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Die Jagd und ihre ewigen Gründe

Das hobbymäßige Töten von Tieren ist umstritten. Jäger sehen sich freilich als Naturschützer – sie müssen eine umfangreiche Ausbildung absolvieren.

F.A.Z.

11.06.2015

Andreas Schmalzbauer

Lise-Meitner-Gymnasium, Grenzach-Wyhlen

Sind Jäger arrogante Snobs, die durchs Unterholz schleichen, das Töten von Tieren als Freizeitsport betrachten und keine Ahnung von Wald und Umwelt haben? So sieht das der Leiter der Initiative zur Abschaffung der Jagd, Kurt Eicher. Er findet, dass Jäger „die sind, die jährlich 150 000 Kilogramm Blei umherschießen und 5 Millionen Waldbewohner wie Rehe, Hasen und Füchse töten“. Jäger haben da eine ganz andere Auffassung. Zumindest müssen sie in Deutschland viel lernen, um ihrer Passion nachgehen zu dürfen. Sie müssen eine Jagdschule besuchen und das „grüne Abitur“ bestehen. „Mit der Jägerprüfung erlangt man das einzige, wirklich angesehene Zertifikat für Naturschützer“, behauptet Roland Heller, Besitzer der Jagdschule in Inzlingen in Südbaden.

Dieses Abitur ist allerdings nicht leicht zu erwerben. „In Deutschland gibt es zwischen 250 und 450 Jagdschulen. Es gibt Schulen, die nur einen Kurs im Jahr anbieten und weniger als zehn Anwärter, ja nicht einmal fünf Teilnehmer haben“, erläutert Ralf Salzmann, Geschäftsleiter der Jagen Lernen JL GmbH im saarländischen Überherrn. Die Bandbreite reiche von professionellen Schulen wie den Jagdschulen Jagen Lernen JL GmbH, die jährlich mehr als achtzig Kurse an zwei Standorten anböten, bis hin zur Jagdschule einer Kreisgruppe eines Landesjagdverbandes mit einem Kurs im Jahr.

„Ich habe mich im Internet darüber informiert, welche Jagdschule die beste ist“, erzählt Tobias Fahnenstich, Assistenzarzt in Lörrach. „Dort kann man mehrere als ,sehr gut‘ bewertete finden. Ich habe mich für die Jagdschule Linslerhof im Saarland entschieden und den dreizehntägigen Kompaktkurs gebucht.“ Die Ausbildung besteht aus drei Teilen, Waffenhandhabung und Schießen, einer schriftlichen Prüfung mit 120 Multiple-Choice-Fragen und einer mündlichen Prüfung, die sich über fünf Fächer, zum Beispiel Naturschutz im Wald, erstreckt. Besonders wichtig ist das präzise Schießen, damit schnell und schmerzlos getötet wird. „Meine Schüler müssen am Ende ihrer Ausbildung in der Lage sein, in einer Distanz von mehr als 100 Metern ein Hühnerei zu erlegen“, sagt Heller.

Unterrichtet werden Waldbiologie, Waffenrecht, Land- und Waldwirtschaft sowie Jagdhundewesen und Waffenhandhabung. Zum Unterricht gehören mindestens sechzig Theorie- und Praxisstunden. Die praktische Ausbildung umfasst Tontauben-, Bewegungs- und Distanzschießen, aber auch Pflanzenbestimmung, Reviergänge und praktische Anatomie des Wildes. „Das Auseinandernehmen des Wildes nach EU-Lebensmittelrecht ist ungemein wichtig, da Jäger das erlegte Tier direkt verkaufen können“, erklärt Heller.

Die Kosten der Ausbildung variieren beträchtlich. Es gibt zum Beispiel Wochenendkurse für Studenten und Schüler, aber auch Exklusivveranstaltungen mit nur einem Teilnehmer, der dann bei einem Preis bis zu 9000 Euro tief in seinen Jagdrock fassen muss. Der Standardkurs mit etwa zwanzig Schülern kostet bei einer Dauer von drei bis acht Wochen ungefähr 2000 Euro. Voraussetzungen für die Zulassung sind die Vollendung des 15. Lebensjahres und ein „lupenreines Führungszeugnis“, wie Heller sagt.

Nach bestandener Prüfung muss man einen Jagdschein beantragen. In den ersten drei Jahren darf der Jungjäger noch keine Jagd pachten. „Danach muss man entweder alleine ein Revier in einer Größe von mehr als vierzig Hektar pachten, was jährlich zwischen 8 und 14 Euro je Hektar kostet, oder man teilt sich Kosten und Arbeit mit mehreren Jägern“, berichtet Heller. Als unvorhersehbare „Nebenkosten“ können Jagdschäden hinzukommen, die sich in Extremfällen auf bis zu 30000 Euro belaufen können, wie der Jäger Norbert Seifert sagt. Entschädigungen für solche Schäden müssen die Jäger an die Bauern in ihrem Revier zahlen.

