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Der Schilderwald ist nicht zum Schießen

Ein Fürther Mittelständler stellt Schilder her, die jeder kennt.

F.A.Z.

3.01.2019

Joshua Zettelmeier

Bayernkolleg Schweinfurt, Schweinfurt

Wir sind Miele im Bereich der Kennzeichnungssysteme“, sagt Matthias Lunz, Geschäftsführer der Franken Plastik Holding GmbH aus Fürth, schmunzelnd. Zusammen mit seinem für das Technische zuständigen Partner Andreas Walter leitet der gelernte Industriekaufmann das Unternehmen mit rund 60 Mitarbeitern. Gegründet wurde Franken Plastik 1957. „Wir haben eine spannende Nische gefunden, in der wir einen Jahresumsatz von 8 bis 8,5 Millionen Euro erwirtschaften, Tendenz steigend.“

Der größte Geschäftsbereich ist neben der Industrie- und Anlagenkennzeichnung, dem Brandschutz und der Sicherheitsbeschilderung der Bereich der Kommunen, Stadtwerke und Versorger. „Dieser Sektor macht rund 65 Prozent aus“, berichtet Lunz. Franken Plastik vertreibt seine Produkte in allen Bundesländern und profitiert von Vertriebspartnerschaften in Schleswig-Holstein und im Saarland. Die Hälfte der Ware gelangt laut Lunz über Händler auf den Markt, die anderen 50 Prozent direkt über sechs Außendienstler. „Somit sind wir mit unserem Außendienst an der Basis, zum Beispiel bei Wassermeistertagungen, immer in Kontakt mit den Leuten, die unser Schild in der Hand haben und montieren.“

„Mit 60 Prozent Marktanteil sind wir Marktführer in Deutschland bei Hinweisschildern für öffentliche Anbieter und Versorgungsunternehmen“, sagt Lunz. Der Rest verteile sich auf mehrere kleinere Anbieter, die oft nur regional vertrieben und mit einer bedruckten Aluminiumplatte arbeiteten. Der Exportanteil liege zwischen 25 und 30 Prozent, auch mit steigender Tendenz. Hauptsächlich in Europa sind die Fürther aktiv, aber auch in Australien und Saudi-Arabien. Als Beispiel nennt Lunz Litauen: „Über eine Ausschreibung haben wir das neue Standardschild für den litauischen Markt kreiert.“ Kunden in Deutschland seien zum Beispiel die Berliner Wasserbetriebe und Hamburg Wasser.

Der beliebteste und wohl bekannteste Artikel ist das Hydrantenschild, von dem Franken Plastik jährlich fünfstellige Stückzahlen produziert. „Es gibt nur ein System für unsere Schilder: eine Hinterlegplatte, auf die das Schild kommt, in das Buchstaben und Zahlen eingeclipst werden. Wir sind die Erfinder dieses flexiblen Beschilderungssystems.“ Das Basisschild kann nach Anbringung mit Clips variabel bestückt werden. „Falls man sich verclipst hat, sind Ziffern- und Buchstabenfelder nur lösbar, wenn Sie das Know-how haben. Dies ist beabsichtigt, damit Vorbeilaufende nicht einfach die Felder aus dem Schild nehmen können“, erklärt Lunz.

Da das Schild in ganz Deutschland gleich aussieht und deshalb in hoher Stückzahl hergestellt wird, kann es in hochwertigem Spritzguss produziert werden. Dieses Verfahren ermöglicht eine Durchfärbung: „Jede Zahl, jedes Komma geht durch die komplette Wandstärke, wodurch eine besondere Haltbarkeit erzielt wird“, erklärt Lunz. Die Schilder seien resistent gegen Chemikalien, falls Verschmutzungen gelöst werden müssten. Deshalb bietet Franken Plastik seinen Kunden eine Garantie von 15 Jahren.

