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Farbe bekennen für die, die keine Farbe kennen

Ein portugiesischer Designer hat ein System entwickelt, mit dem sich Farbenblinde zum Beispiel in U-Bahnen und Krankenhäusern zurechtfinden. Immer mehr Unternehmen kooperieren mit ihm.

F.A.Z.

8.06.2018

Tomás Franco

Deutsche Schule zu Porto, Porto

Wo finde ich die Linie zum Stadtzentrum?“ „Die grüne Linie ist die, die Sie suchen“, erwidert der Angestellte der U-Bahn in Porto. Dem farbenblinden Tomás Roll hilft das allerdings nicht weiter. Für ihn sind alle Bahnlinien in etwa derselben Farbe. Der achtzehnjährige Schüler schaut auf die Karte an der Wand der U-Bahn-Station und versucht zu verstehen, welche der Linien die grüne ist. Doch auch die Karte hilft ihm nicht.

Oder doch? An den Stationen, an denen eine U-Bahnlinie anfängt oder endet, findet er ein kleines Symbol. Dieses Symbol variiert von Linie zu Linie. Er merkt sich das kleine Zeichen, dreht sich um und findet auf dem anderen Bahnsteig ein Schild, auf dem dasselbe Symbol zu sehen ist. Er schaut begeistert wieder auf die Karte, auf der sich links unten ein wohl buntes Logo befindet, neben dem „ColorADD“ steht – das portugiesische „Farbenalphabet“ hat Roll das Leben deutlich erleichtert.

Die Farbenblindheit habe seine ersten künstlerischen Leistungen in der Schule beeinträchtigt, erzählt der junge Mann. „In der Grundschule musste ich einmal eine Kartoffel ausmalen. Dafür bekam ich eine glatte Sechs. Ich hatte sie rot ausgemalt. Dann hat meine Mutter der Lehrerin erklärt, dass ich farbenblind sei. Und ich bekam eine Zwei plus.“ Kleidung kaufe er immer mit seiner Mutter. „Damit sich die Farben nicht beißen.“ Insgesamt stießen Farbenblinde gegen viele Hindernisse, berichtet Roll.

„Farbe für alle“ lautet das Motto des Sozialunternehmens Coloradd, das der portugiesische Designer Miguel Neiva 2010 in Porto gegründet hat. „Coloradd erlaubt Farbenblinden, Farben zu identifizieren, immer wenn sie ein Entscheidungs-, Orientierungs- oder Identifikationsfaktor sind“, erklärt der Designabsolvent des College of Art and Design in Porto. Mit sechs Jahren habe er einen farbenblinden Freund gehabt, der deswegen von Spielen ausgeschlossen worden sei. Diese Erfahrung habe ihn dazu gebracht, in seiner Masterarbeit an der Universidade do

Minho im Norden Portugals ein universales Farbenalphabet zu entwickeln. Die „Sprache“ zur Identifizierung von Farben sollte nicht nur seinem Freund bei der Integration in die Gesellschaft helfen, sondern nach Angaben des Sozialunternehmers möglichst vielen der etwa 350 Millionen Menschen, die auf der Welt unter Farbenblindheit leiden. „Etwa 10 Prozent der männlichen Weltbevölkerung und 0,5 Prozent der weiblichen ist farbfehlsichtig“, berichtet der 47-Jährige.

In einer Umfrage für seine Masterarbeit fand Neiva heraus, dass 42 Prozent der Farbenblinden der Ansicht seien, eine vollständige Integration sei schwierig. In manchen Ländern dürfen Farbenblinde aus Sicherheitsgründen bestimmte Berufe wie Polizist, Feuerwehrmann oder Pilot nicht ergreifen, oder sie dürfen, wie in Brasilien, kein Auto fahren.

90 Prozent der Kommunikation beruhe auf Farbe, heißt es auf der Internetseite von Coloradd. Neivas Farbenalphabet ist ein universales Symbolsystem und an jedem Ort einsetzbar, in jeder Kultur, Sprache und Religion. „Kleidung, Bildung, Transport und Gesundheit sind die entscheidenden Bereiche, in denen der Coloradd-Code die Farbenblinden am meisten unterstützt“, erklärt der Designer.

In der U-Bahn von Porto, bei den Kleidungen des portugiesischen Textilhändlers Zippy sowie im Krankenhaus São João in Porto, in dem die Orientierung im Gebäude auf Farben basiert, habe man das Farbenalphabet zunächst erfolgreich eingesetzt. „Mit der portugiesischen Regierung hat Coloradd ein Protokoll unterzeichnet, in dem festgelegt worden ist, dass in allen Staatsexamen der Code bei farbigen Grafiken und Karten den Schülern zur Verfügung gestellt werden sollte.“ Das Kartenspiel „Uno“ kann mit der Symbolsprache gekauft werden. Der Buntstifthersteller Viarco und die Badeanzugsmarke Nortada hätten ebenfalls die Idee auf ihre Produkte übertragen. Das deutsche Unternehmen Montana Cans verkaufe seine Farbsprays mit dem Code. Und auch das deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim kooperiere mit Coloradd. „Heute ist Coloradd in mehr als 300 Projekten involviert, und das in mehr als 80 Ländern“, sagt Neiva.

Beim Farbenalphabet handelt es sich um Symbole, die für eine bestimmte Farbe oder einen Farbton stehen. Hätte Neiva für jede Farbe ein Symbol genommen, wäre es anstrengend, sich die verschiedenen Symbole zu merken. Coloradd fußt deshalb auf der Drei-Farben-Theorie, die schon in den ersten Schuljahren gelehrt wird: Unterschiedliche grafische Symbole stehen für die drei Primärfarben Blau Rot und Gelb. Aus der Mischung zweier dieser Farben entstehen die Sekundärfarben, und diese, wiederum kombiniert mit einer Primärfarbe, ergeben eine Tertiärfarbe. Die Überlappung der Farben wird durch die Zusammenfügung der Symbole für die Primärfarben dargestellt. Die Farbe Blau zum Beispiel wird durch ein Dreieck angegeben, Gelb mit einer schrägen Linie. Bringt man diese zwei Symbole zusammen, wird Grün repräsentiert. Wenn ein Symbol auf einem weißen oder schwarzen Hintergrund dargestellt ist, dann ist der Farbton hell oder dunkel.

Bis ein Unternehmen das Symbolsystem einsetzen kann, dauert es etwa vier Jahre. Coloradd simuliere die Produkte aus der Sicht eines Farbenblinden. „Wir sensibilisieren die Interessierten dafür, dass ihre Produkte nicht von allen Kunden gleich gesehen werden“, sagt Neiva, während sein weißer Hund durch das Büro spaziert. Für die Nutzung des Codes zahlen die Kunden eine Lizenzgebühr. Unternehmen mit einem hohen Umsatz müssen höhere Beträge bezahlen als beispielsweise gemeinnützige Organisationen. Diese Lizenzen ermöglichten 2016 einen Umsatz von etwa 100 000 Euro; seit 2010 ist der Umsatz gestiegen. „Wir versuchen ein nachhaltiges Wachstum zu haben; aber wir sehen den Profit nicht als Ziel – er ist eine zwangsläufige Folge“, erklärt Neiva, der auch als Professor an der Universidade do Minho tätig ist. „Damit wir weitere Unternehmen und Organisationen erreichen und mit ihnen neue Projekte entwickeln können, muss Coloradd mehr einnehmen als ausgeben.“ Zu seinen Zukunftsplänen sagt Neiva: „Dieses Jahr möchten wir mehr Partnerschaften in Deutschland eingehen.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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