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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Donnerstag, 5. September 2013

Wie man Geschäfte abwickelt

Windeln können zur Energiewende beitragen

Volle Windeln sind stinkender Abfall – im baden-württembergischen Meckenbeuren erzeugt man damit jährlich bis zu 8800 Megawattstunden Energie. Damit könnte man rund 440 Einfamilienhäuser heizen. Verbrannt werden sie im „Windel-Willi“, einem Müllheizkraftwerk, in dessen Ofen ausschließlich Inkontinenzsystemabfälle wie Windeln, Verbandsmaterial und Zellstofftücher landen. Die Anlage ist ein Projekt der katholischen Stiftung Liebenau; sie soll die für den Stiftungsstandort Liebenau benötigte Energie möglichst emissionsarm produzieren. Die Stiftung betreibt 260 Behinderten- und Pflegeeinrichtungen sowie Bildungsstätten an mehr als 100 Standorten in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Bulgarien und Italien. Mit 6500 Mitarbeitern erwirtschaftet sie einen Jahresumsatz von gut 280 Millionen Euro.

Der Erfinder des Windel-Willi, Diplom-Bauingenieur Marco Nauerz, ist stolz auf sein „Baby“. So trügen sowohl die Nutzung der an der Brennkammer- außenhülle entstehenden Abstrahlungswärme als auch die kurzen Wege der Heißwassertrasse zur Minimierung des Energieverlusts bei. Für Nauerz ist Windel-Willi ein Baustein der notwendigen Energiewende.

Die Anlage ist regional auf die Standorte Meckenbeuren und Hegenberg begrenzt, nur sie nehmen die erzeugte Energie ab. Windel-Willi kann im Jahr rund 5000 Tonnen Abfälle verwerten. Zum Vergleich: Im Müllheizkraftwerk Göppingen des Energiekonzerns Eon werden jedes Jahr 155000 Tonnen Restmüll verbrannt, mit der entstehenden Energie können bis zu 10000 Haushalte versorgt werden. Nauerz geht es aber nicht darum, dass Windel-Willi größer wird – schließlich ist der Energiebedarf der Stiftung Liebenau schon gedeckt. Viel wichtiger ist ihm, dass die Energie kontinuierlich und vollständig genutzt wird.

Die Anlage produziert hauptsächlich Dampf und Warmwasser. Das hilft, in der Großküche täglich rund 2500 Essen zu kochen und in der Wäscherei neun Tonnen Wäsche zu waschen. Sollte es im Sommer überschüssige Energie geben, was nur selten vorkommt, dann wird diese dazu genutzt, Spaltholz zu trocknen.

Trotz Investitionskosten von mehr als 4,5 Millionen Euro profitiere die Stiftung von dem Windel-Projekt, sagt Nauerz. Erstens bekomme man Geld für die Abnahme des Brennstoffs, rund 537000 Euro im Jahr. Und zweitens könne die Stiftung ihren Energiebedarf selbst decken. Die Abrechnung läuft über die Abteilung Energietechnik, die die produzierte Energie zu einem günstigeren Preis als auf dem Markt üblich an die einzelnen Standorte der Stiftung verkauft. Den Einnahmen von rund 1,3 Millionen Euro im Jahr stehen allerdings Abschreibungs- und Verzinsungskosten gegenüber sowie höhere Instandhaltungskosten als bei Anlagen, die mit fossilen Kraftstoffen gespeist werden.

Kunden wie das Seniorenzentrum Sankt Vincenz in Weitnau-Seltmans liefern ihre Inkontinenzabfälle an Windel-Willi – wegen des „sehr guten ökologischen und wirtschaftlichen Konzepts“ und der günstigen Konditionen, wie Heimleiterin Elke Kling sagt. Der Durchschnittsabnahmepreis je Tonne beläuft sich auf 128 Euro. Das Team von Windel-Willi orientiert sich am Entsorgungspreis der jeweiligen Kommune und unterbietet diesen.

Die Abfälle werden aus rund 220 Pflegeeinrichtungen abgeholt. Außerdem gibt es in neun umliegenden Gemeinden Container, die auch von Privathaushalten genutzt werden; aus ihnen stammen rund 900 Tonnen Abfall im Jahr. „Dieses Angebot wird von unseren Bürgern sehr gut angenommen, da die Entsorgung von Windeln erhebliche Probleme verursacht“, sagt Roland Bürkle, Bürgermeister von Bad Wurzach.

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