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Die Natur erlebt ihr blaues Wunder

Vor zwanzig Jahren war sie kaum bekannt, heute ist die Blaubeere des Deutschen beliebteste Strauchbeere. Sie anzubauen ist nicht ganz einfach.

F.A.Z.

2.07.2015

Laura Ostermann

Campe-Gymnasium, Holzminden

Jeder kennt heute die Heidelbeere, Blaubeere, Schwarzbeere, Mollbeere oder wie auch immer sie genannt wird. „Anfang der neunziger Jahre war die Blaubeere noch ein echter Exot“, sagt Christina Badenhop, Geschäftsführerin von Heermanns Blaubeerland aus Grethem in Niedersachsen. Zum ersten Mal habe sie Wilhelm Heermann schon 1928 versuchsweise gezüchtet. Er experimentierte mit Sorten, die in amerikanischen Wäldern wuchsen und die er als Erster nach Deutschland eingeführt hatte. 1934 gründete er den ersten Blaubeerbetrieb in Deutschland. Heute ist Heermanns Blaubeerland nicht mehr der größte deutsche Heidelbeerbetrieb. Eine der größten Anbauflächen besitzt mit 100 Hektar die Spargelhof Thiermann GmbH & Co. KG aus dem niedersächsischen Kirchdorf. Nach Angaben von Isabel Thiermann, einer Tochter des Hofes, stehen zum Beispiel der Vermarktungsorganisation „Die dicken Blauen“ sogar 300 Hektar zur Verfügung; sie ist ein Zusammenschluss mehrerer Anbauer.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes machte die Kulturheidelbeere 2014 mit 12100 Tonnen 34 Prozent des Strauchbeeren-Ernteertrags aus. Sie ist die am meisten geerntete Strauchbeere Deutschlands, gefolgt von der Schwarzen, Weißen und Roten Johannisbeere und den Himbeeren im Freiland. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einer Steigerung von knapp 18 Prozent bei einer fast gleichen Anbaufläche von etwa 2100 Hektar.

Am besten gedeihen die Beeren in Heide- und Moorlandschaften, in leicht bewachsenen Wäldern oder im Garten auf saurem Heideboden. Nach Angaben von Badenhop erfolgt „erst sechs Jahre nach der Anpflanzung das erste Mal eine nennenswerte Ernte“. Heermanns Blaubeerland setzt auf die traditionsreichen, fest umzäunten Plantagen, die sich oft in Waldgebieten befinden und in denen auch Vögel und Insekten Unterschlupf finden. Allerdings können unter anderem Stare den Beeren schaden, und die einzige sinnvolle Möglichkeit, dies zu verhindern, wäre das Einnetzen der Pflanzen. „Das ist zum einen teuer und schützt nicht gegen Insektenplagen, zum anderen hindert man die Bienen so, die Pflanzen zu bestäuben“, erklärt Badenhop.

Insgesamt mache die Anbaufläche etwa 80 Hektar aus, auf denen ein Ernteertrag zwischen 6 und 12 Tonnen je Hektar erreicht werde, je nach Sorte und Standort. „Die Erntemenge ist vom Alter der Pflanze abhängig, vom Schnitt und von möglichen Ernteausfällen durch Hagel oder Frost“, ergänzt Isabel Thiermann. Im späteren Ernteverlauf fielen viele kleinere Beeren an, die an die Industrie für die Herstellung von Saft und Marmelade vermarktet würden.

Heermann hat bisher etwa 100 Sorten kultiviert. Die Auswahl richtet sich unter anderem nach der Wintertauglichkeit. Doch auch zu milde Winter können den Beeren schaden, wenn in einer folgenden Frostphase schon früh entwickelte Triebe oder Blütenansätze erfrieren. Um dies zu verhindern, werden die Blaubeeren in kalten Nächten beregnet, denn das Wasser gibt Energie ab, wenn es gefriert. Diese Wärmeenergie schützt die Blüten vor Temperaturen unter null Grad.

„Heute kommen die Sorten, die im Handel sind, meist aus den Vereinigten Staaten, Neuseeland oder auch Australien, da Züchtung teuer ist und vorwiegend im Ausland betrieben wird“, erklärt Badenhop. Auch auf der ganzen Welt steigt der Bedarf an Heidelbeeren. Eine Studie im Auftrag des North American Blueberry Council prognostiziert für 2017 eine Produktion von rund 650000 Tonnen, dreimal so viel wie 2005. Besonders hoch ist das Wachstum in China. Nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI) werden die meisten Blaubeeren in Nordamerika angebaut. Doch auch in Südamerika, besonders in Chile, Argentinien und Uruguay, werden viele Beeren geerntet und größtenteils exportiert. In Europa findet man die größte Anbaufläche in Polen, es folgen Deutschland, Spanien und Frankreich.

„Im Lebensmitteleinzelhandel kosten Blaubeeren zum Beispiel aus Chile, Argentinien oder Peru zwischen 7 und 12 Euro je Kilogramm. Unsere Blaubeeren sind in der Saison zwischen 5 und 7 Euro je Kilogramm zu haben“, berichtet Badenhop. „Doch wegen des Mindestlohns und neuer Anforderungen in Sachen Pflanzenschutz können wir die Preise keinesfalls halten.“

„Die Blaubeere steht bei Ernährungswissenschaftlern hoch im Kurs. Das liegt vor allem an ihrem hohen Gehalt an sekundären Pflanzenstoffen, sogenannten Antioxidantien, die im Körper helfen, giftige Stoffwechselprodukte zu entsorgen“, sagt Badenhop. Die Beeren werden von Juli bis September geerntet. Sie können nicht nass gepflückt werden, da sie dann weniger haltbar sind. Geerntet wird mit der Hand und mit Vollerntemaschinen. „Der Ernteertrag per Hand beträgt zwischen 4 und 10 Kilogramm in der Stunde“, sagt Badenhop. Wie viel eine Maschine ernte, könne man nicht sagen. „Manchmal muss man das Ernten mit dem Vollernter einstellen, da sich die Beeren nicht ausreichend vom Busch lösen. Manchmal ist es zu feucht, manchmal fallen zu viele unreife Beeren mit ab.“ Die meisten mit der Maschine geernteten Beeren landeten im Tiefkühlbereich.

Heermanns Blaubeerland verkauft den Großteil der Beeren an Konzerne wie Bünting, Edeka und Metro. „Unsere Heidelbeeren werden im Hofladen, auf Wochenmärkten und im Einzelhandel angeboten. Außerdem haben wir ein Gastronomiezelt auf unserem Hof, wo von April bis Oktober Gerichte mit den bei uns geernteten Früchten angeboten werden“, erzählt Isabel Thiermann.

Während 2006 noch 95 Prozent der in Deutschland gekauften Heidelbeeren auch in Deutschland angebaut wurden, waren es 2013 nur noch 64 Prozent, wie die AMI festgestellt hat. Die Früchte werden immer stärker importiert, auch weil sie das ganze Jahr über nachgefragt werden. Da immer mehr Anbauer am deutschen Markt teilhätten und der Import steige, spüre Heermanns Blaubeerland eine negative Umsatzentwicklung, sagt Badenhop. „Die Blaubeerpreise sind im vergangenen Jahr sehr niedrig gewesen.“

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