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Männer toben sich vor, Frauen nach der Ehe aus

Chefs buchen Wuträume für ihre Sekretärinnen, Frauen zerreißen darin Fotos ihrer Verflossenen. Psychologen betrachten diese neue Geschäftsidee allerdings skeptisch.

F.A.Z.

7.04.2016

Sarah Hammad

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Einmal seiner Wut freien Lauf lassen und einfach alles kaputtmachen, ohne Rücksicht auf Verluste auf den Fernseher oder Computer einschlagen, Teller, Tassen und Gläser zerschmettern: Ronny Rühmland und Marcel Braun machen das möglich. Im August 2014 haben sie in Halle die Schlag dich fit UG gegründet, den nach eigenen Angaben ersten Wutraum in Deutschland. Gefrustete können dort das komplette Mobiliar zertrümmern. Das Geschäftsmodell stammt aus den Vereinigten Staaten: In Dallas wurde Ende 2011 der erste Wutraum der Welt unter dem Namen „Anger Room“ gegründet. Erstanden war er nach japanischem Vorbild: In Tokio konnten 2008 gestresste Arbeitnehmer beim „Venting Place“ (to vent = Dampf ablassen) Geschirr gegen eine Betonwand schmettern. „Ich bin im Internet darauf gestoßen und war sofort von der Idee fasziniert“, erzählt Marcel Braun, der hauptberuflich Kundenberater in einem Transportunternehmen ist. Sein Geschäftspartner Ronny Rühmland ist selbständiger Handwerker und kennt Unternehmen, die Wohnungen entrümpeln, er selbst bietet auch Haushaltsauflösungen an. Nun landet das alte Mobiliar nicht gleich auf der Mülldeponie, sondern in den beiden Wuträumen der Jungunternehmer.

Ob nach einer Kündigung, einem Streit mit dem Ehepartner oder einfach nur, um „runterzukommen“ – Kunden sollen bei Schlag dich fit Stress abbauen. Dafür braucht es nur einen einfachen Raum, etwas Werkzeug, ein paar alte Möbel und Schutzkleidung. Zur Grundausstattung gehören Baseballschläger, Vorschlaghammer, Brecheisen, Äxte und Golfschläger.

Beim Zertrümmern wird Musik gespielt. Nach der Erfahrung von Rühmland und Braun eignet sich Heavy Metal besonders gut zum Aggressionsabbau. Kunden seien Lagermitarbeiter genauso wie Ärzte, Manager und Studenten. Sie reisten aus ganz Deutschland an; viele kämen allein. Sie seien zwischen 18 Jahren und Mitte vierzig. Unter 18 Jahren dürfen Jugendliche nur in Begleitung von Erwachsenen ihre Wut abreagieren. Überrascht hat Braun die hohe Frauenquote. Sie habe lange Zeit bei 70 Prozent gelegen, inzwischen machten Frauen etwa die Hälfte der Kunden aus. Er erklärt das damit, dass sich Frauen viel Druck machten. Sie wollten Hausfrau und Mutter sein, gleichzeitig Karriere machen und zudem noch gut aussehen und entspannt wirken. Dieser Druck entlade sich dann im Wutraum. Oft werde dieses Erlebnis von den Ehemännern finanziert, sagt Braun.

Man verkaufe viele Gutscheine. „Auch Chefs spendieren ihren Sekretärinnen eine Zeit im Wutraum, da sie nicht selbst unter den Aggressionen leiden wollen“, sagt Braun. Das Kurioseste sei bisher ein Pärchen gewesen, das gemeinsam am schön gedeckten Tisch ein Candlelight-Dinner genoss, bevor es mit einem Vorschlaghammer das Mobiliar, das Geschirr und die Gläser zertrümmert und dies als Selbsterfahrung betrachtet habe. Auch Teams aus Unternehmen nutzten das Angebot. „Ihnen geht es um die Frage: Wie ticken meine Kollegen?“, berichtet Braun.

Inzwischen haben auch Eventanbieter und Gutscheinportale den Wutraum in Halle in ihr Programm aufgenommen. Der Jahresumsatz liege zwischen 20000 und 40000 Euro. Von dem Erlös können die Gründer noch nicht leben. Der Standardpreis für 30 Minuten liegt bei 139 Euro. Auf dem Hinterhof können wütende Besucher für 199 Euro schrottreife Autos zertrümmern. Das ursprüngliche Anliegen, den Wutraum als Therapie anzubieten und mit Psychotherapeuten und Sozialarbeitern zusammenzuarbeiten, habe man bisher nicht verwirklichen können. Es haben sich keine Fachleute für eine Kooperation gefunden; unter Psychologen ist der Besuch im Wutraum umstritten.

