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Das Resterisiko ist gegessen

Ein Verein sorgt dafür, dass Essen nicht verschwendet wird

F.A.Z.

2.07.2015

Andreas Lauterbach

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Vieles wird heute geteilt, zum Beispiel Wohnungen, Autos, Parkplätze, Nahrungsmittel und sogar Hunde. Solche Aktivitäten fasst man unter dem Begriff „Share Economy“ zusammen. Ziel ist, Ressourcen sparsam zu nutzen. Durch das Internet ist diese Art des Wirtschaftens einfacher geworden. „Essen verbindet Menschen“, sagt Valentin Thurn, der Gründer der Internetplattform Foodsharing. Dahinter steht seit Dezember 2012 ein gemeinnütziger Verein, der der Lebensmittelvernichtung entgegensteuern will. Thurn ist Dokumentarfilmer und Autor der Kinofilme „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ und „Taste the Waste“. Letzterer beschäftigt sich mit dem globalen Problem der Lebensmittelvernichtung und beklagt die Auswirkungen der Wegwerfgesellschaft auf Umwelt, Klima und die sozialen Umstände.

Die Idee zur Foodsharing-Bewegung hatten Thurn und sein Team beim Drehen des Films, und das Vorbild für die Internetplattform seien „Tausch- und Leihbörsen im Internet für Autos, Klamotten oder Wohnzimmersofas“ gewesen, sagt Thurn. Die Foodsharing-Bewegung entstand in Köln, Gründungsmitglied war neben Thurn Stefan Kreutzberger, der Autor des Buches „Die Essensvernichter“. Seitdem ist Foodsharing expandiert und in ganz Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz tätig.

Foodsharing setzt bei der schwierigen Kalkulation des wöchentlichen Einkaufs an. In der Regel kaufen Verbraucher und Händler zu viel ein. Nach einer Studie der Universität Stuttgart im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft werden in Deutschland jährlich rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet. Bei Foodsharing gibt es ehrenamtliche „Foodsaver“, die Gewerbetreibende ansprechen und Lebensmittel retten. Sie seien ein bunter Mix aus Schülern, Studenten, Journalisten, Lehrern, Umweltaktivisten und IT-Mitarbeitern, sagt Thurn. Das gerettete Essen verbrauchen sie entweder selbst oder verteilen es an Freunde und Nachbarn. Das meiste bringen sie aber zu den „Fairteilern“. In Deutschland gibt es mittlerweile fast 8000 registrierte Lebensmittelretter, und sie haben bisher rund 1750 Tonnen gerettet.

Meistens sortieren sie die Waren schon vor Ort. „Aus einem Netz von Orangen wandert dann die eine, die schimmelt, in den Müll. Den Rest nehmen wir mit“, erzählt die Kölner Essensretterin Nicole Klaski. „Wer wann welchen Supermarkt besucht, organisiert die Gruppe über das Internet. Da nicht jeder jeden Tag Zeit hat, sind 15 bis 20 Ehrenamtliche für einen Supermarkt oder ein Café zuständig.“ In ganz Deutschland koordinieren rund 300 Foodsharing-Botschafter die Foodsaver-Gruppen in den Stadtteilen, Bezirken oder Regionen.

Der Verein betreibt in Deutschland 250 Fairteiler, Lebensmitteldepots an öffentlich zugänglichen Orten. Dort kann sich jeder kostenlos aus Kühlschränken und von Regalen bedienen – oder sie auffüllen. Sie befinden sich meistens in Gebäuden, etwa in Cafés oder Lagerräumen von Supermärkten. Außerdem können private Haushalte Lebensmittel, die sie nicht mehr benötigen, auf der Foodsharing-Plattform anbieten, zum Beispiel wenn sie zu viel eingekauft oder gekocht haben, Reste von einer Party übrig sind oder der Kühlschrank vor dem Urlaub noch leer werden muss. So werden Nachbarschaftsnetzwerke aufgebaut und gepflegt. Mehr als 85000 Menschen haben sich nach Thurns Angaben auf der Internetseite registriert.

Finanziert wurde der Aufbau des Internetportals über Crowdfunding – es kamen 11500 Euro zusammen –, durch Zuschüsse des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums und einzelne Förderer. Man habe sich entschlossen, mit wenig Bürokratie zu funktionieren, also keine staatlichen Fördermittel zu beantragen, sagt Thurn. Möglich ist das alles nur, weil man nicht unter das Lebensmittelrecht und die damit verbundenen strengen Auflagen fällt. In einem Fairteiler werden Lebensmittel nur zum privaten häuslichen Gebrauch gelagert und auf eigenes Risiko verzehrt. Klare Hygienevorschriften gibt es dennoch. Die Foodsaver reinigen die Kühlschränke ein- bis zweimal die Woche und prüfen regelmäßig den Zustand der Lebensmittel.

„Ein gefüllter Fairteiler ist in ein bis zwei Stunden leer geräumt“, sagt Peter Zens, der auf seinem Bauernhof in Köln-Hürth einen Fairteiler aufgestellt hat und in ihn auch Obst, Gemüse und Kartoffeln vom eigenen Hof füllt. „Ein Bund Radieschen ist doch nicht schlecht, nur weil das Laub welk geworden ist.“ Foodsharing eigne sich bei allen Lebensmitteln, die im Hofladen aus optischen Gründen nicht mehr gekauft werden. Auf 10 bis 20 Prozent der Ernte bleibe ein Landwirt sitzen, wenn er nur auf makelloses Aussehen achte.

Doch steht der Foodsharing-Verein nicht in Konkurrenz zu den örtlichen Tafeln? Womöglich spenden Gewerbetreibende dann nicht mehr so viel an die Tafeln. Dies sei nicht so, betont Thurn. Der Verein stelle sich in die zweite Reihe. Beim Lebensmittelhändler Alnatura werde in Berlin zum Beispiel nur das abgeholt, was die Tafeln nicht nähmen. Außerdem fielen die Tafeln unter das strenge Lebensmittelgesetz.

Foodsharing unterhält Partnerschaften mit derzeit mehr als 1500 Unternehmen. Dazu gehört der Konsumgüterkonzern Beiersdorf genauso wie viele Biomärkte, Einzelhändler, Bäckereien, Cafés, Feinkost- und Getränkehändler sowie Supermarktketten und Großküchen. Für die Händler sei die Kooperation durchaus vorteilhaft, weil Bio- und Verpackungsmüll entfalle, was Entsorgungskosten spare.

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