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Ein Künstler hinterlässt tiefe Wunden

Nick Krützfeldt goss die Füße der kleinen Hobbits, nun üben Studenten an seinen Modellen

F.A.Z.

2.06.2016

Matthias Pilgram

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Igitt, wie eklig!“ Diesen Ausruf hört Nick Krützfeldt nicht selten. Für ihn ist eine solche Reaktion allerdings positiv. Krützfeldt arbeitet in der kleinen Branche der Hersteller von Spezialeffekten und Requisiten für Filme und Events. Es seien gerade einmal etwa zehn Unternehmen, die sich in Deutschland auf die Anfertigung solcher Produkte spezialisiert hätten, sagt Krützfeldt. Ein Beispiel ist das Berliner Unternehmen Design of Illusion, das mit sechs Mitarbeitern unechte Tote, Monster und Effekt-Requisiten herstellt. Auch in der Werkstatt von Krützfeldt, der sich als Effektdesigner bezeichnet, stapeln sich Finger, Ohren, Füße und plastische Make-up-Elemente, die Schauspielern aufgeklebt werden. Monstermasken, Kopfbedeckungen aus Silikon und die Umarbeitung von Kostümen bietet der Jungunternehmer ebenfalls an.

Im Unterschied zu den anderen Spezialeffekte-Unternehmen konzentriert sich Krützfeldt auf den medizinischen Bereich. 70 Prozent seines Einkommens erziele er mit diesen Produkten, berichtet er. Seine Kunden sind vor allem Medizinstudenten, Universitäten und Großhändler. Die Studenten nutzen Krützfeldts kuriose Narben und seine täuschend echten Wunden zu Übungszwecken – von offenen bis zu eitrigen Exemplaren ist alles vorhanden. Die selbstklebenden Wunden lassen sich auseinanderziehen und reinigen. Studenten können an ihnen das Desinfizieren und Verbinden lernen.

„Für die Erstproduktion einer Wunde brauche ich eine Woche und vier Stunden für die Reproduktion, was 40 Prozent meiner Arbeitszeit ausmacht“, erläutert Krützfeldt. Eine besonders positive Reaktion habe er von Erler-Zimmer bekommen. Der Hersteller von Medizintechnik und anatomischen Modellen lobt, dass die aufwendige Farbgebung die Haut lebensecht aussehen lasse und die Haptik der Wunden kaum von echter Haut zu unterscheiden sei. Eine Wunde kostet rund 550 Euro. Bis zu zehn Unikate verkauft der Unternehmer im Monat. Inzwischen hat er sich das Herstellen künstlicher Wunden zu Lehrzwecken patentieren lassen.

Auf seinen Beruf gekommen ist er durch seine Leidenschaft für Live-Rollenspiele. Da er sich hochwertige Kostüme nicht leisten konnte, fertigte er sie selbst an. Nach dem Abitur konnte Krützfeldt 2011 und 2012 in dem Produktionsteam des wohl bedeutendsten Spezialeffekte-Unternehmens der Welt, Weta Workshop, in Neuseeland arbeiten. Weta fertigte die Spezialrequisiten für Hollywood-Produktionen wie Elysium, Der Herr der Ringe, Avatar, Die Chroniken von Narnia und die Hobbit-Triologie. „Dort habe ich verstanden, dass es nicht schlecht ist, große Träume mit aller Kraft und Hingabe in die Tat umzusetzen“, erzählt Krützfeldt. Aus Silikon goss er die Füße der kleinen Hobbits und Requisiten für Elysium. Zurück in Deutschland, gründete er in Köln ein Ein-Mann-Unternehmen mit dem Namen Captn Clown Essential Effects.

Für einen Spezialvertrieb stellt der Effektdesigner Zeigefinger her, die sich bei genauem Hinsehen als USB-Sticks erweisen. Auch Privatkunden, die sich für Live-Rollenspiele interessieren, sowie Filmunternehmen und Filmstudenten kaufen die Produkte. Verwendete Materialien sind Silikon, Aceton, Polyesterharz, Polyurethan und verschiedene Schäume. Für einen Auftrag aus Saudi-Arabien musste Krützfeldt neue Farbpigmente für die Haut herstellen. Masken-Spezialanfertigungen kosteten mindestens 1000 Euro, aber schnell auch 1500 Euro, berichtet Krützfeldt.

Er sei froh, dass er im dritten Jahr seiner Selbständigkeit „weder Schulden beim Staat hat noch bei den eigenen Eltern, dem Finanzamt oder der Bank“ und dass er in der Lage sei, seine gelegentlich zum Einsatz kommenden freien Mitarbeiter zu bezahlen. Im vergangenen Jahr habe er alleine durch den Verkauf von Wunden rund 24000 Euro Umsatz erwirtschaftet, 2014 waren es erst 15000 Euro. Für das laufende Jahr rechnet er mit mehr als 50000 Euro. Seine Kosten seien allerdings hoch. Drei- bis viermal im Jahr bestelle er Material, jedes Mal für rund 1000 Euro. Die Mietkosten beliefen sich auf 6000 Euro im Jahr.

Zu Anfang brächten viele Modelle noch keinen Ertrag. Wenn das Modell dann fertig und bestätigt sei, zum Beispiel von der dermatologischen Fakultät einer Universität, dann könne er Kopien anfertigen und verkaufen. „Ab der zweiten Wunde fallen dann Umsatz und Gewinn an.“

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