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Maschinen halten den Spargel bei der Stange

Hochleistungsanlagen machen in der Spargelernte Personal überflüssig. Die Maschine des Weltmarktführers sortiert stündlich bis zu 45000 Stangen und schneidet mit Wasser.

F.A.Z.

7.01.2016

Louisa Deltchev

Gymnasium Ohmoor, Hamburg

Eine Fernsehshow mit Günther Jauch brachte Hermann Neubauer 1998 auf seine Geschäftsidee. In ihr ging es um den Mangel an Saisonarbeitskräften in der Landwirtschaft. Neubauer setzte sich das Ziel, den Personalaufwand bei der Spargelernte zu senken und die Qualität zu steigern. Da die Sortierung von Spargel sehr personalintensiv ist, entwickelte die Neubauer Automation OHG aus Welver rechnergestützte Sondermaschinen zum Waschen, Wiegen, Sortieren und Verpacken von Weiß- und Grünspargel. Das Hochleistungssystem Espaso reduziert den Personalaufwand nach Angaben des Herstellers auf weniger als die Hälfte und sortiert mit einer Leistung von bis zu 45000 Stangen in der Stunde.

Beim Sortieren „ist diese Maschine unbestechlich“, berichtet Simon Schumacher, Geschäftsführer des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer e.V. Zuerst werden die Stangen gewaschen und anschließend in einem Rotationsverfahren von allen Seiten bis zu 21 Mal je Stange mit einer hochauflösenden Messkamera fotografiert. Dies ermöglicht, die Beschaffenheit des Spargels zu bewerten. Die Kriterien, nach denen der Spargel geprüft wird, reichen von Länge, Dicke und Krümmungsart über Verfärbung und Qualitätsfehler bis hin zu einer optionalen Hohlstangenerkennung.

Mit der sensiblen Messtechnik wird auch das Gewicht präzise gemessen und unter Berücksichtigung der Krümmung eine exakte Schneideposition bestimmt, die dann an die Schneideroboter übertragen wird. „Die genaueste Klinge der Welt besteht aus Wasser“, sagt das Unternehmen über seinen patentierten Wasserstrahlschneider. Beim Schneiden mit einem Wasserstrahl wird nach Herstellerangaben eine überdimensionale Verschnittminimierung erreicht.

Die erste Spargelsortiermaschine entwickelte das neuseeländische Unternehmen Oraka Technologies Holding Ltd. „Das war noch zehn Jahre vor allen Europäern“, sagt Geschäftsführer Christoph Neubauer. Nach Angaben von Oraka begann man vor gut 25 Jahren mit der Entwicklung von selektiven Spargelerntemaschinen. Heute ist Neubauer nach eigenen Angaben Weltmarktführer mit einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent. Man bietet zehn Modelle der Espaso-Familie an, die sich in Größe, Ausstattung und Sortierleistung unterscheiden. Kunden können Zubehör bestellen wie eine Vorwaschanlage und eine Packeinheit. Die Kosten für eine Maschine bewegen sich zwischen 55000 und 200000 Euro. Kunden sind Spargelhöfe, Konzerne und Genossenschaften. „Die kleinsten Betriebe, die diese Maschine einsetzen, sind 2 bis 3 Hektar groß“, sagt Christoph Neubauer. Wann sich eine Maschine amortisiere, hänge von der Betriebsgröße ab, erläutert Hermann Neubauer. „Die kleineren Betriebe brauchen eher fünf, die größeren eher drei Jahre.“

Die Exporte, die 40 Prozent ausmachen, gehen neben Europa vor allem in die Hauptproduktionsländer Peru, Chile, Kanada und Neuseeland. Nach Angaben des Unternehmens sind mehr als 650 Espasos auf der ganzen Welt im Einsatz. Peru ist neben China der weltgrößte Spargelproduzent. Es mangelt dort wegen der geringen Bevölkerungsdichte in den Anbauregionen an Arbeitskräften. Der Spargel wird in Wüstenregionen in drei bis vier Perioden angebaut, also fast das ganze Jahr über. „Sie wollen nicht die Leute wegrationalisieren, sondern sie wollen überhaupt noch ihre Arbeit schaffen“, sagt Neubauer. Den chinesischen Markt konnte sich das Unternehmen noch nicht erschließen. Dort stehe noch genügend günstiges Sortierpersonal zur Verfügung.

Mit 22 Prozent der Freilandfläche ist Spargel nach Angaben des Statistischen Bundesamtes flächenmäßig das bedeutendste Gemüse in Deutschland. Laut der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft erhöhte sich die Nachfrage der Deutschen 2014 gegenüber dem Vorjahr um fast 10 Prozent. Techniken zur Wachstumsbeschleunigung wie der Anbau unter Minitunneln mit Schwarzfolie tragen zum Produktionsanstieg bei.

„Allein die Menge, die verarbeitet werden muss, hat uns dazu bewogen, solche Maschinen einzusetzen“, sagt Heribert Ahlbrand, Inhaber des Früchtehofs Ahlbrand, der drei Espaso-Modelle besitzt. „Für den Erzeuger ist es eine Sicherheit, wenn er weiß, wie er sortieren muss, um den Marktansprüchen zu genügen“, sagt Simon Schumacher. Außerdem könne eine höhere Sortierleistung erzielt werden. „Man schafft das Vierfache“, sagt Ernst-August Schulze Heiling vom Spargelkottenhof aus Niedersachsen, „und man ist flexibler in der Personalzusammensetzung.“ Nacharbeiten, wie das Entfernen von Blättern und Roststellen, ließen sich trotzdem nicht ganz vermeiden, weshalb noch viel Handarbeit anfalle.

Neubauer beschäftigt rund 30 Mitarbeiter und verkauft bis zu 70 Espasos im Jahr. 2015 liege der Umsatz bei 7 Millionen Euro, das seien 40 Prozent mehr als 2012. „Man kann fast von einem Siegeszug der Maschinen sprechen“, sagt Schumacher. Wichtige andere Hersteller sind die Strauss Verpackungsmaschinen GmbH und die HMF-Hermeler Maschinenbau GmbH.

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