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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Donnerstag, 22. Dezember 2011

Und der Balg liegt ruhelos in der Mitte

Das Auf und Ab gibt im Akkordeonbau den Ton an

Ein erprobtes Rezept für ein gutes Akkordeon lautet: 2500 Einzelteile aus Holz, Leder, Metall und Zelluloid, viel handwerkliches Geschick, gute Augen, ein feines Gehör, viel Liebe zur Musik und den Zauber einer Manufakturwerkstatt. So werden seit rund 160 Jahren im Werk der Harmona Akkordeon GmbH in Klingenthal Akkordeons der Marke Weltmeister gefertigt. In der ältesten Akkordeonproduktion der Welt scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

Ein klassisches Pianoakkordeon besteht aus drei Einheiten: dem Diskant (Melodietastatur), dem Balg und dem Bassteil. Der Balg ist das Verbindungsstück zwischen Diskant und Bass. Er wird auch als Lunge des Akkordeons bezeichnet. Nach diesem Prinzip funktionieren auch Knopfakkordeons und Ziehharmonikas. Viele kennen das Akkordeon nur aus Schlagerparaden oder dem Musikantenstadl, doch auch im Radio ist es oft zu hören. In dem vielgespielten Song „Stereo Love“ spielt Edward Maya ein Klingenthaler Akkordeon. Ein weiterer berühmter Akkordeonspieler ist Marius Müller-Westernhagen. Er spielt jedoch ein Hohner-Akkordeon. Dieses Unternehmen verkauft jährlich etwa 18000 Instrumente in die ganze Welt. Hohner produziert allerdings in China und ist nicht nur auf die Fertigung von Akkordeons spezialisiert.

In Klingenthal hat die Produktion dieses Instruments Tradition. Johann Wilhelm Rudolph Glier brachte 1829 von einer Reise eine Mundharmonika mit nach Hause und baute wenige Jahre darauf selbst welche. 1852 wurde die Fertigung von Harmonikas aufgenommen. Der vogtländische Instrumentenbauer und Kaufmann gilt heute als Gründer der sächsischen Akkordeonfabrikation. Die Fertigung ist heute noch so wie damals: Mehr als 95 Prozent der für die Akkordeons verwendeten Teile werden im Unternehmen hergestellt. Die Seele dieser Instrumente, die Stimmplatten, werden heute allerdings aus Tschechien oder Italien importiert. Auch das Zelluloid, mit dem die Instrumente beschichtet werden, wird fast nur noch in China hergestellt. Die Produktion dieses leicht entzündlichen Stoffes ist in Deutschland seit 1950 verboten.

Bis zu 250 Arbeitsstunden werden benötigt, um ein Akkordeon zu fertigen. Diese verteilen sich aufgrund der langen Trocknungsphasen über zwölf Wochen. Allein für die Trocknung der Zelluloid-Beschichtung werden zwei bis drei Wochen eingerechnet; dazu kommen zwei Wochen, um den Balg in Form zu pressen.

Vom Preis eines durchschnittlichen Akkordeons, der zwischen 1500 und 3500 Euro liegt, entfällt mehr als ein Drittel auf die Materialkosten. „Wir haben ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das sich sehen lassen kann. Die italienischen Akkordeons sind alle etwas höher angesiedelt“, bemerkt der Handzuginstrumentenmachermeister Carsten Kresse. Allgemein gilt: „Je größer das Instrument, desto größer ist die Gewinnspanne“, sagt Gabriele Herberger, die Chefin von Harmona. Das kleinste Akkordeon im Sortiment ist das Mini mit einem Kaufpreis ab 389 Euro. Dieses wurde speziell für die musikalische Früherziehung entwickelt. „An dem verdienen wir fast nichts. Es ist uns aber wichtig, dass wir für die Kinder ein Qualitätsinstrument haben, mit dem sie das Akkordeonspielen lernen können, und sie nicht mit einem Billigakkordeon anfangen und später vielleicht auf Weltmeister umsteigen.“ Der finanziell günstige Einstieg ins Musizieren ist damit auch eine ökonomische Zukunftsplanung hinsichtlich potentieller Neukunden. Denn neben den Einsteigerinstrumenten bietet das Unternehmen passende Akkordeons für alle weiteren Entwicklungsschritte und Musikvorlieben.

