Sie wickelte ihn in Windeln
Die gute alte Stoffwindel hat eine Menge Anhänger verloren, als in den sechziger Jahren die Wegwerfwindel Pampers auf den Markt kam. Pampers sind zuverlässig und unkompliziert. Der Aufwand, den eine Stoffwindel mit sich bringt, ist dagegen enorm. Zu der 80 mal 80 Zentimeter großen Mullwindel benötigt man zusätzlich ein gleich großes Wickel- oder Einschlagtuch, außerdem eine kleine Unterlage, die zum Schutz des Einschlagtuchs zwischen dieses und die Stoffwindel kommt.
„Ich war heilfroh, als endlich die Pampers auf den Markt kam“, spricht Rosemarie Arteman für viele. Die vierundachtzigjährige ehemalige Säuglingspflegerin war in jungen Jahren auf die Stoffwindel angewiesen, von ihr aber nicht begeistert. „Die Säuglinge lagen oft in der Nässe, wenn man nicht sofort merkte, dass die Windel gewechselt werden musste. Manchmal saugten sich sogar die Kleider voll.“ Bei ihrem zweiten Kind nutzte die vierfache Mutter erstmals die Pampers: „Der Wäscheverbrauch wurde reduziert. Viel wichtiger aber war, dass die Kinder besser schlafen konnten, da sie die Feuchtigkeit und die Nässe nicht spürten. Außerdem war es natürlich um einiges hygienischer.“
Viele Eltern stört der hohe Wasserverbrauch beim Waschen der Windeln und der unangenehme Geruch, der sich in der Wohnung ausbreitet. Trotzdem findet die Stoffwindel noch ihre Liebhaber. Denn im Vergleich zu früher gibt es einen wichtigen Unterschied: Hatte man damals alle Arbeit mit dem Waschen und Trocknen der Stoffwindeln alleine, so nimmt den Eltern diese lästige Arbeit heute ein Windelservice ab. Der Abhol- und Bringservice liefert das wichtigste Kleidungsstück ihres Kindes sauber ins Haus und holt die Gebrauchten wieder ab.
Einen solchen Service gibt es in vielen Städten, so auch in Freiburg. Dort übernimmt der Wiki-Windelservice, der seinen Sitz in Opfingen hat, diese Aufgabe. Der Service ist der älteste in ganz Deutschland. Martina Rieger, die Geschäftsführerin und Besitzerin des Ladens, übernahm den Windelservice 1999 von ihrer Schwägerin, die den Wiki-Windelservice 1990 gegründet hatte, und führte diesen von da an mit ihrem Mann Christian fort. Rieger hatte damals einen Wäscheservice, den sie nun mit ihrem Mann parallel zum Windelservice führt. Das Stoffwindelunternehmen beschäftigt vier Mitarbeiter. Ganz genau kann Martina Rieger das nicht sagen, denn der Wäsche- und der Windelservice arbeiten Hand in Hand. In einer Woche werden 6000 Windeln gewaschen. Der Wiki-Windelservice hat ein weites Einzugsgebiet: „Wir liefern bis Müllheim und Waldkirch, bis Breisach und zum Kaiserstuhl.“
Möchte man den Service in Anspruch nehmen, schließt man ein Abonnement ab. Wenn die werdenden Eltern sich nach einem ausführlichen Beratungsgespräch für eine Wickelzeit mit Stoffwindeln entschieden haben, erwerben sie ein Paket zum Preis von 18,40 Euro. Dieser Betrag ist jede Woche fällig. „Dafür bekommt der Kunde dann ein Kontingent von insgesamt 110 Windeln, 55 frische und 55 verbrauchte Windeln in der Wäsche bei uns.“ Am festgelegten Tauschtag werden die benutzten Windeln abgeholt und die frischen übergeben. In dem Preis enthalten sind die Anfahrt, das Abholen der benutzten Windeln, Waschen, Trocknen und Falten. Jeder Kunde bekommt immer wieder seine eigenen Windeln zurück.
