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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Donnerstag, 1. März 2012

Wer alles liest, hat ein Problem

Schweizer bringen andere Leute in Schwierigkeiten

Sind Sie glücklich? Leben Sie ein ausgefülltes, sorgenfreies Leben? Wie langweilig!“ Mit diesem Leitspruch gehen drei Schweizer einem ungewöhnlichen Geschäftsmodell nach.


Probleme sind Sorgen des Alltags und begleiten jeden täglich. Von Konfrontationen mit defekten Parkscheinautomaten über Arbeitsstress im Büro bis hin zu finanziellen Sorgen. Somit kann man sich glücklich schätzen, wenn man keine hat. Doch ein solch problemloses Leben bringt mit der Zeit auch Langeweile mit sich. Wird sie zu groß, braucht man wieder Probleme. Diesen Gedanken verfolgten Martin Koncilja, Hansmartin Amrein und Björn Hering. „Ich habe um eine Kiste Bier mit einem Freund gewettet und gesagt, ich kann 20 Probleme verkaufen“, erklärt Koncilja die Anfänge der außergewöhnlichen Geschäftsidee. Nachdem die Wette gewonnen wurde, verfeinerten die drei Schweizer diese Idee und gingen damit im November 2008 an die Öffentlichkeit mit der Internetseite needaproblem.com. Seitdem können sich Internetnutzer in der ganzen Welt ihre Langeweile mit den Problemen der Schweizer vertreiben. Und diese skurrile Möglichkeit wird vor allem von den Deutschen gut genutzt, denn die meist fünfundzwanzig bis neununddreißigjährigen Käufer kommen „zu 75 Prozent aus Deutschland“, erklärt Koncilja. Kunden gebe es auch aus England und aus Amerika. Während seit einigen Monaten auch zunehmend „problemlose“ Australier zu den drei Unternehmern kommen, wollen die Eidgenossen die Idee aus ihrem eigenen Land noch nicht so richtig annehmen. „Die Schweizer sind nicht so aufgeschlossen für solche Ideen“, vermutet Koncilja.


Die Probleme sind nach Schwierigkeitsgraden eingeteilt: 1 Euro für ein triviales, 5 für ein einfaches, 50 für ein normales, 500 für ein schwieriges und 5000 Euro für ein fast unlösbares Problem. „Aber von den Problemen für 5000 Euro haben wir noch keins verkauft“, berichtet Koncilja. Von 500 Euro an wird beim Kauf zuerst ein Profil des Käufers erstellt, bevor dieser sein individuelles Problem erhält. Zum Beispiel wurde dem Käufer eines 500-Euro-Problems ein Alpenrundflug organisiert, bei dem er das Steuer der Maschine für einige Minuten übernehmen musste, als der Pilot Ohnmacht vorgetäuscht hatte. Aufgrund der Planung wird bei den teureren Problemen ein Teil des Geldbetrags auch wieder ausgegeben, sodass der Gewinn bei etwa der Hälfte des Umsatzes liegt. Dagegen sind die trivialen Probleme meist nicht aufwendig organisiert und können am Schreibtisch gelöst werden. Ein solches könnte etwa lauten: „Lese heute die ganze F.A.Z. (jeden Artikel, jede Werbung, jeden Buchstaben). Schreibe uns im Anschluss, wie lange du dafür gebraucht hast.“
Mit insgesamt mehr als 18000 verkauften Problemen hat die Geschäftsidee einen unerwarteten Erfolg, gesteht Koncilja: „Dass das so erfolgreich wird, habe ich natürlich nicht gedacht.“ Mittlerweile konnten etwa 10000 triviale, 7500 einfache und 1000 normale Probleme verkauft werden. Die günstigeren Probleme fanden also viel mehr Käufer, als das 35 Mal verkaufte schwierige für 500 Euro. Alleine im Jahr 2011 konnten mit 10287 Problemen mehr als die Hälfte der Gesamtverkäufe verbucht werden. „Wir legen jedes Jahr um rund 20 Prozent zu“, sagt Koncilja. Damit den Schweizern selbst bei dem großen Zuspruch nie die Probleme ausgehen, ist eine Person dauerhaft damit beschäftigt, neue zu kreieren.


Trotz dieser zunächst vielversprechenden Zahlen ist das Geschäftsmodell noch nicht ausgereift genug, um davon leben zu können. Die drei Schweizer gehen nach wie vor ihren Berufen im Bildungswesen, der Marketing- und der Fernsehbranche nach und sehen ihre Internetseite eher als Nebenjob. In den meisten Fällen kann eine Lösung mit Beweisbild oder Video eingereicht werden, um sich als Problemlöser in der „Hall of fame“ eintragen zu können. Die Beweise sind jedoch nicht notwendig, richtig kontrolliert werden können sie ohnehin nicht. Falls jemand das Problem nicht lösen konnte, „dann hat der Kunde Geld ausgegeben für etwas, das er nicht gemacht hat. Somit hat er ein weiteres Problem“, meint Koncilja.

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