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Manche haben bloß eine Schraube locker

Ein Verein kämpft mit besonderen Cafés gegen die Wegwerfgesellschaft

F.A.Z.

6.08.2015

Miriam Müller

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Was macht man, wenn die elektrische Zahnbürste kaputt ist oder die Musikanlage den Geist aufgibt? Wegwerfen und neu kaufen? Nein, sagen die Initiatoren der Repaircafés. Sie setzen beim Reparieren defekter Produkte auf die Hilfe zur Selbsthilfe und haben der Ressourcenverschwendung und der Wegwerfgesellschaft den Kampf angesagt. Sie wenden sich gegen die Haltung, dass man aus Bequemlichkeit ein Gerät neu kauft, statt es zu reparieren. Oft müsse nur der Akku erneuert oder eine einfache Reparatur wie das Festziehen einer Schraube vorgenommen werden, sagen die Reparateure in den Repaircafés. Manchmal sind die Gehäuse allerdings fest verklebt, Ersatzteile teuer, und viele Komponenten lassen sich nur mit Spezialwerkzeug austauschen.

Das erste Repaircafé-Treffen fand auf Initiative der niederländischen Umweltjournalistin Martine Postma im Oktober 2009 in Amsterdam statt. Es war so gut besucht, dass Postma ihre Idee in ein Manifest verpackte, im Internet veröffentlichte und eine Stiftung zur Förderung weiterer Repaircafés gründete. Im Januar 2011 gab es in den Niederlanden schon fünfzig Repaircafés. Es handelt sich um eine Art Franchise-System, aber ohne Lizenzgebühren. Mittlerweile gibt es mehr als 700 Repaircafés auf der Welt, allein in Deutschland sind es nach Angaben von Tom Hansing, Koordinator der deutschen Repaircafé-Bewegung, mehr als 220. Die meisten findet man in Nordrhein-Westfalen, in Köln, Aachen, Bonn und Düsseldorf.

In der Dingfabrik Köln e.V. etablierte sich im April 2012 das erste deutsche Repaircafé. Sie stellt Technik und Wissen kostenlos zur Verfügung, wenn alle acht bis zwölf Wochen am Freitag von 15 bis 18 Uhr auf ihrem Gelände ein Repaircafé stattfindet. Finanziert wird es durch Mitgliederbeiträge und freiwillige Spenden der Besucher. In anderen Repaircafés werde eine kleine Spende von 5 Euro verlangt für Nägel, Kleber und andere Materialien, sagt Dagmar Langel, die Ende 2012 das zweite deutsche Reparaturcafé, auch in Köln, gründete. Die meisten Reparaturcafés haben nach Auskunft der Organisatoren Reparaturstationen für Elektro, Computer, Holz, Textilien und Schmuck. „Die Gäste können alles mitbringen, was sich transportieren lässt.“ Es seien auch schon Leute mit einer Waschmaschine oder einem Wäschetrockner gekommen, erzählt Langel. Der Schatzmeister des Repaircafés in der Dingfabrik, Uwe Ziegenhagen, betont: „Wir reparieren keine Geräte, wir helfen Leuten, Geräte selbst zu reparieren.“ Das sei auch eine Frage der privaten Haftung. Die ehrenamtlichen Helfer seien „nicht unbedingt Experten, sondern Menschen, die Spaß am Basteln und dadurch schon viel Erfahrung gesammelt haben“, sagt Ziegenhagen.

Durchschnittlich erscheinen 30 bis 40 Personen zu den Treffen, es können aber auch mal nur 5 bis 10 sein. In Hamburg-Sasel habe der Rekord bei mehr als 380 Besuchern gelegen. Die Kunden kommen laut Ziegenhagen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten, so habe kürzlich ein Kunde eine sehr hochwertige HiFi-Anlage mitgebracht. Es seien aber auch Kunden dabei, die sich eine teure Reparatur nicht leisten könnten. Bei den Helfern dominieren die Männer. Beruflich gebe es einen bunten Mix, vom Ingenieur bis zum Betriebswirt oder Mathematiker. Die meisten Geräte seien Kleinelektrogeräte und Haushaltsgeräte wie Videorekorder, Monitore, Laptops, Handys und Radios. „Kunden und Helfer füllen einen Laufzettel aus, so dass wir die Erfolgsquote genau feststellen können. Und die liegt durchschnittlich bei 50 Prozent“, sagt Ziegenhagen.

Nach Ansicht von Bernd Dechert vom Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke machen Repaircafés elektrohandwerklichen Betrieben keine Konkurrenz. „Dort werden in der Regel Geräte repariert, die unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten unrentabel sind“, erklärt er. Bisweilen engagierten sich sogar Profi-Handwerker in den Reparaturcafés und kämen so in Kontakt mit potentiellen Kunden, erzählt Hansing. Das könne die Bereitschaft, auch teure Geräte zu reparieren, erhöhen.

Wegen des oft großen Andrangs müssen die Besucher etwas Zeit mitbringen. Doch es gibt Getränke und selbstgebackenen Kuchen. In lockerer Atmosphäre werden Ideen ausgetauscht. So fördern die Repaircafés auch das soziale Miteinander und stärken die Stadtteilkultur. Oft bieten Vereine und soziale Einrichtungen wie die Arbeiterwohlfahrt oder Diakonien ein Repaircafé an. Manchmal sind es auch offene Werkstätten oder Privatpersonen, zum Beispiel Künstler, die ihre Räume zur Verfügung stellen. Meistens finden die Zusammenkünfte aber in Gemeindezentren, Kulturzentren, Vereinsgebäuden und Schulen statt. Gemeinden und Bezirksämter gewähren in der Regel Zuschüsse. Inzwischen gibt es Repaircafés auch in Belgien, Dänemark, Schweden, Portugal, Italien und Taiwan. „Wir wollen das Repaircafé natürlich weiterhin verbreiten. Außerdem werden wir uns in zunehmendem Maße für besser reparierbare Produkte einsetzen“, sagt Gründerin Postma.

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