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Obama findet Rückhalt in Arnsberg

Die Schroth GmbH aus dem Sauerland fertigt Gurte aller Art. Sie sichern nicht nur den amerikanischen Präsidenten.

F.A.Z.

19.06.2015

Lisa Homrich

Maximilian-Kolbe-Gymnasium, Köln

Was haben Passagiere von Air Berlin, Lufthansa und Etihad mit Barack Obama gemeinsam? Sie werden wie der amerikanische Präsident während seiner Flüge in der Air Force One mit Arnsberger Beckengurten gesichert. Denn die Schroth Safety Products GmbH stattet unter anderem Flugzeug- und Hubschraubersitze mit ihren Sicherheitsgurten aus. „Weltweit sind 70 Prozent der Hubschraubersitze in zivilen Helikoptern mit unseren Gurten ausgestattet“, sagt Martin Nadol, der Geschäftsführer von Schroth. Fast alle Passagierflugzeugtypen von Airbus fliegen mit den Flugbegleiter- und Passagiergurten aus Arnsberg. Nach eigenen Angaben ist Schroth auch Marktführer für Gurtsysteme in Privatflugzeugen.

Im Motorsport sind die Sauerländer ebenfalls stark vertreten. „80 Prozent der Teams der amerikanischen Nascar-Rennserie fahren mit unseren Gurten. Der Marktanteil von Schroth-Renngurten außerhalb der Vereinigten Staaten beträgt derzeit rund 70 Prozent“, berichtet Nadol. So ist der Formel-1-Rennwagen von Fernando Alonso ebenfalls mit einem Gurtsystem des Unternehmens ausgestattet, und im Sonderseriensektor der Autoindustrie nutzen die Porsche-918-Serie sowie Lamborghini und Bugatti die Vierpunktgurte aus Arnsberg.

Das geringe Gewicht ist nach Unternehmensangaben einer der Faktoren, die Schroth zum Weltmarktführer unter den Herstellern von Spezialgurten gemacht haben. Im Luftfahrtbereich verkauft das Unternehmen Beckengurte, die statt der üblichen 300 Gramm nur 235 Gramm wiegen. Dies führt in einem Flugzeug mit 500 Plätzen zu 32,5 Kilogramm weniger Gewicht. „Zudem profitieren wir von unserer Ausrichtung sowohl auf den Luftfahrt- als auch auf den Automobilmarkt. Das ermöglicht uns, Technologien von einem Bereich in den anderen zu übernehmen“, erklärt Nadol, der das Unternehmen seit zwei Jahren leitet. Ein Beispiel ist der Drucktastenverschluss, der in Europa in jedem Auto zu finden ist und nun auch in Flugzeugen Anwendung findet. Vorher gab es dort meistens Klappdeckelverschlüsse. „Wir waren der erste Hersteller, der vor zwanzig Jahren den Drucktastenverschluss in der Luftfahrt eingeführt und zertifiziert hat.“

Die Herstellung eines Beckengurts dauert etwa drei Minuten, die Anfertigung eines komplexen Militärgurts 45 Minuten. Schroth profitiert davon, dass im Motorsport alle vier Jahre die Gurte ausgetauscht werden müssen und in Passagierflugzeugen oft auch nach vier Jahren, weil sie mit Flecken übersät sind. Europäische Hersteller fertigen das Gurtband nach der Spezifikation von Schroth. Darüber hinaus besitzt die japanische Muttergesellschaft Takata, die Schroth 2012 übernommen hat, eigene Webereien.

Das Material für die Gurte besteht aus Polyester. „Polyester hat gegenüber dem früher verwendeten Nylon viele Vorteile. Es ist länger haltbar, dehnt sich weniger, und die UV-Beständigkeit ist höher“, erklärt Nadol. Das Gurtschloss und die Verschlusszunge werden im Motorsportbereich aus hochfestem Stahl gefertigt, in der Luftfahrt verwendet man aus Gewichtsgründen Aluminium statt Stahl. „Da Titan sehr teuer ist, verwenden wir dieses Metall nur in Bereichen wie der Formel 1, in denen es auf jedes Gramm Gewichtsersparnis ankommt.“

Fachleute prüfen das Material auf Reißfestigkeit, UV-Beständigkeit, Dehnverhalten, Abfärbung und Brennrate. Im Automobilbereich nimmt die Reißfestigkeit einen besonders hohen Stellenwert ein. „In der Formel 1 muss ein Gurt das 65fache des Körpergewichts halten können, in der Luftfahrt dagegen nur das 16fache“, sagt Nadol. Daher reichen in der Luftfahrt Gurte mit maximal drei Befestigungspunkten. Die Nascar-Rennserie dagegen nutzt Neunpunktgurtsysteme, die aus vier Schulter-, zwei Beckenund drei Schrittgurten bestehen.

Schroth fertigt jährlich 130 000 Gurte, 60 Prozent der Kunden bestellen weniger als zehn Exemplare. Gurte für das Raumflugunternehmen Virgin Galactic und zur Sicherung von Bierfässern auf dem Pferdefuhrwerk der Warsteiner Brauerei zählen zu den Spezialaufträgen. Auch Krankentragen nutzen Gurte von Schroth. „Wir besprühen das Gurtband mit Desinfektionsmitteln und prüfen, ob durch die Mittel zum Beispiel die Reißfestigkeit nachgelassen hat.“ Anfang 2015 entwickelte Schroth Gurte zum Transport von Ebola-Patienten. Ein Gurt in einem Privatflugzeug kann wegen eines aufwendigen Designs bis zu 1500 Euro kosten. Besitzer von Privatflugzeugen können aus 160 Farben wählen. „Wenn der Flugzeugbesitzer das Gurtband in der Farbe des Lippenstifts seiner Frau kaufen möchte, dann wird die Farbpalette erweitert“, sagt Nadol. Ein normaler Beckengurt (Zweipunktgurt) kostet rund 20 Euro, für einen Flugbegleitergurt (Vieroder Fünfpunktgurt) werden 800 Euro verlangt.

Das Unternehmen wurde 1946 gegründet. Einige Jahre später stieß Carl Friedrich Schroth beim Rallyefahren auf ein Problem: Sein Beifahrer konnte keine Karten lesen, da er in den Kurven ständig hin und her geschleudert wurde. Deshalb band er den Beifahrer mit Rollladenband und Mantelgurtschnallen fest. Damit entwickelte er 1954 den ersten Pkw-Sicherheitsgurt in Deutschland. Der Umsatz von Schroth ist im Geschäftsjahr 2014/2015 um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 17 Millionen Euro gestiegen. Die Hälfte entfällt auf die Luftfahrt. Die Exportquote liegt bei 80 Prozent.

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