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Im Karneval bekleiden sie Spitzenpositionen

Das größte Kostümkaufhaus der Welt steht in Frechen. So mancher Jeck bevorzugt aber Handgefertigtes – und greift dafür tief in die Tasche.

F.A.Z.

4.02.2016

Laura Schell

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Karneval ist nicht nur das größte Brauchtumsfest in Köln, sondern auch Wirtschaftsfaktor, Touristenmagnet und Kultur“, sagt Markus Ritterbach, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval. Aussagekräftige Zahlen zur ökonomischen Bedeutung des Karnevals gibt es aber nur wenige. Eine kommt vom Bund Deutscher Karneval, nach dessen Berechnungen in Deutschland rund 2Milliarden Euro im Karneval ausgeben werden. Andere stammen aus einer Studie der Boston Consulting Group von 2009. Danach löst allein der Kölner Karneval einen Umsatz von 460 Millionen Euro aus. 165 Millionen Euro entfallen auf die Gastronomie und 85 Millionen Euro auf Kostüme. Zu den größten Kostümausstattern der Kölner Region und Deutschlands gehören das Familienunternehmen Deiters GmbH aus Frechen und das Unternehmen Karnevalswierts. Seit Deiters im Oktober 2012 in Frechen das „größte Karnevalskostümkaufhaus der Welt“ eröffnet hat, bezeichnet es sich als Marktführer.

Auf einer Verkaufsfläche von 5000 Quadratmetern werden rund 2000 Kostüme und 20000 Accessoires angeboten. Allein zehn Polizeiuniformen stehen zur Auswahl, berichtet Marketingleiter Björn Lindert. Es gibt 110 Umkleidekabinen, 70 Mitarbeiter beraten die Kunden. Nach Aussage des Inhabers Herbert Geiss verkauft Deiters jährlich rund 1 Million Kostüme zu Preisen zwischen 10 und 700 Euro. Genaue Umsatzzahlen will das Unternehmen nicht nennen.

Bei der Wahl der Kostüme orientierten sich die Jecken an Kinoblockbustern, zum Beispiel an „Fluch der Karibik“, der eine Piratenwelle ausgelöst habe. In dieser Saison seien Star-Wars- und Minions-Kostüme stark gefragt. Flower-Power-Kostüme, Clowns, Indianer, Cowboys und Uniformen gehörten zu den Klassikern. Im Trend lägen seit zwei, drei Jahren auch Band-Outfits und Mottokostüme. Der absolute Renner seien immer noch Steampunk-Kostüme, eine aufwendige Verbindung von viktorianischer Kleidung aus dem 19. Jahrhundert mit futuristischen Technikelementen wie Roboterhänden.

Geiss hat rasch nur auf Karnevalskostüme gesetzt, als er 2003 mit 19 Jahren das Geschäft von seinem Onkel übernahm und seinen Vater in der Geschäftsführung ablöste. „Aus Erzählungen meines Vaters weiß ich von der Zeit, als die Kostümierung noch ganz einfach war und eine Chrysantheme am Revers genügte, um sich komplett verkleidet zu fühlen“, erzählt Geiss. Heute werde hingegen das Bunte und Vielfältige geschätzt. Der Psychologe und Brauchtumsexperte Wolfgang Oelsner erklärt: „Da machen Erwachsene noch einmal das, was wir als Kinder hoffentlich alle gemacht haben: Rollenwechsel, die berühmte Frage ,Was wäre, wenn – wenn ich als ein anderer auf die Welt gekommen wäre, wenn ich in einem anderen Stand, in einem anderen Land groß geworden wäre?‘.“ Diese Fragen handele man im Spiel ab. „Man akzeptiert, dass man nun einmal der ist, der man ist.“

Deiters betreibt zwanzig Filialen und beschäftigt rund 600 Mitarbeiter, viele davon als Aushilfen in der Saison. Zuletzt wagte man sich nach Berlin und Hamburg. Dort verkauft man zum Beispiel Kostüme für Halloween. Mit dieser Verkleidung erwirtschaftet Deiters rund 15 Prozent seines Umsatzes. Nun will das Unternehmen weiter expandieren, zum Beispiel mit Trachten für das Oktoberfest.

