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Der Fortschritt macht vieles leichter

Die Ruderboote von Empacher für Olympiasieger und Studenten von Eliteunis haben an Gewicht verloren.

F.A.Z.

7.12.2018

Anton Bühlmeyer

Hans-Böckler-Berufskolleg, Münster

Litauen, Trakai-Regattastrecke, U-19-Ruderweltmeisterschaft, August 2017. Sechs Boote mit je acht Ruderern und je einer Tonne Gesamtgewicht liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Es gewinnt der Junioren-Deutschland-Achter nach 5 Minuten, 49 Sekunden und 130 Millisekunden in einem gelben Empacher-Boot das A-Finale und wird Weltmeister. Jede Millisekunde zählt; deshalb ist das Material sehr wichtig. Das Boot muss aus stabilsten und leichtesten Materialien hergestellt sein.

Eberbach ist eine kleine Stadt im Norden Baden-Württembergs. Gleich neben der Neckarbrücke liegt der Sitz der Bootswerft Empacher GmbH. Helmut und Rainer Empacher sind, in dritter Generation, die geschäftsführenden Gesellschafter. Man produziert Rennboote für Spitzensportler, die man auf die Körpermaße der Ruderer anpasst. 1953 wurde das erste Rennboot aus Sperrholz in der Empacher-Werft zu Wasser gelassen. Die heutigen Kunststoffrennboote bestehen aus Materialien wie Kohlefaser, Kevlar, Nomexwaben und Epoxidharz, die auch im Flugzeugbau Standard sind. Deswegen hat sich im Lauf der Jahre das Gewicht der Boote verringert, auf 96 Kilogramm beim Achter und 14 Kilogramm beim Einer. „Man könnte auch leichtere Boote bauen“, sagt Helmut Empacher, „aber das wird durch die vorgegebenen Mindestgewichte des internationalen Ruderverbandes verhindert.“

Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 wurden nach Angaben von Empacher 64 Prozent der Goldmedaillen in Empacher-Booten errungen; mehr als die Hälfte aller Medaillengewinner ruderte in ihnen. „Sieben von vierzehn Bestzeiten in den olympischen Ruderklassen wurden mit Empacher-Booten erzielt“, berichtet Empacher stolz. Zwei Ingenieure entwickeln jährlich etwa zwei neue Bootsformen. Zunächst wird eine Bootsform am Computer Strömungen ausgesetzt. Wind, Wasser, Wellen, Mensch und Rudertechnik beeinflussen ein Boot. Die Erfahrungen des Wechsels von Tagesformen und Wetterbedingungen sind ebenso von Bedeutung wie das Computerprogramm. Schließlich wird ein Prototyp hergestellt, und Empacher lädt renommierte Ruderer ein, die das neue Boot einrudern und bewerten. Danach wird entschieden, ob es so gebaut wird oder ob weitere Verbesserungen vorgenommen werden.

Vier bis sechs Monate vergehen von der Bestellannahme bis zur Fertigstellung und Auslieferung des Bootes. „Dies ist jedoch nicht nur der Qualität geschuldet, sondern auch der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation, da in der Industrie höhere Löhne gezahlt werden können und somit die guten Kräfte am Markt rar sind“, sagt Empacher. Dennoch sei eine Expansion geplant, um die große Anzahl der Bestellungen bewältigen zu können.

Empacher fertigt nach eigenen Angaben etwa 400 bis 500 Boote im Jahr, alle für den Leistungssport. Die Preise für ein Boot liegen zwischen 9000 und 45000 Euro, zuzüglich Mehrwertsteuer. „Davon exportieren wir gut 75 Prozent ins Ausland. Universitäten wie Cambridge, Harvard, Oxford, Princeton und Yale, aber auch Olympiamannschaften sowie Vereine und Profisportler gehören zu unseren Stammkunden“, berichtet Empacher.

Dirk Bensmann, Vorstand des Rudervereins Münster, sagt: „Wir investieren immer wieder gerne in Empacher, da wir die Boote bis zu 15 Jahre unseren Leistungssportlern zur Verfügung stellen und danach 15 Jahre im Breitensport einsetzen können.“ Und Thorsten Kortmann, Trainer des U-19-Achters von 2017, erklärt, die Innovation von Empacher liege in der Bootsform, dem sogenannten Riss, der „eine gute Balance zwischen Stabilität, Geschwindigkeit und der Verwindungssteifigkeit der Boote liefert“.

Das Unternehmen beschäftigt gut 80Mitarbeiter und setzt nach eigenen Angaben jährlich rund 9 Millionen Euro um. Als einzigen wichtigen Konkurrenten im Rennruderbootsbau nennt es den italienischen Hersteller Filippi. Ob Empacher ein Familienbetrieb bleiben wird, ist offen. „In den vergangenen Jahren blieben nur zwei Wochen Urlaub übrig, und ob die Kinder nachfolgen wollen oder können, ist nicht sicher“, sagt Empacher.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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