Zusammen mit dem Jagdschein bekommt man eine Waffenbesitzkarte. Sie erlaubt das Tragen der Waffe im Revier. Der Besitz von Waffen, die gebraucht ab 200 Euro zu haben sind, aber auch mehr als 40000 Euro kosten können, zieht regelmäßige, unangekündigte Kontrollen vom Landratsamt nach sich. Waffen und Waffenbesitzkarte werden schon bei einem Verstoß gegen das Alkohollimit im Straßenverkehr entzogen.

Die einzige Einnahmequelle der Jäger ist der Verkauf ihres Wildes. „Ein durchschnittliches Wildschwein von 60 Kilogramm erzielt ungefähr 300 Euro“, sagt Heller. Die Referenten an seiner Jagdschule bilden nicht im Hauptberuf aus. Kleine Jagdschulen versuchten, wenigstens kostendeckend zu arbeiten. Die Jagdschulen in Deutschland sind privat organisiert, was die Finanzierung erschwert.

Die Jagdschule von Hanne Gratz im Saarland gehört zu den größeren Einrichtungen. Dort kann man von dem Gewinn gut leben. „Die durchschnittliche Schülerzahl liegt bei uns bei etwa 150 Anwärtern im Jahr. Am meisten wird unser Fern-Kompakt-Kurs gebucht“, sagt Gratz. Der teure Kompaktkurs kostet rund 3000 Euro, der billige Wochenendkurs 1850 Euro.

„Die Jagdschule Jagen Lernen JL GmbH am Linslerhof gehört sicherlich zu den größten Jagdschulen in Deutschland“, sagt Ralf Salzmann. Es gibt fünf angestellte Mitarbeiter, darunter drei Dozenten. Weitere vier Dozenten sind freiberuflich tätig. Zum Team gehört auch eine Falknerin. „Der Anteil unserer Schüler, die einen Managerkurs, also eine Einzelausbildung belegen, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen“, sagt Salzmann. Das liege an der guten Infrastruktur mit Hotel, Gastronomie und Schießstand. „Der Preis für die Individualkurse beträgt 5900 Euro.“ Für dieses Jahr rechnet die Schule mit 300 bis 400 Schülern.

Die Größe allein sei aber kein Indikator für die Leistungsfähigkeit einer Jagdschule, erklärt Salzmann. Neben dem Ausbilderteam sei die Ausstattung das wichtigste Kriterium. „Bei uns am Linslerhof stehen neben einem Wildpräparate-Raum Räume für Lang- und Kurzwaffenschulung, Theorieräume sowie Jagdhütte mit Jagdparcours zur Verfügung.“ Außerdem gibt es einen Schießstand mit 4 100-Meter-Bahnen, ein Schießkino, einen Kurzwaffenstand und eine Kipphasenanlage für den Schrotschuss. Alles ist unterirdisch und somit von Wetter, Jahres- und Tageszeit unabhängig.

Die Erfolgsquote der Schulen liegt durchschnittlich bei 85 Prozent. 2014 gab es nach Angaben des Deutschen Jagdverbands 369314 registrierte Jagdscheininhaber, von denen rund 60000 in Niedersachsen zugelassen waren. Dies ist ein Anstieg von knapp 16 Prozent gegenüber 1991. Die meisten Jäger in Europa, mehr als 1,3 Millionen, findet man in Frankreich. An zweiter Stelle liegt Spanien mit 980000 Jägern. Die Jagdprüfung in Frankreich sei allerdings weniger komplex als die deutsche, sagt Salzmann. Zudem habe die Jagd in Frankreich eine lange Tradition und sei sehr angesehen.

„Unter den Jägern sind alle Altersschichten vertreten, und die Frauenquote liegt bei 25 Prozent, Tendenz leicht steigend“, sagt Heller. Die meisten angehenden Jägerinnen kommen aus der Stadt, die Männer eher vom Land. Warum man Jäger wird, zeigt eine Umfrage des Deutschen Jagdverbands. 86 Prozent gehen gerne in die Natur, 74 Prozent wollen die Natur schützen, 73 Prozent haben Freude am Jagen, 56 Prozent essen gerne Wild, und 41 Prozent haben Interesse an Waffen. Die Jungjäger kommen aus vielen Berufsgruppen, 25 Prozent aus dem Dienstleistungsbereich; zu ihnen gehören Ärzte, Steuerberater und Rechtsanwälte. 13 Prozent sind in handwerklichen Berufen tätig, 8 Prozent sind Beamte und nur ein Prozent Wissenschaftler.

Die Jagdgegner behaupten, Jägern gehe es nur darum, Tiere zu töten. Dem widerspricht Jäger Norbert Seifert. „Jäger lieben die Natur. Sie kennen am besten die Zusammenhänge zwischen der Lebensweise der Tiere und der Umwelt.“ Tobias Fahnenstich sagt: „Ich wollte vor allem viel über die Pflanzen und Tiere lernen und wie man am besten die Natur schützen kann.“ Jäger sorgten auch für Balance. „Die Menschen haben schon zu sehr in die Natur eingegriffen, das heißt, die Beute hat keine natürlichen Räuber mehr wie den Wolf oder den Bären“, erklärt Seifert und fügt hinzu: „Die Tiere, die ich töte, hatten eine bessere und vor allem schönere Vergangenheit als die armen Tiere in der Massentierhaltung.“

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