für ein kleines Entgelt oder sogar kostenlos zur Verfügung. So holen Sirplus-Mitarbeiter in zwei Berliner Metro-Filialen sechsmal in der Woche alles ab, was von den Tafeln nicht mitgenommen wird – sie wollen auf keinen Fall mit Hilfsorganisationen wie den Tafeln konkurrieren. Seit der Eröffnung im September habe man mehr als 500 Tonnen Lebensmittel gerettet.

„In der Regel zahlen wir zwischen 1 und 2 Prozent des Einkaufspreises, bei Landwirten ist es deutlich mehr“, sagt Fellmer. Die Kunden können zwischen 30 und 90 Prozent sparen, bei frischen Produkten ein Drittel bis die Hälfte. So kostet eine Schale Himbeeren 50 Cent, eine Kiste mit reifen Kiwis 5 Euro, ein Brötchen zwischen 10 und 15 Cent. „Der Umsatz lag anfangs im Schnitt bei 3000 Euro wöchentlich“, berichtet Fellmer. Mittlerweile habe er sich verdreifacht.

Auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums sind die Lebensmittel nach Angaben der Verbraucherzentralen essbar. Dieses Datum gibt nur den Zeitpunkt an, bis zu dem das Lebensmittel seine spezifischen Eigenschaften wie Geschmack, Geruch und Nährstoffgehalt behält. Es handelt sich um eine Qualitätsgarantie des Herstellers. Rechtlich ist der Verkauf nach der Mindesthaltbarkeit nach Aussage der Verbraucherzentralen unproblematisch, solange der Händler den Käufer darauf hinweist. Anders sehe es jedoch mit dem Verbrauchsdatum aus: Nach diesem Stichtag darf das Produkt – oft sind es leicht verderbliche Lebensmittel wie Fleisch und Fisch – aus rechtlichen Gründen nicht mehr verkauft werden.

Im Sortiment hat Sirplus Trockenwaren, reichlich Obst, Gemüse und Backwaren und nun sogar kühlpflichtige Lebensmittel und zubereitete Speisen. Besonders beliebt seien Obst und Gemüse von Biobauern aus der Region, deren Produkte oft vom konventionellen Handel wegen des Aussehens nicht angenommen werden. Allerdings wisse man nicht immer, welche Lebensmittel am folgenden Tag im Sortiment sein werden. Deshalb erinnert der Laden mit seinem Sortiment an einen Kramladen.

Sirplus hat sich hohe Ziele gesteckt; innerhalb der kommenden fünf Jahre will das Unternehmen 35 weitere Läden eröffnen, und das in ganz Europa. Geplant ist ein Franchiseunternehmen. Noch in diesem Jahr soll eine App zur Verfügung stehen, ein digitaler Marktplatz, „um Angebot und Nachfrage von überschüssigen Lebensmitteln systematisch und intelligent zusammenzuführen“. Kunden von Sirplus sind sowohl ökologisch interessierte Menschen als auch finanziell schwächer Gestellte. Die Stammkundin Sabine Wittmer sagt, die Qualität der Ware reiche von sehr gut über in Ordnung bis gelegentlich nicht mehr verwendbar.

„Projekte wie Sirplus sind ein wichtiger Baustein, um Lebensmittelabfälle zu vermeiden“, sagt Kerstin Weber, Projektmanagerin im Bereich Nachhaltige Ernährung des World Wide Fund For Nature (WWF). Aber solche Initiativen reichten nicht. „Denn Lebensmittelverluste fallen nicht nur beim Verbraucher an. Über 60 Prozent der Verluste entstehen entlang der Wertschöpfungskette – vom Produzenten bis hin zu Großverbrauchern wie Gastronomie und Betriebsküchen.“

Der Kölner Restesupermarkt The Good Food rettet ebenfalls aussortierte Lebensmittel. Schon vor Eröffnung des Ladens galt Klaskis Engagement dem Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. „Angefangen hat alles mit wöchentlichen Obst- und Gemüseständen in Köln-Ehrenfeld, wo wir das auf den Feldern heimischer Landwirte nachgeerntete Obst und Gemüse angeboten haben“, erzählt Klaski. Später habe sie zu klein geratenes Obst oder krummes Gemüse in Pop-up-Stores verkauft.

The Good Food bezieht die Lebensmittel wie Sirplus von Bauern und Herstellern, die ihre Ware wegen optischer Makel oder Ablauf der Mindesthaltbarkeit nicht verkaufen können. Zudem macht Klaski mit ihrem Team ehrenamtlicher Mitarbeiter immer noch die Nachernte, und sie holt Obst und Gemüse beim Bauern ab. Das Sortiment besteht vor allem aus Backwaren, Obst, Gemüse, Milchprodukten und Eingemachtem. Der Laden ist nach Aussage von Klaski nie leer, es gebe viele Stammkunden. Darunter seien „ökologisch Engagierte, die aus ideologischen Gründen einkaufen, um etwas gegen die Lebensmittelverschwendung zu tun, und Leute mit schmalem Budget“. Alle Altersklassen und Berufe seien vertreten.

Ein großer Unterschied zum Berliner Resteladen ist das Motto „Zahle, was es dir wert ist“. „Von Centbeträgen bis zu großzügigen Spenden bekomme ich alles. Um Profit geht es uns nicht“, betont Klaski. Der Umsatz, dessen Höhe Klaski nicht preisgibt, fließe in die Miete des Ladens und die logistischen Leistungen. The Good Food könne sich allein tragen, zumal alle fünfzig Mitarbeiter ehrenamtlich mitarbeiten. Es sei aber geplant, feste Stellen zu schaffen. Gehalt zahlt sich die Gründerin keins. Sie finanziert sich durch eine Zehn-Stunden-Stelle in einer Klimaschutzinitiative.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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