Über die Schilder werden Informationen transportiert, die für „mehr Sicherheit in unser aller Umfeld“ sorgen. Das H über dem T-Balken des Schilds gibt an, dass es sich um einen Hydranten handelt, und an der Nummer darüber ist der Rohrdurchmesser ablesbar. Die Nummer rechts und links darunter dient als Ortsangabe. „Dasselbe System bieten wir auch für die Beschilderung von Gas-, Wasser- und Abwasserschiebern an.“ Wettbewerber böten Alu-Schilder an, die schneller verblichen, sagt Lunz.

Die Rhön-Maintal-Gruppe verwendet seit langem Franken-Plastik-Schilder. „Es wurde zwischenzeitlich aus Kostengründen und wegen einfacherer Montage auf eine Alu-Variante mit Klebeziffern umgestellt, was sich jedoch nicht bewährt hat“, sagt Rohrnetzmeister Tobias Keßler. „Die aufgedruckte Farbe der Aufkleber blich durch die Sonne schnell aus, und einmal mit der Hand darübergewischt, war sie weg.“ So ist man wieder auf die Alternative aus Kunststoff umgestiegen.

„Ganz schlecht ist, wenn die Feuerwehr im Brandfall einen Hydranten nicht findet“, gibt Lunz zu bedenken. Es gebe keine gesetzliche Pflicht zur Ausschilderung in Deutschland, jedoch Richtlinien des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches. Ein Hydrantenschild kostet je nach Hinterlegplatte, Anbringung und Zubehör zwischen 12 und 25 Euro. 98 Prozent des Materials könnten recycelt werden.

„Wir haben den integrierten, von hinten gesicherten RFID erfunden. Dabei handelt es sich um eine kleine passive Festplatte, die eine weltweit eigene Nummer besitzt und zur Speicherung von Daten genutzt werden kann“, berichtet Lunz. Der RFID könne mit einem Lesegerät aktiviert werden. Das sei zum Beispiel bei Wartungsarbeiten praktisch. Speichert man einen Link zu einer Cloud, weiß man sofort, wo man ist, und kommt direkt zu einer Maske, in die alle Daten zur Wartungsarbeit eingegeben werden können.

Da der öffentliche Markt in Deutschland weitgehend gesättigt ist, werden hauptsächlich bei Neubau oder Vandalismus Schilder benötigt. In Deutschland habe man rund 6500 Kunden, sagt Lunz. Neben der öffentlichen Beschilderung ist das Unternehmen auch seit zehn Jahren im Bereich der Industrie- und Anlagenkennzeichnung aktiv. Kunden sind unter anderem BASF, Bayer, Hitachi, Eon und Siemens sowie viele mittelständische Unternehmen. „Insgesamt sehe ich die Industriebeschilderung als Wachstumssektor, speziell im Bereich Pharmazie, Chemie und Lebensmittel“, sagt Lunz. In Deutschland dürfe kein Probebetrieb ohne Beschilderung stattfinden. „In diesem Fall würde der TÜV die Anlage nicht abnehmen.“ Vor allem im Havariefall sei eine gute Beschilderung wichtig, zum Beispiel um den Zufluss brennbarer Medien abzustellen. „Wir geben den Leuten die Möglichkeit, den richtigen Knopf zu drücken.“

Zum Bereich Sicherheitsbeschilderung gehören die gelben Warnschilder der Bahn mit dem Männchen, das vom Bahnsteig kippt. Vor kurzem habe man ein durchgefärbtes Schild entwickelt, das an jedem Trafohäuschen zu finden sei. In Finnland habe man das Kernkraftwerk Olkiluoto mit Schildern ausgestattet.

Als „Marktführer für Kennzeichnungssysteme“ habe man noch viel mehr im Angebot. „Wir haben ein Schild, das sich in alle Richtungen erweitern lässt.“ Für Trafostationen gebe es ein Schild auf Spritzgussbasis mit Einschubmöglichkeit, falls sich eine Information wie eine Telefonnummer ändern sollte.

Wenig erfolgreich war der Versuch, in den amerikanischen Markt einzusteigen. „Eine der ersten Fragen war, ob unsere Schilder ,shootproof‘ seien. Doch wenn man zwei-, dreimal auf ein Kunststoffschild schießt, ist es nun mal hinüber.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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