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Langstreckenläufer fast auf freiem Fuß

Barfußschuhe kommen in Mode. Produziert werden sie auch in Deutschland. Ihre Hersteller sagen, sie beugten Gelenk- und Rückenschmerzen vor. Ganz unumstritten sind sie aber nicht.

F.A.Z.

1.12.2016

Maren Plugge

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Wir müssen wieder barfuß laufen - oder besser, wir müssen möglichst barfußähnlich laufen", sagt der ehemalige Ultralangstreckenläufer Helmuth Ohlhoff. Er hat 2004 mit 57 Jahren viel Energie in die Verwirklichung seiner Vision gesetzt: einen minimalistischen Schuh zu entwickeln, der "den Fuß schützt, aber nicht stützt und damit die Muskulatur des Fußes außer Kraft setzt". Der gelernte Journalist hat 2004 die Leguano Ltd. mit Sitz in Sankt Augustin gegründet, die 2009 in eine GmbH umgewandelt worden ist und die Barfußschuhe herstellt. Das Unternehmen ist Marktführer in der Produktion von minimalistischen Barfußschuhen in Deutschland.

"Leguano ist ein Pionier im Segment Barfußschuhe. Mir ist kein anderes Unternehmen in Deutschland bekannt, das früher begonnen hat", sagt Karsten Hollander vom Institut für Sport- und Bewegungsmedizin der Universität Hamburg. Auch die großen Hersteller Nike, Adidas und Asics stellen Barfußschuhe her. Nach Ohlhoff sind das aber keine echten Barfußschuhe, da sie eine feste Sohle, eine Dämpfung und einen - wenn auch niedrigen - Absatz hätten. Das treffe auch auf den von Nike 2004 als ersten Barfußschuh bezeichneten Nike Free zu. Insbesondere die festen Sohlen dieser Schuhe nähmen dem Fuß die volle Bewegungsfreiheit.

Ein wichtiger Punkt sei, dass echte Barfußschuhe keine "Sprengung", das heißt kein Gefälle zwischen Ferse und Vorfuß hätten, erklärt Ohlhoff. Die sehr dünne und nach allen Seiten flexible Sohle ohne Fußbett aktiviere die Fußmuskulatur, unterstütze beim Laufen die natürliche Körperhaltung und beuge so Gelenk- und Rückenschmerzen vor, behauptet er. "Je flächiger der Auftritt ist, desto günstiger ist das für die Gesamtbeanspruchung der Reststatik des Körpers", erklärt der Bonner Orthopäde und Triathlet Helmut Klippert. Klassische Schuhe könnten die vertikale Stoßkraft, die bei jedem Schritt auf die Ferse, die Knochen, das Sprunggelenk und das Knie wirke, nur ungenügend abfedern.

Die Idee für sein Geschäftsmodell kam Ohlhoff, als er mit dem Arzt Walter Packi, Geschäftsführer der Klinik für Biokinematik in Bad Krozingen, gesprochen habe. Da er bei seinen 100-Kilometer-Läufen immer wieder Schmerzen hatte, habe dieser ihn darauf hingewiesen, dass Läufer alle falsch liefen und deshalb so oft Probleme hätten. Die ersten Entwicklungsversuche bestanden darin, dass sich Ohlhoff eine dicke Schicht Silikon aus dem Baumarkt unter die Füße schmierte. Das habe aber nicht funktioniert. Es brauchte fünf Jahre, bis Ohlhoff die ersten funktionstüchtigen Barfußschuhe realisieren konnte; die ursprünglichen Leguanos classic sind freilich eher eine Art Strumpf mit Sohle. Zu den ersten Kunden zählten Läufer, die Ohlhoff auf Marathonmessen ansprach. 2013 begann Ohlhoff mit dem Aufbau eines Filialnetzes. Das erste Geschäft wurde im Mai 2013 in Bad Zwischenahn eröffnet. Mittlerweile gibt es auch Ballerinas und Sneakers aus luftdurchlässigem Mesh-Gewebe.

Allerdings gab es 2014 mehrere Klagen gegen manche Hersteller von Barfußschuhen, und diese Unternehmen mussten Entschädigungzahlungen leisten. Nach Auffassung von Ohlhoff lag es an einem Marketingfehler. So habe man den Barfußschuhen in übertriebener Form positive Eigenschaften zugeordnet. "Ein Barfußschuh kann aber nie gesund machen", erklärt Ohlhoff. Obwohl Orthopäde Klippert den Barfußschuhen viele positive Wirkungen zuschreibt, warnt er gemeinsam mit Wolfgang Potthast vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule in Köln davor, ohne ausreichende Eingewöhnungszeit auf Barfußschuhe umzusteigen. Es komme auf eine dosierte Nutzung an, sonst kehrten sich die positiven Effekte ins Gegenteil um. Die Füße würden überlastet, und es könne zu Verletzungen wie Knochenödemen, Überlastungsverletzungen am Mittelfuß oder Verletzungen der Achillessehne kommen. "Man muss wie beim Krafttraining langsam beginnen und die Belastung langsam erhöhen", erklärt Potthast, der dem gegenwärtigen Boom der extremen Barfußschuhe eher kritisch gegenübersteht.