Seit März 2015 gibt es in München und Berlin ebenfalls Wuträume. In München wirbt man mit dem Slogan „Zerstörung aus Leidenschaft“, in Berlin heißt der Wutraum Crash Room. In München hat der Geschäftsführer Hartmut Mersch zwei Räume angemietet, die er als Wohnzimmer, Büro oder nach anderen Vorstellungen seiner Kunden einrichtet. Das Mobiliar kauft er in Secondhandläden. Immer mehr Unternehmen entsorgen zudem bei Mersch Gegenstände, die defekt sind oder sich nicht verkaufen lassen.

Durchschnittlich zwei Kunden am Tag, vier am Wochenende kommen in die Münchner Wuträume. Die Preise liegen zwischen 139 und 199 Euro. 80 Prozent der Kunden sind Frauen aus allen Altersgruppen. Die Kunden kommen aus Deutschland, Frankreich, Holland und Österreich. Besonders gefragt seien Scheidungspartys für 199 Euro, bei der die Partygäste das Geschehen live über Monitore verfolgen können. Oft brächten Frauen Bilder des Verflossenen mit, die sie dann zerstörten. Die passende musikalische Begleitung sei zum Beispiel der Song „Break Stuff“ von Limp Bizkit.

Gut nachgefragt sei auch das Büropaket, bei dem für 139 Euro ein Büro zertrümmert werde. Für denselben Preis kann man seine Geburtstagsfeier in den Wutraum verlegen. Auch Junggesellenabschiede werden im Wutraum gefeiert; sie kosten 199 Euro. Für die Scheidungsparty und den Junggesellenabschied gibt es einen Mitschnitt als Erinnerung. Dazubestellen kann man einen DJ, einen Barkeeper und einen Partyraum. Das Deluxe-Paket kostet 499 Euro. Der Umsatz lag 2015 in den acht Monaten nach der Eröffnung bei 150000 Euro. Die Tendenz sei stark steigend, sagt der Gründer.

Den Crash Room in Berlin betreibt Christian Block hauptberuflich. „Ich suchte nach einer Geschäftsidee, die mit wenig Kapital leicht umsetzbar war“, erzählt er. Zwei bis drei Kunden besuchten in der Woche seinen Wutraum, 60 bis 65 Prozent seien Frauen, die zum Teil einfach Spaß haben wollten, aber auch Trennungen verarbeiteten. In Berlin haben auch Kinder die Möglichkeit, sich abzureagieren – mit Tortenschlachten oder dem Bemalen von Wänden. Der Umsatz in den acht Monaten 2015 habe erst 23000 Euro betragen, die Nachfrage steige aber stetig. Block will demnächst auch Anti-Aggressionstraining und Anti-Mobbingstrategien für Schulklassen anbieten.

Ein Kunde beschreibt sein Erleben im Wutraum so: „Den Kontrollverlust zu spüren ist etwas Besonderes. Sonst muss man sich ja immer an Regeln halten.“ Block erzählt von elf Erzieherinnen, die begreifen wollten, was in den Kindern vorgehe, die in der Kita Sachen zerstörten. Die Frauen hätten zuerst gezögert, sich dann aber schnell in Rage gesteigert und sich irgendwann wie im Rausch gefühlt.

Nach dem Abreagieren soll sich ein Gefühl der Entspannung einstellen, dann eine Art Erschöpfung. In dem positiven Erleben sehen Kritiker auch eine Gefahr. Das könne zu dem Trugschluss führen, man könne im echten Leben Probleme mit Gewalt bewältigen. Die Psychologin Angelika Kallwass, die auch Anti-Aggressionstrainerin ist, sieht den Wutraum als kurzfristiges Ventil, nicht als Therapieansatz. „Der Wutraum ist natürlich eine echte Alternative zur Körperverletzung und zum Totschlag. Er ist allerdings eine reine Entladung von angestauter Wut. Er bringt keine Veränderung.“ Von Entladung, Aufladung, Entladung, Aufladung hätten zwar die Anbieter von Wuträumen etwas. „Ob es aber auf Dauer einer Beziehung guttut, das wage ich zu bezweifeln“, sagt Kallwass.

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