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Manche Spritztour endet an einer Wand

Modellbauer tun es, genauso wie Künstler, Puppenhersteller und Konditoren – sie tragen Farbe mit Hilfe von Airbrushgeräten auf. Immer wichtiger wird der Bereich Schönheit.

F.A.Z.

12.05.2016

Lina Therkorn

Gymnasium Ohmoor, Hamburg

Mehr als 90000 Menschen besuchten im Oktober die Messe Modell-Hobby-Spiel in Leipzig. Teil der Messe war die Ausstellung „Airbrush Expo Leipzig“. Zwanzig Künstler präsentierten dort ihre Werke auf Leinwänden, Fahrzeugteilen und anderen Objekten. Es gab Live-Vorführungen, kostenlose Seminare und Vorträge. Der Airbrush-Fachverband e.V., der die Ausstellung organisiert hat, will mehr Menschen über Airbrush informieren. „Es gibt viele Leute, die wissen gar nicht, was Airbrush ist“, sagt der Beisitzer des Vorstands Roger Hassler.

Beim Airbrushen wird die Farbe von einem Luftstrom aus der Sprühpistole gedrückt, zerstäubt und durch eine Düse versprüht. Mit einem Hebelsystem kann man regeln, ob man feine oder breitere Linien erzeugen möchte. Die Farbe befindet sich in einem Behälter, der an der Pistole befestigt ist. Die Harder & Steenbeck GmbH und Co. KG mit Sitz in Norderstedt bei Hamburg ist nach eigenen Angaben deutscher Marktführer in der kleinen Branche der Hersteller von Airbrushgeräten. In Europa sei man unter den ersten zwei oder drei, wenn nicht sogar ebenfalls Marktführer, sagt Geschäftsführer Jens Matthießen. „Es gibt weltweit aber eine Marke, die größer ist als wir; das ist Werther International.“

Harder & Steenbeck beschäftigt 16 Mitarbeiter und hat mehr als zwanzig Modelle im Angebot. Am erfolgreichsten ist das Modell Evolution, das seit achtzehn Jahren angeboten wird. Es kostet rund 130 Euro und war das erste Gerät, bei dem man Farbbecher in verschiedenen Größen aufschrauben und die Düsensätze austauschen konnte. Andere Hersteller verkauften Apparate mit einem festen Farbbehälter und einer festen Düsengröße, sagt Matthießen.

Die Diplom-Designerin und Künstlerin Julia Stoess aus Hamburg verwendet Evolution, um damit ihren Insektenmodellen ein wirklichkeitsnahes Aussehen zu geben. Das Gerät sei einfach zu reinigen und liege gut in der Hand, lobt sie. „Airbrush ist durch keine andere Technik zu ersetzen. Es entsteht ein ganz anderes Farbbild, und das geht nur mit einer Airbrushpistole“, erklärt Stoess. Das Besondere dieser Technik sind die vielen Anwendungsbereiche und die Möglichkeit, feine Farbabstufungen zu erzielen. Außerdem kann man die Farbe auf fast jeden Untergrund auftragen. Man muss aber ordentlich arbeiten. „Man kann sein Produkt ganz schnell versauen, wenn man mal nicht konzentriert ist“, sagt Stoess.

„Unser System hat den Vorteil, dass es mit Steckdüsen ausgestattet ist, die eine sehr schnelle Reinigung zulassen. Das ist beim Airbrushen sehr wichtig, und für den Anwender ist es schön, wenn er sich nicht für jede Anwendung einen neuen Apparat kaufen muss, sondern den Apparat einfach umrüstet“, erklärt Matthießen. „Zum Beispiel nimmt er, wenn er mehr Fläche besprühen möchte, einen größeren Becher und einen größeren Düsensatz.“ Die Alternative zur Steckdüse ist die Schraubdüse. Das kleine und feine Gewinde könne aber abbrechen und im Apparat steckenbleiben. Ein Privatanwender könne es dann kaum wieder heil aus dem Spritzapparat entfernen. „Die Steckdüsen haben uns zum Marktführer gemacht“, sagt Matthießen.

Modellbauer verwenden Airbrushgeräte, ebenso viele Künstler. Auch Autos und Motorräder werden mit ihrer Hilfe bemalt. Immer wichtiger werde der Bereich Schönheit, berichtet Matthießen. Make-up, Nageldesigns und Sprühbräune werden mit den kleinen Farbpistolen aufgetragen. Auch Puppenhersteller, Porzellanfabriken, Plüschtierfabrikanten, Konditoren und Uhrenhersteller nutzen die Produkte von Harder & Steenbeck. „Wir ahnen manchmal selbst nicht, wo überall unsere Kunden sitzen, da wir nur die Händler beliefern“, sagt Kerstin Stoltenberg, die Prokuristin des Unternehmens. Sogar Blumen würden airbrusht, wenn ihre Farben nicht gefielen.

Anna Meier aus Mainz ist Maskenbildnerin für Spezialeffekte und hat sich in Los Angeles als Make-up-Artist ausbilden lassen. Sie ist auf Airbrush spezialisiert. Damit gehe das Schminken schneller, und es sei hygienischer. Man brauche keine Papiertücher, Wattepads, Schwämme oder Pinsel, die Bakterien enthalten könnten. Ein Vorteil beim Auftragen sei, dass das Make-up gleichmäßig auf der Haut sitze. „Ich sehe auf jeden Fall eine Zukunft für Airbrush-Make-up, da es nur Vorteile bietet und in den Vereinigten Staaten schon ein fester Bestandteil der Beautyindustrie ist“, sagt Meier.

Harder & Steenbeck stellt für ihre Geräte am Tag mehrere tausend Einzelteile in einer computergesteuerten Maschine her, die dann von Hand zusammengesetzt werden. Ersatzteile würden in der Regel nur gebraucht, wenn das Gerät nicht richtig gepflegt und gereinigt werde, sagt Matthießen. „Ansonsten benötigt man nach einiger Zeit eventuell eine neue Nadel oder Düse.“

Der Airbrush-Markt wachse langsam, aber stetig. Im vergangenen Jahr verkaufte Harder & Steenbeck etwa 25000 Airbrushgeräte. Evolution machte etwa die Hälfte aus. 70 Prozent werden exportiert. In Deutschland betrage der Marktanteil mehr als 50 Prozent. Der Umsatz betrug 2015 gut 3 Millionen Euro. Rund 40 Prozent machen die Apparate aus, der Rest stammt aus dem Verkauf von Zubehör wie Schläuchen, Farben, Kompressoren und Schablonen. „Wir wachsen jedes Jahr kontinuierlich zwischen 5 und 10 Prozent“, sagt Matthießen.

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