Vor zwei Jahren wurde ein besonderes Instrument für einen besonderen Künstler gefertigt: ein Knopfakkordeon für einen kleinen Jungen, dem zwei Glieder an den Fingern fehlen, mit einer individuellen Anpassung von Abstand und Größe der Knöpfe. Das wohl ungewöhnlichste Projekt war der Auftrag des turkmenischen Präsidenten. Gewünscht wurden zwei weiße Akkordeons Supita und Saphir (Listenpreis 6499 beziehungsweise 2499 Euro). Beide Instrumente wurden mit goldenen Buchstaben, goldenen Balgecken und vergoldeten Mustern verziert. Hinzu kam noch je ein weißer Lederkoffer mit aufgesticktem Präsidentenwappen. „Der Preis ist Kundengeheimnis. Ich kann nur sagen, dass ein Buchstabensatz aus Massivgold alleine 3500 Euro gekostet hat und auf jedem Instrument dann auch jeweils einer angebracht war“, verrät Herberger.

Vor der Wiedervereinigung wären Geschäfte dieser Art undenkbar gewesen. Nach der angeordneten Verstaatlichung der Betriebe in der DDR wurde 1949 aus einem der damals weltgrößten Akkordeonhersteller der Stammsitz des neugegründeten VEB Klingenthaler Harmonikawerke. „Ein paar private Betriebe haben noch eine Zeitlang überlebt und sich nicht enteignen lassen“, sagt Volkmar Schneider, der im Vertrieb der Harmona Akkordeon GmbH tätig ist. Auch wenn viele namhafte Akkordeonbauer verschwanden, überlebte die Marke Weltmeister die rund 41 Jahre der DDR. Fabriziert wurde in 27 Werkshallen, in denen etwa 3000 Arbeiter mit der Fertigung der Akkordeons vom Zuschneiden der Holzteile bis zur Auslieferung beschäftigt waren. Heute arbeiten noch 76 Beschäftigte und 10 Lehrlinge in dem Akkordeonwerk, das auf ein Werksgebäude der damaligen Produktion geschrumpft ist. 1978 lag die Jahresproduktion bei knapp 50000 Instrumenten. Ein serienmäßiges Akkordeon kostete damals zwischen 600 und 1000 DDR-Mark. Die Tagesfertigung sank von 200 Instrumenten auf heute 20 Akkordeons. „Nach der Wende ging es nur noch um das Überleben der Firma. Die Strukturen, die es einmal gab, sind alle zerfallen“, erklärt Schneider. „Wir haben Glück, dass wir in den letzten Jahren wieder Kontinuität und eine neue Qualität aufbauen konnten.“

Nach dem Ende der DDR wurde 1992 die Harmona Akkordeon GmbH gegründet. 2005 kaufte Herberger das insolvente Unternehmen für einen Euro. „Als ich den Betrieb übernommen habe, sah es hier schlimm aus. Es gab Wildwuchs in allen Abteilungen und weder eine Gliederung noch ein System“, berichtet Herberger. Im Jahr der Übernahme betrug der Umsatz 2,65 Millionen Euro. Mit neuem Leitungskonzept und viel Arbeit stieg er 2006 über die Drei-Millionen-Marke und nahm in den folgenden zwei Jahren noch einmal um 15 Prozent zu. Doch auch in der Musikinstrumentenbranche hinterließ die Wirtschaftskrise ihre Spuren: 2009 musste Harmona einen drastischen Umsatzeinbruch von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen. 2010 kletterte der Umsatz wieder über 3 Millionen Euro. Grund für den Einschnitt war der Zusammenbruch des Markts in Russland und damit eines Hauptabnehmers. 40 bis 50 Prozent der Produkte werden heute ins Ausland exportiert. Zeitweise viel in die Vereinigten Staaten, jedoch bleibt Russland Hauptabnehmer.

Je nach Land und Spieltradition variiert die Art des Instruments. Neben dem Pianoakkordeon sind vor allem Einsteiger-Instrumente beliebt. Denn Harmona hat noch immer die Musikschule Fröhlich als Großkunden. Das Musizieren mit diesem doch eher ungewöhnlichen Instrument ist zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung geworden. „Das Akkordeonspiel kann man nicht in Gesellschaftsgruppen einteilen. Erstaunlich viele Ärzte spielen Akkordeon, sogar unser Betriebsarzt kann Akkordeon spielen“, stellt Herberger fest. Auf das Jahr 2010 blickt sie zufrieden zurück. Als Inhaberin des ältesten Akkordeonunternehmens der Welt hat sie im letzten Jahr persönlich die Qualität ihrer Produkte getestet. „Mein Musiklehrer in der Grundschule hat damals gesagt, ich gehöre zum ‚musikalischen Ungeziefer‘. Vielleicht habe ich mich deshalb nicht weiter mit Musik und einem Instrument beschäftigt. Doch vor einem Jahr habe ich selbst angefangen, Akkordeon zu spielen“, erzählt die Chefin.

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