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Echte Schönheit wird krumm genommen

Schlaffe Backen und Tränensäcke machten aus Del Keens ein gefragtes Model. Nun betreibt er eine ungewöhnliche Agentur.

F.A.Z.

1.10.2015

David Kießling

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Viele Jugendliche glauben, alle Models sehen so aus wie Heidi Klum und ihre Kandidatinnen in "Germany's Next Topmodel". Dass das nicht stimmt, zeigt eine Modelagentur in Berlin; sie heißt Misfit Models und wurde von Del Keens gegründet. Um dort registriert zu werden, benötigt man statt Traummaßen optische Ecken und Kanten, wie Keens sie auch hat. Auf dem Modelmarkt hätten "echte" Menschen große Chancen, ist Keens überzeugt.

Er selbst wurde 1992, als er Anfang zwanzig war, von einem Londoner Fotografen, der als Modelscout arbeitete, wegen seines Aussehens angesprochen. Keens hat dicke Tränensäcke, schlaffe Backen und ein fliehendes Kinn. In seiner Kindheit und Jugend schämte er sich dafür. Deshalb hält Keens es zuerst für einen Witz, als der Fotograf ihn zu einer Modelagentur schicken möchte. Doch dann erfährt er, dass die Londoner Agentur mit dem Namen "Ugly Models" eine Agentur für etwas andere Models ist. Keens wird in die Kartei aufgenommen.

Keens, der, wie er sagt, ein "shit home" hatte, der mit 14 Jahren die Schule abbrach und im Londoner Süden mehr oder weniger auf der Straße aufwuchs, bekommt 1992 seinen ersten Modeljob für eine Fotostrecke in der italienischen "Vogue". Geworben wird für Hemden. "Die haben Leute gesucht, die drogenabhängig aussehen", erzählt Keens. Bald wird er von Calvin Klein, Diesel, Levi's, Renault und anderen großen Marken gebucht. Er soll das einzige Model sein, das jemals für die drei größten Jeansmarken gemodelt hat. Plötzlich wird Keens auf der Straße erkannt, mit seinem Mund voller Zahnruinen, dem schütteren Bart, der geölten Haartolle und den Segelohren. Er bekommt für einen Auftrag so viel wie ein normales Jahresgehalt. "Sogar Roman Polanski hat mich angerufen, wollte mich für den Film ,Ghostwriter' haben, aber ich konnte nicht Auto fahren oder nicht besonders gut."

Als Keens älter wird, ebbt der Erfolg ab. Im Alter von Mitte dreißig geht er nach Berlin - und bekommt keine Aufträge mehr. Allerdings gibt es hierzulande keine Agentur für Hässliche. 2011 gründet Keens Misfit Models mit ihm als Model und Geschäftsführer. Er sucht nach Menschen, die trotz oder wegen ihres vielleicht nicht ganz so ansprechenden Aussehens in Erinnerung bleiben. Menschen mit Macken, großen Tattoos, vielen Piercings. Aussicht auf Erfolg hätten auch Menschen mit hängendem Bauch, schiefen Zähnen oder Verbrennungen.

Ein gutes Beispiel ist der Berliner Boris Ekowski, den der Brite unter Vertrag hat. 2012 stand Ekowski für die Autovermietung Sixt und den Mobilfunkanbieter O2 vor der Kamera. Mit seinen dicken Brillengläsern und seiner schmächtigen Figur sieht er wie ein Doppelgänger von Woody Allen aus. Die Kartei von Misfit Models umfasst mehr als 375 Personen. Im April vergangenen Jahres waren es erst 150. Wichtig sind Keens Verlässlichkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein. Zumindest in Deutschland gebe es keine ernstzunehmenden Konkurrenten, sagt er. Seine Agentur wachse stetig. Im ersten Jahr hatte er nur einen Auftrag, im zweiten waren es drei. Inzwischen erreichten ihn wöchentlich 30 bis 40 Auftragswünsche, sie mündeten in zehn oder mehr Aufträgen. 2014 habe der Umsatz noch im mittleren fünfstelligen Bereich gelegen, in diesem Jahr entwickle er sich deutlich nach oben. Geholfen habe die Ausstrahlung einer Dokusoap über ihn und seine Models im Sender National Geographic. Manche Aufträge brächten nur einige hundert Euro ein. Für eine große Kampagne seien mehrere tausend Euro möglich.

Im Juli 2013 schaltete der Autovermieter Sixt die Kampagne "Modelle", in der Keens, Ekowski und zwei weitere Misfit-Models vor Premium-Fahrzeugen in Damenbadeanzügen posieren. Keens räkelt sich im goldenen Badeanzug vor einem roten BMW-Cabrio. Darunter steht: "Bei dem Model ging was schief, dafür ist der Mietpreis attraktiv." 2014 wirbt das Düsseldorfer Unternehmen Germanmade GmbH, ein Hersteller für Smartphone- und Tabletzubehör unter dem Motto "Einzigartige Models für einzigartige Produkte". Es präsentiert seine Produkte mit beleibten, alten, behinderten und kleinwüchsigen Models aus der Agentur von Keens. "Germanmade arbeitet in der Fertigung seiner Accessoires mit natürlichen Materialien, die Macken aufweisen können", sagt Geschäftsführerin Nina Plum. Das passe zu den Misfit-Models.

20 Prozent der Gage verlange er für Vermittlung und Agenturtätigkeit, sagt Keens. Besonders gefragt seien derzeit Models mit Tattoos und Übergrößen-Models. Auf der Homepage finden Kunden eine gepiercte Pooldancerin mit tätowiertem Gesicht ebenso wie einen Lehrer, der sich Motive des Schweizer Künstlers HR Giger diagonal über seinen Körper hat tätowieren lassen. "Ich habe viel Geld für meinen Körper ausgegeben, jetzt soll's wieder reinkommen", verkündet er auf seiner Facebook-Seite.

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