Wenige Kostümausstatter und Schneidereien haben sich auf Maßanfertigungen spezialisiert. Nach Angaben des Präsidenten des Bundes Deutscher Karneval, Volker Wagner, sind es vor allem drei Schneidereien, die den organisierten Karneval beliefern: Arenz aus Dernbach, Hintzen aus Korschenbroich und Monika und Maik Lüdtke aus Mülheim an der Ruhr. Die Arenz Textilgesellschaft mbH ist nach Angaben des Bundes Deutscher Karneval Marktführer in der Herstellung von Prinzenornaten und Kostümen für Tanzgruppen. Arenz beschäftigt 25 Mitarbeiter. Die Preisspanne für die aus hochwertigen Stoffen maßgeschneiderten Kostüme reicht laut dem geschäftsführenden Gesellschafter Josef Arenz von 250 Euro bis 650 Euro, ein Prinzenornat könne mehrere tausend Euro kosten. Die Herstellung könne bis zu 25 Stunden dauern. „Es ist zu beobachten, dass die Tanzkostüme leichter und elastischer werden. So hat bei unseren Gardekostümen der moderne Bi-Stretch-Samt den klassischen Baumwollsamt ersetzt, was die Kostümteile um etwa ein Drittel leichter macht“, erklärt Arenz. Der Umsatz liege im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.

Die Hintzen GmbH in Korschenbroich hat sich auf die Herstellung von Uniformen für Karnevalisten und Schützen spezialisiert. „Der Ursprung der Firma ist, dass nach dem Ersten Weltkrieg den verarmten Offizieren die Uniformen abgekauft wurden“, berichtet Unternehmenschef Helmut Hintzen. Das Unternehmen beliefert das Dreigestirn in Köln und die Prinzenpaare in Düsseldorf und Bonn. Es beschäftigt 24 Mitarbeiter. Der Jahresumsatz liege relativ konstant bei etwa 1,5 Millionen Euro, sagt Juniorchef Fabian Hintzen. Man fertigt im Jahr rund 1800 Uniformen und Gewänder, oft aus edlen Materialien wie Samt und weißer Kunstseide.

Die Herstellung eines aufwendigen Kostüms dauert etwa vier Monate. Die Anprobe und Fertigung der Kostüme für die Prinzenpaare der nächsten Saison beginne schon nach Aschermittwoch. Ein Schütze bezahlt im Schnitt für eine Uniform mit Zubehör etwa 500 Euro. „Ein Karnevalist muss für eine Gardeuniform allein etwa 500 bis 800 Euro hinlegen und ist mit Zubehör je nach Ausführung schnell bei 1500 bis 2500 Euro“, berichtet Fabian Hintzen. Der Preis für ein Prinzen- oder ein Prinzessinnenkostüm liege bei 3000 bis 6000 Euro – oder mehr.

Die Karnevalsuniformen gehen zurück auf die Zeit der Besetzung der linken Rheinseite durch die Truppen Napoleons, die aus Angst vor Aufruhr das karnevalistische Treiben verboten. Als die Franzosen flüchteten, blieben Uniformen und Helme zurück, die im später wiederauflebenden Straßenkarneval getragen wurden. Die Uniformen der Karnevalsgarden sind auch eine Persiflage auf das Militär. „Und eine Parodie wirkt nur dann, wenn man das Original sehr, sehr gut kopiert, um dem dann im entscheidenden Moment einen völlig anderen Dreh zu geben“, erläutert Psychologe Oelsner. Als Beispiel nennt er das Stippeföttche, bei dem zwei Gardisten ihr Hinterteil zeigen, aneinanderreiben und damit zeigen, was sie von dem militärischen Ritual halten.

Auf Karneval spezialisiert hat sich auch die Monika u. Maik Lüdtke GbR, eine der wenigen deutschen Nähereien, die Kostüme für Tanzgarden herstellen. Das Unternehmen beschäftigt drei feste Mitarbeiterinnen und drei bis vier Aushilfen. Der Kundenkreis besteht nach Angaben der Geschäftsführerin Monika Lüdtke zu 95 Prozent aus Karnevalsvereinen. 5 Prozent seien Privatpersonen, darunter auch Männer, die an Travestieshows teilnähmen. Rund 50 Garden stattet man jedes Jahr aus. Die Preisspanne reicht von 90 bis 525 Euro, der Jahresumsatz beläuft sich nach eigenen Angaben auf rund 250000 Euro und ist relativ stabil.

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