Der Kundenkreis ist bunt gemischt, Stammkunden hat das Unternehmen nicht. „Irgendwann läuft uns jeder Stammkunde davon“, sagt Rieger. Denn jede Wickelzeit endet einmal. Die genaue Kundenzahl ist für Rieger schwer einzuschätzen. 2005 hatte das Unternehmen ungefähr 120 Kunden. Der Durchschnittsumsatz je Kunde und Monat ohne sonstigen Wareneinkauf liegt bei knapp 80 Euro. Die Zahl der Kunden habe sich etwa gehalten, sagt Martina Rieger. „Wir müssen jeden Monat 10 Prozent Neukunden werben, damit die Kundenzahl bestehen bleibt. Wir müssen also immer fleißig sein.“
Insgesamt beobachtet Rieger eine Rückentwicklung der Windeldienste in Deutschland. Ausschlaggebend dafür sei, dass die Zeit im Umgang mit den Kindern und also auch für das Wickeln knapper werde. „Von ehemals 250 Windeldiensten in Deutschland gibt es heute noch maximal 25“, verrät Christian Rieger.
„Das ist schade, denn Stoffwindeln bringen eigentlich nur Vorteile“, sagt seine Frau. Wegwerfwindeln kämen für sie nie in Frage. „Ich komme nicht aus der Tüte, und ich möchte auch nicht in eine Tüte.“ Schon am Schritt eines Kindes könne man erkennen, ob es Stoffwindeln oder Wegwerfwindeln trage. Man solle einmal auf die verschiedene Haltung des Kindes achten, wenn dieses auf den Arm der Eltern springe. Ein Kind, das mit Wegwerfwindeln gewickelt wurde, spreize die Beine unnatürlich vom Körper ab. Stoffwindeln seien ein reines Naturprodukt, das nur aus Baumwolle bestehe, und um einiges umweltfreundlicher. „Ein Kind produziert in einer Woche einen Fünfunddreißig-Liter-Eimer voller Windeln.“ Nach zweieinhalb Jahren mit Einwegwindeln ist ein Müllberg von fünf Metern Höhe mit dem Gewicht von fast einer Tonne gewachsen. Das sei eine hohe Belastung für die Umwelt. „Chemikalien gehören nicht in den Müll“, meint Rieger mit Blick auf die verwendeten Kunststoffe. Die Stoffwindel kann dagegen immer wieder verwendet werden, auch für weitere Kinder.
Man sage sogar, dass Wickelkinder mit Stoffwindeln schneller trocken werden als mit den Einwegwindeln, erklärt Rieger. Während die kleinen Schreihälse bei einer normalen Windel auf Grund des Absorbiersystems kaum bemerken, wenn sie in die „Hose“ gemacht haben, spüren sie bei der Stoffwindel schon nach kurzer Zeit, dass diese feucht ist. Dass Kinder mit Stoffwindeln öfter gewickelt werden müssten als andere, stimme nicht. „Jedes Kind, egal ob mit Wegwerfwindel oder Stoffwindel, muss mindestens sieben- bis achtmal am Tag gewickelt werden.“ Die Häufigkeit des Wickelns hänge nicht von der Art der Windel ab, sondern davon, wie häufig das Kind gefüttert werde. „Es ist wie bei uns Erwachsenen. Jeder geht unterschiedlich oft auf die Toilette. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden.“
Ob für die Kunden ein Wickeln mit Stoffwindeln billiger oder teurer ist, hängt davon ab, wie man rechne. Mache man den Fehler und vergleiche nur den Preis zum Beispiel mit Billigwindeln aus dem Supermarkt und rechne man nur mit drei- bis viermal Wickeln mit Wegwerfwindeln, dann sei das Stoffwickeln oberflächlich betrachtet teurer. „Berücksichtigt man aber die Ersparnis an Müllgebühren und auch die Ersparnis dadurch, dass Stoffwindelkinder durchschnittlich ein halbes Jahr früher trocken werden, dann kann man richtig Geld sparen. Dann ist es wirklich auf die Gesamtwickelzeit nicht teuer.“