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Der Fußballgott würfelt nicht

Impect hat besondere Kennzahlen für die Analyse von Fußballspielergebnissen entwickelt. Kunden sind Fernsehsender und Bundesligavereine. Letztere hoffen, teure Fehlkäufe von Spielern vermeiden zu können.

F.A.Z.

1.11.2018

Justin König

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Wie sagt man den Ausgang eines Fußballspiels vorher? Diese Frage beschäftigte Stefan Reinartz schon, als er noch Fußballprofi war und für Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt spielte und sogar drei Länderspiele unter Joachim Löw. Er erkannte, dass die üblichen Parameter wie Ballbesitz, Torschüsse, Eckbälle, Pass- und Zweikampfquote nicht aussagekräftig genug sind.

Reinartz gibt ein Beispiel: Fußballteam A hat 52 Prozent Ballbesitz, 18 Torschüsse, 55 gefährliche Angriffe, 19 Pässe innerhalb des Strafraums und sieben Eckbälle. Mannschaft B hat 48 Prozent Ballbesitz, 14 Torschüsse, 34 gefährliche Angriffe, 11 Pässe innerhalb des Strafraums und fünf Eckbälle. Nach diesen klassischen Kennzahlen hätte Team A eindeutig gewinnen müssen, sagt Reinartz. Doch gewann Team B sieben zu eins – im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Team A ist Brasilien und Team B Deutschland, der spätere Weltmeister. Warum lieferte die Statistik keinen Hinweis auf das außergewöhnlich deutliche Ergebnis? „In jeder Aktion muss ein qualitatives Moment eingebunden werden“, findet Reinartz.

Mit 27 Jahren beendete Reinartz wegen häufiger Verletzungen seine Sportlerkarriere. 2015 gründete er die Impect GmbH mit Jens Hegeler, einem früheren Mannschaftskollegen von Bayer 04 Leverkusen, Betriebswirt Lukas Keppler und IT-Fachmann Matthias Sienz. Die Gründung finanzierten sie aus eigener Tasche. Mittlerweile besteht das Team aus sechs Personen. Das Kölner Start-up misst den Erfolg von Mannschaften und Spielern anhand besonderer Parameter.

Im Gründungsjahr erzielte Impect nach eigenen Angaben einen Verlust von fast 40000 Euro. „Wir hatten Schwierigkeiten, von der Entwicklung der Kennzahlen bis zum Verkauf“, berichtet Keppler. „Es mussten Daten erhoben werden, die wissenschaftlichen Standards genügen, eine extrem hohe Korrelation zum Spielergebnis haben und für Verbraucher und Medien nachvollziehbar sind.“ Vor allem die Entwicklung skalierbarer Produkte, die man Vereinen anbieten könne, habe gedauert. Nach etwa eineinhalb Jahren stellte sich der Erfolg ein.

Die Daten der Bundesligaspiele kauft Impect nach Aussage von Keppler für einige tausend Euro je Saison von der Deutschen Fußball Liga. Die einzelnen Spieler werden mit Hilfe von Wärmebildkameras 25 Mal je Sekunde „getrackt“. Es sei gelungen, Angriffe zu bewerten, indem offensive Aktionen wie Pässe, Flanken und Dribblings aufsummiert und gleichzeitig Defensivaktionen wie Balleroberungen und Befreiungsschläge berücksichtigt würden, erklärt IT-Fachmann Matthias Sienz. Interessant ist, ob sich nach einer Offensivaktion weniger Gegner zwischen Ball und gegnerischem Tor befinden als vorher. Diese überspielten Gegner können ihr Tor nicht mehr verteidigen; sie sind „gepackt“ und aus dem Spiel genommen. Mit einer Aktion, dafür zu sorgen, dass weniger Gegner zwischen dem Ball und dem gegnerischen Tor stehen, heißt Packing.

Die Summe der überspielten Gegner ergibt die „Packing Rate“. Den größten Einfluss (englisch: impact) auf den Torerfolg hat dabei das Überspielen der Verteidiger. Die Summe der überspielten Verteidiger bezeichnet das Unternehmen als „Impect“. „Eine Offensivaktion ist umso wertvoller, je mehr Gegner man überspielt“, erklärt Reinartz. Es sei weniger wichtig, wie der Ball gespielt werde, sondern dass er beim Mitspieler ankomme und verwertet werde.

Mit diesen Parametern hätte man das Spielergebnis im Halbfinale 2014 zwischen Brasilien und Deutschland voraussagen können, denn der Vergleich hätte so ausgesehen: Brasilien überspielte 341 Gegner, Deutschland 402 (Packing Rate). Die Zahl der überspielten Verteidiger (Impect) betrug für Brasilien 53 und für Deutschland 84.

Impect verkauft seine Daten an Vereine, Sportartikelhersteller und Medienhäuser. Letztere wollen Spieler- und Mannschaftsleistungen mit den Packing-Werten objektiver bewerten: Wie viel hat ein Spieler zum Spielaufbau beigetragen? Hat eine Mannschaft verdient gewonnen? Der Zuschauer erfahre zum Beispiel, wie viele Gegner sein Lieblingsspieler überspielt habe oder ob seine Mannschaft viel Druck auf den Gegner ausgeübt habe, erklärt Reinartz.

Mittlerweile kooperiere man mit acht Vereinen, sagt Keppler. Sie könnten mit den Statistiken teure Fehlkäufe vermeiden. Bayer 04 Leverkusen war einer der ersten Kunden. „Mit dem ,Key Performance Indicator‘ wurden alsbald potentielle Bayer-Spieler analysiert – und natürlich auch die, die bereits für den Klub spielten“, sagt der Pressesprecher des Vereins, Dirk Mesch. Big Data könne zwar keine Spielerscouts ersetzen, aber sehr hilfreich für die Vorauswahl sein.

„Preislich liegen wir bei 1000 Euro im Monat, die Vereine für die Nutzung der Plattform zahlen, je Liga, deren Daten sie einsehen wollen“, berichtet Keppler. Man erwirtschaftet nach eigenen Angaben seit 2017 Gewinn. Der Umsatz lag nach Angaben Kepplers im vergangenen Jahr im mittleren sechsstelligen Bereich.

Auch kleinere Clubs fragen die Daten nach. „Der Trainer hat uns vor dem Spiel auf den Gegner vorbereitet, ob er offensiv oder defensiv spielt, ob der Fokus auf langen oder kurzen Pässen liegt und so weiter“, erzählt Fabio Lehnert, der als Mittelfeldspieler des TuS Mondorf 1920 in der Bezirksliga spielt.

Im Sommer ist Impect in den englischen Fußballmarkt eingestiegen. Die Zahl der analysierten Ligen ist von zunächst drei – der Bundesliga, der ersten französischen Liga und der Uefa Youth League – auf nun zehn gestiegen. Diese Expansion finanzierte man Keppler zufolge erstmals mit dem Kapital von Investoren. Seit kurzem gibt es außerdem ein Scouting-Portal, über das Vereine Talente aufspüren können. Schon vor dem Start haben nach Keppler drei Vereine den Zugang gekauft. Besonders viel Potential sieht Reinartz freilich in der Wettbranche. „Das heißeste Geschäftsfeld ist wohl der Wettmarkt, da dieser komplett datengetrieben ist.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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