Hergestellt werden die Leguano-Barfußschuhe in Deutschland, unter anderem in der eigenen Näherei in Hennef. Die Spezialsohle werde in Partnerunternehmen in einem thermischen Verfahren aufgespritzt. Der Anteil der verkauften Schuhe am deutschen Schuhmarkt liegt nach Aussage des Unternehmensgründers noch unter einem Prozent. Er fügt aber hinzu: "Die Nachfrage überrollt uns." Rund 300 000 Paar Barfußschuhe werden derzeit im Jahr produziert und in inzwischen mehr als 60 deutschen Läden verkauft. In Spanien, Kanada, Polen, Tschechien und Singapur werden sie von Franchisenehmern angeboten. Auf Messen werde er zunehmend von Interessierten aus China, Saudi-Arabien und Dubai angesprochen, berichtet Ohlhoff.

Die Schuhe kosten je Paar zwischen 49 und 169 Euro. Lag der Umsatz von Leguano 2014 laut Ohlhoff bei 3,3 Millionen Euro, waren es 2015 9 Millionen Euro, Tendenz steigend. Und das bei einem Umsatzrückgang im Schuhhandel von 1 Prozent im Jahr 2015, wie der Bundesverband des Deutschen Schuheinzelhandels berichtet. Für 2016 peilen Ohlhoff und seine Mitarbeiter einen Umsatz von 20 Millionen Euro an. Bis 2018 will man das deutsche Filialnetz auf 150 Geschäfte erweitert haben. Das junge Unternehmen beschäftigt derzeit 180 Mitarbeiter. Unter den Kunden dominieren mit einem Anteil von rund 70 Prozent die Frauen. Ohlhoff erklärt das mit der größeren Naturverbundenheit und dem höheren Körperbewusstsein von Frauen. Tendenziell interessierten sich eher Ältere für Barfußschuhe. Allerdings beobachte man auch eine überproportional hohe Nachfrage nach den Kinderschuhen.

Es gibt weitere Hersteller von "echten" Barfußschuhen in Deutschland, zum Beispiel Sole Runner, Zaqq und die deutsche Zweigniederlassung des englischen Herstellers Senmotic, die seit 2010 Barfußschuhe produzieren. Sole Runner am Ammersee wurde von Thorsten Ludwig gegründet. Man verkauft nach eigenen Angaben rund 10 000 Paar Barfußschuhe im Jahr; sie kosten ähnlich viel wie Leguanos. Durch die Reduktion des Gewichts auf ein Minimum, 150 Gramm bei Größe 42, werde der Schuh am Fuß kaum bemerkt, erklärt Ludwig. Die Schuhe von Sole Runner unterscheiden sich im Design kaum von konventionellen Schuhen. Kunden seien Physiotherapeuten, Mediziner, Sportler und Körperbewusste, aber auch Spezialkräfte der Bundespolizei. Die Barfußschuhe der Zaqq GmbH aus Leipzig werden auch in eigener Manufaktur gefertigt, aber nur auf Bestellung. Sie bestehen aus weichem Leder und einer Sohle aus Kautschuk, die 3,9 Millimeter dünn ist. "Sie läuft sich kaum ab und ist ökologisch nachhaltig, weil wir auf lösemittelhaltigen Kleber verzichten", berichtet der Geschäftsführer von Zaqq, Matthias Hofmann. Angaben zu Stück- und Umsatzzahlen will er nicht machen. Vivobarefoot, Merrell, Lizard, Vibram Fivefingers und Zemgear sind ausländische Hersteller der "Minimalschuhe"; sie lassen in Asien produzieren.

Barfußlaufen oder "Natural Running" ist ein Trend, der auch zunehmend wissenschaftlich untersucht wird. "Wir wissen durch Studien unseres Instituts, dass die Art des Laufschuhs deutlichen Einfluss auf die Biomechanik des Gehens und des Laufens hat", sagt Hollander von der Hamburger Universität. "Wir wissen aber aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht, ob es gesünder ist. Wir sind gerade erst in einem Forschungsprojekt der Stadt Hamburg unterwegs, Querschnittanalysen zu machen und dadurch auf Kausalitäten schließen zu können."

 

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