Spannende Inhalte finden

Bloß nicht umfahren oder umfahren

Snowparks, auch bei Olympia, kommen oft von Schneestern. Das bayerische Unternehmen legt Sportlern gerne Hindernisse in den Weg.

F.A.Z.

2.08.2018

Julius Piduhn

Mallinckrodt-Gymnasium, Dortmund

Spektakuläre Sprünge, lässige Typen – so präsentieren sich die Freestyle-Disziplinen bei Olympischen Winterspielen. Die Snowparks plant und baut die Schneestern GmbH und Co. KG mit Sitz im bayerischen Durach; sie ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer. Auch bei den Winterspielen Anfang des Jahres im südkoreanischen Pyeongchang kamen die Anlagen für die Disziplinen Slopestyle und Big-Air von Schneestern. Man sei ebenfalls bei den X-Games, der größten Actionsport-Veranstaltung der Welt, vertreten, sagt Geschäftsführer Dirk Scheumann.

„Was uns auszeichnet, ist, dass wir aus der Liebe zum Sport entstanden sind“, glaubt Scheumann, der das Unternehmen 1999 gegründet hat. Er war Freeski-Profi und wollte die noch unbekannte Sportart verbreiten. Man sei der erste europäische Anbieter in der Branche der Snowparks gewesen. Kea Kühnel, eine der beiden deutschen Teilnehmerinnen in Pyeongchang in der Disziplin Slopestyle, kennt Schneestern schon lange. Die Anlagen vermittelten ihr ein Gefühl von Sicherheit, sagt sie.

Schneestern ist inzwischen auch in den Bereichen Skate, Bike und Wake tätig. Zu Skate gehören unter anderem Sportler, die Cityscooter oder BMX fahren. Im Bereich Wake werden „Obstacles“ (Hindernisse) für Wakeboard- und Wasserskianlagen produziert. Die Obstacles können aus unterschiedlichen Materialien, zum Beispiel Kunststoff, Holz oder Stahl, bestehen. Die Kicker, also die Sprungschanzen, werden in der Regel nur aus Schnee geformt.

Zurzeit vertreibt Schneestern im Bereich Wintersport rund 500 verschiedene Produkte für den Leistungs- und den Breitensport. „Unser Ziel ist es vor allem, die Sportarten für die breite Masse zugänglicher zu machen“, sagt Scheumann. So stellt man Tunnel mit Soundeffekten her.

Alle Mitarbeiter trieben selbst Sport und brächten so ihre Erfahrungen in die Konstruktion der Anlagen ein, erklärt Hans Wildung. Er unterstützt Schneestern seit der Saison 2011/2012 als technischer Leiter und ist freier Mitarbeiter. „Bei Schneestern werden Spezialisten aus der ganzen Welt zusammengebracht.“ Der Rundumservice von der Planung bis zur Verwirklichung des Projekts sei ein Alleinstellungsmerkmal, sagt Wildung.

Schneestern hat fünfzig festangestellte und fünfzig freie Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr hat man in Durach elf Snowparks gebaut und war in zehn Veranstaltungen, darunter vier großen – Olympia, X-Games, Air&Style und Audi Nines – vertreten. Der Preis für ein Obstacle liege zwischen 100 und 25000 Euro. Der Preis einer ganzen Anlage, wie sie bei Olympia zum Einsatz komme, könne fünf- bis siebenstellig sein.

Von der Einreichung der Bewerbung für Olympia in Pyeongchang über die Planung bis hin zur Fertigstellung seien drei Jahre vergangen, berichtet Scheumann. Die Planung für die Audi Nines in Sölden habe neun Monate gedauert. Die Dauer des Aufbaus sei verschieden. So habe man bei Audi Nines drei Wochen, bei Air&Style nur etwa zehn Tage benötigt. Die Umsetzung vor Ort könne herausfordernd sein, sagt der Geschäftsführer. Man müsse zum Beispiel lange testen, welche Teile in den Obstacles der Kälte standhalten können. Auch die Entwicklung einer Simulationssoftware, die Flugkurven und Anfahrtsgeschwindigkeiten berechnen kann, sei langwierig gewesen.

Man bevorzuge Naturschnee, sagt Scheumann, weil er sich besser verdichten lasse und eine höhere Bindungsfähigkeit besitze. In Pyeongchang habe man zunächst die grobe Grundform des Kurses geschoben und dann die unterschiedlichen Abschnitte errichtet. „Bei Olympia haben wir noch ein Stück weit innovativer gedacht und wollten die Kreativität der Sportler mehr fordern“, erklärt der Geschäftsführer. „Der Kurs war in jeglicher Hinsicht unfassbar kreativ gestaltet“, bestätigt Kea Kühnel. Man habe viele Möglichkeiten gehabt, den Kurs zu fahren; die Sportler hätten sich auf ihn gefreut.

Zum Kundenkreis zählen Bergbahnen, Kommunen, Tourismusverbände und auch der Großsponsor Red Bull; er gibt Anlagen für Trainingscamps in Auftrag. Auf einer dieser Anlagen hat der Snowboarder Billy Morgan als erster Sportler überhaupt einen „Quadruple Cork“ geschafft, der aus vier vertikalen und fünf horizontalen Rotationen besteht. Auch das Unternehmen des dreimaligen Halfpipe-Olympiasiegers Shaun White, Air&Style, zählt zum Kundenkreis. Hinzu kommen Verbände wie der internationale Skiverband FIS, die Anlagen für Weltcuprennen in Auftrag geben.

Derzeit seien Hindernisse, die durch Licht- und Soundeffekte Unterhaltung böten, sehr gefragt, sagt Scheumann. „Ein weiterer Trend ist das Thema Interaktivität.“ Man sehe in der digitalen Vernetzung der Obstacles einen großen Zukunftsmarkt. Das Unternehmen hat 2017 nach eigenen Angaben einen Umsatz von 5,2 Millionen Euro erwirtschaftet, rund 75 Prozent entfielen auf den Wintersport.

Über die vergangenen drei Jahre sei der Umsatz um 45 Prozent gestiegen. Die Exportquote liege bei 80 Prozent. Der größte Markt sei Österreich. Es gebe nur wenige Konkurrenten mit einer ähnlichen Größe, weshalb die Marktposition gefestigt sei, sagt Scheumann. „Im deutschsprachigen Raum liegt unser Marktanteil im Bereich der Obstacles bei 90 Prozent.“ Die Bestseller von Schneestern sind die Spaß- und Actionprodukte für die breite Masse, zum Beispiel Abklatschhände und Tunnel mit Soundeffekten. In der Zukunft möchte Schneestern die Bereiche Bike und Skate ausbauen. Diese Sportarten seien besonders vielversprechend, da sie 2020 olympisch würden.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

Weiterlesen

Diese Webseite nutzt Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.